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Der Israelit · 1894-08-16 · Heft 65 (16.8.1894) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 65 (16.8.1894)
Date
1894-08-16
Page
– (sequence 24)
Language
German
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1222 Palais abschließen und es durch verstärkte Wachen l Dabei traute auch kein College dem anderen. Jeder noch schärfer als sonst bewachen lassen. Ich verwußte, daß der Kaiser mit jedem Einzelnen bepfltchte das Ministerium diese Räume nicht wieder zu verlassen, bis es den Ihnen detaillirten Plan im Entwurf fertig gestellt hat. Da Sie wahrscheinlich noch vor dem Diner sich befinden, so habe ich auch dieses Herrichten lassen. Etwa für den Entwurf erforderliches Material aus der Gesetzessammlung des Reiches, aus den Bekenntnißschriften der Juden steht Ihnen nach Bedürfniß aus meiner Piivatbibliothek zur Verfügung. Wie lange Zeit glauben Sie, daß Sie für diese Arbeit nöthig haben? Die Minister sahen sich verduzt an. Sie hatten die Sprache verloren. Schon manche Laune und Willkür ihres kaiserlichen Herrn hatten sie über sich müssen ergehen lassen, aber das war doch zu bunt. Doch was sollten die geplagten Minister machen? Opposition war nicht denkbar; dieses Wort steht in keinem russischen Minister-Lexicon. Jedes auch nur schüchtern üervorwagende Bedenken hätte den Wagehals dem Verdacht ausgesetzt, er sei bereits antecipando für alle möglichen und unmöglichen Fälle von den Juden bestochen. „Es ist jetzt 2 Uhr Mittags, Majestät," erwiederte nach einer peinlichen Pause der Ministerpräsident. „Ich glaube, daß meine Herren College« im Hinblick auf die Dringlichkeit der Sache, auf das Diner verzichten, und sich mit einigen während der Arbeit zu nehmenden Erfrischungen begnügen. Dann denke ich wohl, daß wir in etwa 12 Stunden also gegen 2 Uhr heute Nacht den Entwurf redigirt haben können." „Dann möchte ich Sie nicht länger von dem Beginn der Arbeit zurückhalten. Ich werde mich dann heule Nacht nach dem Stand Ihrer Arbeit umsehen, und erkläre jetzt den Ministerrath geschlossen." Mit diesen Worten erhob sich der Kaiser und verließ klirrenden Schrittes das Gemach, dessen Thüre sich geräuschlos öffnete und sich ebenso leise wieder schloß. Als die Mitglieder des Ministeriums allein waren, wechselten sie einen verständntßvollen Blick, der einige wenige Sekunden beanspruchte. Bei den muthigsten Ministerseelen verrieth dieser Blick ingrimmigen Haß über diese erniedrigende Behandlung und eine schlecht verhehlte Schadenfreude darüber, daß man schon im voraus wußte, man werde mit diesen kleinlichen Mitteln nicht mehr und nicht weniger als bisher erreichen. Aber das war nur ein rasches Aufflackern, das jeder schnell zu dämpfen sich bemühte. Kein leises Wort des Unwillens kam über die ministeriellen Lippen. Wenn irgendwo haben in den Palästen die Wände Ohren. sondere Beziehungen unterhielt und daß jeder fähig war, der Berräther des anderen zu werden. Schweigend gingen alle an die Arbeit. Der Minister des Innern, der alle einschlägigen Gesetzesbestimmungen genau kannte, übernahm die Redaktion des Entwurfs und stellte die Details nach dem Plane fest, wie ihn Sr. Majestät soeben entwickelt hatte. Jeder einzelne Passus wurde gemeinschaftlich durchgesprochen und die Ausarbeitung der einzelnen Punkte auf die verschiedenen Minister vertheilt. Nach neun Uhr Abends war jeder mit der Bearbeitung seines Theils zu Ende. Die Arbeiten wurden verlesen, einzelne Punkte noch diScutirt und entsprechend geändert. Kurz vor elf Uhr hatte der Minister des Innern die Arbeiten seiner sämmtlichen College» vor sich liegen, um dieselben zu einem einheitlichen Ganzen zu verbinden. Kurz vor zwölf hörten die versammelten Minister, die Wache ins Gewehr rufen, ein Zeichen, daß der Kaiser im Anzug war. Bald darauf hörte man auf dem Corridor die klirrenden Schritte der Dienst thuenden Patrouille und wenige Sekunden nachher wurde von dem Offizier du jour die Flügelthüren geöffnet und der Kaiser trat unter die versammelten Minister. Diese hatten sich erhoben und erwarteten die Frage des Monarchen nach dem Stand ihrer Arbeit. Dieser aber hatte die Situation sofort überschaut. Er trat an den Platz des Ministers des Innern, nahm die Arbeit, die fast zum größten Theil abgeschrteben war und warf einen kurzen, prüfenden Blick auf dieselbe. Dann nahm Nikolaus auch die Einzel-Entwürfe der anderen Minister, welche dabei lagen, verglich sie flüchtig mit dem Gesammtentwurf, legte dann alle Scripturen zusammen, trat an die lodernde Gluth des Kamins, warf alle Schreibereien hinein, machte kehrt und verließ den Saal. Die Scene spielte sich in wenigen Minuten ab, ohne daß dabet weder seitens des Kaisers noch der Minister ein Wort gesprochen wurde. Wieder schloß sich die Thüre, ertönten die ehrnen Tritte der Patrouille, und die Wache trat geräuschvoll vor, dann war alles still und man hörte nur noch das Knittern der verglimmenden Papiere im Kamine. Die Minister starrten einander an. Um sich diese kaiserliche Handlungsweise zu erklären, dafür reichte auch ihre Diplomatie nicht aus. Der Minister des Innern, der für seine neueste legislatorische Leistung einen hohen Orden erwartet hatte, war nicht mehr in Zweifel, daß er in Ungnade gefallen war, wenn er auch keine Ahnung von der Ursache dieser Ungnade hatte. Da er nichts mehr zu verlieren hatte, so fand er zuerst den Muth

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