Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1894)
- Date
- 1894-08-16
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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1221 es waren doch nur einzelne Familien, welche auf diese Weise in Unglück und Verzweiflung getrieben wurden. Nikolaus hatte auch schon für einzelne Theile des Reichs Gesetze erlassen, welche das Studium der Thora verboten, die Ausübung der jüdischen Religionsgesetze mit schweren Strafen belegten. Aber das alles hatte sich als vollständig wirkungslos erwiesen. Wenn eine solche Verordnung erschien, welche von einem bestimmten Termin an die kaiserlichen Verbote in Kraft erklärte, so setzten die jüdischen Gemeinden alle Hebel in Bewegung, um das Verhängntß abzuwenden. Sie scheuten vor keinem Opfer zurück, sie gewannen die Gouverneure, die Minister, kurz alle maßgebenden Faktoren, so daß die Gesetze annullirt wurden, bevor sie in Kraft traten. Traten sie aber wirklich in Kraft, so dauerte es nicht lange bis die Juden die mit der Ausführung dieser Gesetze betrauten Beamten gewonnen hatten. Die Gesetze waren da, aber ausgeführt wurden sie niemals. Man wahrte höchstens den Schein, aber die Juden und die kaiserlichen Beamten waren einig, die drakonischen Bestimmungen des Kaisers nur auf dem Papier stehen zu lassen. Das alles wußte der Kaiser. Er hatte die Judenfrage wie selten ein anderer studirt. Er wäre vor keiner Gewaltmaßregel gegen die Juden zurückgeschreckt, wenn sie ihn nur zum Ziele geführt hätte. Aber er war rathlos. Tiefer furchte sich die Stirne, ungestümer schritt er in seinem Cabinet auf und nieder. Jetzt hielt er plötzlich inne. Er schien eine Lösung gefunden zu haben; keine, die ihn befriedigte, aber doch eine solche, die unter diesen Umständen die einzig mögliche schien. Der Kaiser berief das gesammte Staatsministerium zu einer Berathung zusammen, der er selber präsidiren wollte. Zwei Stunden später waren alle Minister vollzählig erschienen. Solche plötzliche Ministerialsitzungen waren unter Kaiser Nikolaus nichts ungewöhnliches. Nichts regte den Kaiser mehr auf als Gedanken und Pläne, die ihrer Ausführung harrten. Heiß und hastig wie die Entwürfe aus der Werkstätte des Geistes kamen, sollten sie feste Gestalt annehmen und in Thaten umgesetzt werden. Heute war der Kaiser besonders erregt, ein wildes Feuer leuchtete aus den glühenden kaiserlichen Blicken, das jeden zu versengen drohte, auf den sich das Auge des Czaren richtete. Der Czar schien sich auch gar keine Mühe zu geben, seine tiefe Erregung zu verbergen; er gab ihr imGegentheil so drastischen, geradezu verletzenden Ausdruck, daß es selbst die Minister befremdete. „Ich habe Sie zu einem Ministerrath berufen," begann der Kaiser, „um nun endlich die Judenfrage aus der Welt zu schaffen. Wir haben nichts wichtigeres in unserem ganzen Leben und Wirken zu thun, als diese Angelegenheit im Sinne der Kirche zu erledigen. Wie könnten wir auch gegen den Halbmond draußen Kriege führen, so lange wir die Leugner des Christenthums noch in unserer Mitte dulden. Wir müssen die Juden los werden, oder dieselben müssen sich sammt und sonders taufen lassen. Das braucht nicht ausgesprochen zu werden, da es jeder von selbst begreifen wird. Untersagt muß den Juden dasjenige werden, woran sie am meisten hängen, woraus sie die ungewöhnliche Kraft für den Widerstand schöpfen, den sie uns trotz ihrer materiellen Schwäche seit Jahrtausenden leisten. Es müssen geschlossen werden: 1) alle Chedarim, das sind die jüdischen Kinderschulen; 2) alle Botei Hamidrasch und Jeschiboth, das sind die Lehranstalten für das Studium der Bibel und des Talmud bet, den Erwachsenen; 3) alle Synagogen. Es muß verboten werden.- 1) die Heilighaltung des Sabbat, 2) die Beschneidung, 3) bie Benützung der rituellen Bäder. Es wird nun Sache des Ministeriums sein, diese Verbote zu begründen und den Nachweis der Gemeinfährlichkeit der Juden zu erbringen, falls sie diese Observanzen noch weiter beobachten, ferner schwere Strafen für die Uebertreiung dieser Verordnung fcstzusetzen. Wir können diese Verordnung nicht sofort in Kraft treten lassen, weil es Wochen und Monate dauert, bis sie in alle Theile unseres Reiches gelangt sein wird. Wir können aber auch keinen späteren Termin feftsetzen, weil sonst die Juden vorher davon Kenntniß haben und wieder wie bisher Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um unsere Maßnahmen zu vereiteln. Ich schlage deshalb folgendes vor: Das Gesetz tritt erst in ca. 5 Monaten d. i. am ersten April des nächsten Jahres in Kraft. Dieser fällt auf den ersten Tag des jüdischen Passahfestes. Der Ukas wird direkt vom Ministerium des Innern wohl versiegelt an alle Behörden aller Städte und Dörfer des ganzen Reichs geschickt, daß das beiliegende amtliche Schreiben erst am 31. März geöffnet werden dürfe und dann sofort auszuführen sei. Auf diese Weise ist den Juden jeder Weg abgeschnitten, gegen diesen Ukas zu remonftriren. Da ich aber weiß, daß die von den Juden listig gesponnenen Fäden bis in mein hier versammeltes Ministerium reichen, so habe ich das l m