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Der Israelit · 1894-08-16 · Heft 65 (16.8.1894) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 65 (16.8.1894)
Date
1894-08-16
Page
– (sequence 30)
Language
German
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1224 die Güte mir wenigstens dasjenige zur Einsicht vorzulegen, was Sie bis jetzt gearbeitet haben!" „Nachdem Majestät vor zwei Stunden geruhten, unsere Schriftstücke dem Feuer zu übergeben, haben wir in Hochderer Sinne zu handeln geglaubt, wenn wir von der Fortsetzung der Arbeit absehen!" „Was sagen Sie da?" herrschte der Kaiser den Minister mit einer Donnerstimme an, daß dieser erschreckt einen Schritt zurückfuhr. „Habe ich richtig gehört oder sind wir auf einer Maskerade? Ich hätte kurz vor 12 Uhr Ihre Arbeiten verbrannt? Sagten Sie nicht so? Wiffen Sie, daß Sie für's Irrenhaus oder zur Verschickung (d. h. zur Verbannung nach Sibirien) reif sind?" Die Panik, die bei diesen Worten unter die Minister fuhr, ist unbeschreiblich. Sie waren völlig rathlos und unfähig die Lage der Dinge zu überschauen. Der Kaiser erklärte sich den allgemeinen ministeriellen Schrecken in seiner Weise. Er wandte sich an die beiden an der Thüre des kaiserlichen Winkes harrenden Adjutanten und befahl ihnen durch eine barsche Handbewegung näher zu treten. „Ich gebe Ihnen hiermit den gemessenen, kaiserlichen Befehl die sämmtlichen Mitglieder des Staatsministeriums zu verhaften. Dieselben sind von den Juden bestochen. Seit zwölf Stunden sitzen sie hier, um ein Gesetz gegen die Juden auszuarbeiten und haben keine Feder eingetaucht. Statt dessen tranken die Herren hier Champagner und jetzt, wo ich sie dabei überrasche, haben die Menschen die Stirne mir zu sagen, ich sei vor zwei Stunden hier gewesen, und habe ihre Schriften verbrannt. Sie, meine Herren Flügel-Adjudanten, wiffen doch am zuverlässigsten, daß ich seit heute Abend zehn Uhr mein Arbeitskabtnet nicht verlaffen habe." Da trat der Kriegsminister vor seinen Kaiserlichen Herrn hin: „Gnade, Majestät! Aber hier liegt ein mir unerklärliches Räthsel vor. Ich schwöre den höchsten Eid und lege meinen Kopf auf's Schaffst, wenn es nicht wahr ist, daß Euere Majestät genau vor zwei Stunden, zwanzig Minuten vor zwölf hier an meiner Seite stand und unsere sämmtlichen Manuscripte mit den Worten „dummes Zeug!" in die Flammen dieses Kamins warf. Wenn Ew. Majestät sich dieses Vorgangs nicht mehr zu entsinnen belieben, so wollen Hochdieselben gnädigst gestatten, dieses Faktum in Hochderer Gedächtniß zurückzurufen, damit Ew. Majestät nicht die treuesten Diener der Krone unschuldig in die Verbannung weist." Der Kaiser wechselte die Farbe vor Wuth und Entsetzen. „Und Sie, meine Herren Minister, stimmen allen diesen Worten des Kriegsministers bei?" keuchte der Czar. „Ja, Majestät!" lautete die einstimmige Antwort. „Das ist ja ein regelrechtes Complott!" rief der Kaiser mit einer Mischung von Zorn und Bestürzung. „Verhaften Sie sofort dieje Herren und beordern Sie die Schloß-Patrouille, um diese Verschwörer in Gewahrsam zu bringen!" Als die bärtigen Kosaken sechs Mann hoch in den Saal traten, trat einer der Adjutanten zu dem Kaiser und sagte ihm leise einige Worte. Der Kaiser nahm dieselben mit sichtlicher Befriedigung auf. Er trat vor die den Tisch umstehenden Minister hin und sprach mit gedämpfter Stimme, so daß es die Kosaken an der Etngangsthüre nicht verstehen konnten: „Sie haben die Kühnheit mir zu sagen, ich sei vor Mitternacht hier gewesen; ich weiß, das dies Lug und Trug ist, da ich mein Cabtnet nicht verlassen habe. Sie wissen, daß Niemand hier passiren kann, ohne von der Patrouille nach der Losung befragt zu werden. Die Patrouille muß mich, wenn ich hier war, doch auch gesehen haben, fragen Sie doch dieselbe einmal, wenn Sie den Muth haben!" Der Ministerpräsident entgegnete: „Soweit Menschen etwas wissen, erfahren und behaupten können, soweit sind wir alle bereit die Anwesenheit Ew. Majestät durch einen Eid zu besiegeln. Stellen Ew. Majestät die Thatsache Ihres Besuchs dennoch in Abrede, so würde es uns schlecht anstehen. durch Fragen an gemeine Soldaten die Worte Ew. Majestät in Zweifel zu ziehen." „Nun denn werde ich fragen," erwiederte der Kaiser gereizt. „Fragen Sie die Wache laut und deutlich, damit ich die Herren brevi maim durch sechs unbescholtene, unbestochene Zeugen Lügen strafen kann!" befahl der Kaiser dem Dienst thuenden Adjutanten. „Unteroffizier Iwan Petrowitsch tretet vor! „Wann habt Ihr die Schloß-Wache bezogen?" „Heute Abend sechs Uhr." „Hat Jemand in den linken Flügel des Palais, in dem wir uns jetzt befinden, seitdem Einlaß begehrt?" „Außer Sr. Majestät Niemand." „Thorheit, daß Sr. Majestät eintrat, das weiß ich; da war ich ja zugegen. Sr. Majestät der Kaiser könnte ja sonst nicht hier sein." „Sr. Majestät war aber zum erstenmal zwischen halb zwölf und zwölf ohne Euere Begleitung hier." „Was sagst du? Und du erkanntest den Kaiser?"

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