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Der Israelit · 1894-08-16 · Heft 65 (16.8.1894) · page 31

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 65 (16.8.1894)
Date
1894-08-16
Page
– (sequence 31)
Language
German
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„Wir alle erkannten ihn, wir präsentirten, und machten alle die vorgeschriebenen Honneurs, was Sr. Majestät gewiß bezeugen wird." Der Kaiser erbleichte. — Der Unteroffizier Iwan Petrowitsch hatte alles so schlicht, klar und treuherzig erzählt, daß die Möglichkeit, er sei auch ein Mitverschworener für jeden vernünftigen Menschen ausgeschlossen war. Einige Sekunden herrschte gespanntes, ruhiges Schweigen, das Niemand zu unterbrechen wagte. Endlich herrschte der Flügeladjutant den Unteroffizier barsch an: „Ihr schwätzt Unsinn; ich hatte im Vorzimmer Sr. Majestät seit 9 Uhr den Nachtdienst und weiß, daß seit zehn Uhr der Kaiser sein Arbeitscabinet nicht verlassen hat." „Wenn Ihr mir nicht glaubt," erwiederte der Unteroffizier, „so könnt Ihr ja den Offizier äu jour fragen, der dem Kaiser die Thüre geöffnet hat." „Wer hat äu jom*?" „Major von Jurkarwitsch!" „Er soll sofort erscheinen!" befahl der Kaiser. Der Kaiser ging erregt in großen Schritten auf und ab, als ob er allein sei. „Es muß irgend eine Mystification vorliegen," sprach er halblaut für sich hin. Nach etwa zehn Minuten erschien Major von Jurkarwitsch. — Der Kaiser trat hinter den schweren Damastvorhang einer Fensternische, so daß er für den Major unsichtbar war. Der Adjutant hatte sofort begriffen, daß Sr. Majestät wünsche, er solle den Offizier äu jour ausfragen. „Haben Sie heute Abend Sr. Majestät den Kaiser gesehen, während Sie hier Dienst hatten?" „Allerdings; ich öffnete Sr. Majestät diese Flügelthüre, die zu den versammelten Herren Ministern führte." „Um welche Zeit war das?" „Zwischen halb zwölf und zwölf." „Ist nicht die Möglichkeit, daß hier eine Mystification vorliegt, da ich den Besuch Sr. Majestät um diese Zeit für absolut unmöglich halte." „Wo denken Sie hin," erwiederte gereizt der Major, „glauben Sie wirklich, ich bin hier als Offizier äu jour und kenne Sr. Majestät nicht? Glauben Sie aber etwa, es hätte Jemand die unerhörte Kühnheit gehabt, sich als Sr. Majestät zu geriren und mich zu täuschen, so ist eine solche fixe Idee schon deshalb ausgeschlossen, weil ich ja von Sr. Majestät die Losung verlangen mußte." „Und der Kaiser wußte die Losung?" „Warum sollte auch der Kaiser die Losung nicht wissen?" Da hielt es den Czaren nicht länger mehr in seinem Versteck. — Er trat hervor, entblößte das Haupt und sprach: „Um zehn Uhr trat ich heute Abend in mein Cabinet und arbeitete bis elf. Von elf bis gegen eins lag ich auf einem Fauteutll und schlief. Aber der Hüter Israels schläft und schlummert nicht. Er hat Euch ein Phantom geschickt, das alle getäuscht und die gegen sein Volk gerichteten Gesetze dem Feuer übergeben hat. „Wir wollen uns dieser göttlichen Fügung willig beugen und einen Wink darin erblicken, daß Gott diesen Weg, den ich einschlagen wollte, zur Vernichtung seines Volkes nicht billigte." Damit war die Gefahr, die damals über der gesammten russischen Judenheit schwebte, durch Gottes wunderbares Eingreifen abgewendet. Diese merkwürdige Begebenheit ist in weite Kreise unserer Glaubensgenossen in Rußland, Polen und Galizien gedrungen, und wird dort allgemein als thätsächlich verbürgt angesehen. — Dieser Tage lernte ich in einem Schweizerischen Kurort emert jüdischen Kurfremden aus der russisch-galiztschen Grenze kennen. Derselbe erzählte mir, daß sein Vater große Güter des Grafen G. gepachtet und verwaltet hatte. Vor mehreren Jahren fragte G. den Vater meines Gewährmanns: „Hast Du schon einmal Euren Gott gesehen?" „Nein, wie wäre das auch möglich." „Aber ich habe ihn gesehen, als er in jener Nacht die von uns entworfenen Gesetze gegen die Juden verbrannte." Graf G. war nämlich der damalige Kriegs- Minister von Kaiser Nikolaus, der als cr später von seinem Ministerposten zurücktrat, sich der Verwaltung seiner Güter an der österreichisch-russischen Grenze widmete. Aüi». Allerlei. (Die Jude« in Weftindien.) In einem Aufsatze „Kleinigkeiten aus dem dänischen Westindien schreibt Premier-Lieutenant E. V. Kolthos über die Juden auf den westindischen Inseln: „Hauptsächlich sei es mir erlaubt, hier einer Claffe westindischer Mitbürger zu gedenken, die keineswegs die Forderung macht, sich durch Hilfe äußerer, in die Augen fallender Mittel vorzudrängen, sondern sich vielmehr durch ein bescheidenes, prunkloses, den Geschäften geweihtes Leben, auszeichnet und den Freuden des Hauses und des Familienlebens sich widmet. Es ist dies die jüdische Bevölkerung auf St. Thomas, an welche ich denke, und welche in so vielen Beziehungen von den Juden daheim verschieden ist. Für's erste gilt es von den Juden auf St. Thomas, daß die meisten derselben, bis auf einige Ausnahmen, welche aus Hamburg herstammen,

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