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Der Israelit · 1894-08-16 · Heft 65 (16.8.1894) · page 25

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 65 (16.8.1894)
Date
1894-08-16
Page
– (sequence 25)
Language
German
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1223 der Beklemmung aller durch einen Stoßseufzer Luft zu machen. „Das ist doch unerhört," sagte er in gedämpftem Ton, „Schulkinder sind wir doch eigentlich nicht, die man unter Klausur ihre Strafarbeit machen läßt, um sie dann ohne ein einziges Wort der Begründung zu verbrennen." „Ohne ein einziges Wort! das ist nicht ganz correct, ich habe Sr. Majestät ausdrücklich die Worte „dummes Zeug!" murmeln hören, als Hochderselbe den ersten Blick auf das Elaborat warfen," bemerkte ironisch der Kriegsminister. Die Collcgen wußten, daß der Minister des Innern und der Kriegsmtnifter seit Jahren nicht am besten zusammen standen, und daß beide jede Gelegenheit weidlich ausnützten, um dem anderen einen Hieb zu versetzen. Deshalb fand diese Bemerkung nicht vielen Glauben. Der Finanzminister meinte, die Mission des Mtntsterraths sei nun beendet und es wäre wohl jetzt am Platze, sich endlich nach Hause zu begeben. Der Ministerpräsident machte dagegen geltend, daß allerdings Sr. Majestät seine Unzufriedenheit über die bisherige Leistung in nicht zu verkennender Weise ausgedrückt habe. Aber es wäre doch möglich, daß Sr. Majestät noch einen andern Entwurf von seinem Ministerium erwartet. Jedenfalls fehlen noch zwei Stunden an der Zeit, die wir selber für die Fertigstellung der Arbeit in Aussicht nahmen und vorher dürfen wir keinesfalls unseren Posten verlassen. Darauf erwtederte der Ackerbauminister, er stimme zwar mit seinem Vorredner überein, daß wir bis zwei Uhr auf unserem Posten auszuharren haben, aber von einem neuen Entwurf könne doch nicht mehr die Rede sein. Wenn unsere Arbeit, die wir den Intentionen Sr. Majestät gemäß ausarbeiten, keine Gnade findet, wie könnten wir dann ein Elaborat nach eigenem Ermessen zu Wege bringend — Er erinnere übrigens die Herren Eollegen daran, daß der Champagner und die übrigen Erfrischungen im anstoßenden Speisesaal noch gänzlich unberührt sind und daß wir die Anstrengungen und Aufregungen der letzten Stunden durch ein Hoch auf Sr. Majestät des Czaren mildern wollten. Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Alle verließen das Arbeitscabinet und begaben sich zur reichlich besetzten Tafel des Speisesaals. Die vorzüglichen, feurigen Weine lösten bald die Zungen der erlauchten Gesellschaft und ein Späher Kälte vielleicht manches illoyale Wort, wenn auch nicht sprechen, so doch flüstern hören können. — Da, als die Zecher bereits über eine Stunde dem Weine zugesprochen hatten, es war eben halb zwei vorüber, hörte man wieder die Wache ins Gewehr rufen. Wieder erdröhnen die schweren Schritte der Patrouille, wieder öffneten sich die hohen Flügelthüren und der Kaiser von zwei Dienst thuknden Adjutanten begleitet, tritt ein, mit einem verbindlichen, liebenswürdigen Lächeln auf den Lippen, wie es die Minister schon lange nicht bei ihrem fürstlichen Herrn zu sehen gewohnt waren. „Ich dachte es mir doch, meine Herren, daß Sie längst vor der festgesetzten Frist mit Ihrer Arbeit zu Ende sein werden und nun auch noch Zeit und Muße finden, des Körpers zu gedenken, der nicht minder stark wie der Geist in den letzten zwölf Stunden bei Ihnen in Anspruch genommen war. Nun habe ich nur die eine Bitte, daß Sie sich Ihren Trunk nicht durch mich stören lassen. Wenn Sie gestatten, nehme ich an Ihrem frugalen Mahle theil und der Herr Ministerpräsident wird die Güte haben den fertig gestellten Entwurf hier zu verlesen. Die Discussion wird bei einem Glase Wein viel gemüthlicher sein, oder am Ende gar nicht aufkommen. Der Ministerprästdent erbleichte. Er hatte also richtig vermuthet, Sr. Majestät hatte ein anderes Elaborat erwartet. Auch die übrigen Minister waren sprachlos vor Schrecken. Wieder war es der Minister des Innern, der zuerst seine Fassung wieder gewann und sich verlegen räuspernd sprach: „Majestät wollen bedenken, daß es in dieser kurzen Zeit doch nicht wohl möglich war, ein complicirtes Elaborat auszuarbeiten, wie Ew. Majestät es wünschen. Wir glaubten daher im Sinne Ew. Majestät zu handeln, wenn wir die Ausarbeitung auf die Tagesordnung des nächsten Ministerraths setzten." „Ist das Ihre eigene Ansicht oder sprachen Sie im Namen aller Ihrer Eollegen?" fragte in scheinbar glekchgiltigem Tone der Czar. Aber der aufmerksame Beobachter merkte am Bibriren der Stimme, daß ein ungewöhnlicher Sturm im Anzug war. „Allerdings," antworteten gleichzeitig einige Ministerstimmen, „konnten wir nach den höchsteigenen Dispositionen Ew. Majestät doch kaum anderer Ansicht sein. In so kurzer Zeit wäre doch die Ausarbeitung und Fertigstellung des Entwurfs nicht denkbar gewesen." Da erhob sich zornentbrannt der Kaiser.' „Glauben Sie denn, Sie treiben mit mir Ihr Spiel? Haben Sie mir nicht selber erklärt, Sie wollten in zwölf Stunden die Arbeit fertig stellen? Wäre ich nun jetzt gekommen und Sie hätten eine Prolongation dieser Frist gewünscht, so hätte ich sie ja selbstredend gewährt. Aber so, scheinen Sie die ganze Zeit verpraßt zu haben. Haben Sie doch

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