Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1894)
- Date
- 1894-08-16
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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1220 Die brutalen Gewaltmaßregeln, welche der Kaiser gegen seine jüdischen Unterthanen im Schilde führte, sollten der großen Welt gegenüber wenigstens formell gerechtfertigt werden. Es hätte sich doch selbst für Rußland zu roh ausgenommen, die religiöse Unduldsamkeit als das einzige Motiv der von höchster Stelle inaugurirten Judenverfolgung zuzugestehen. Der Kaiser, so war der Plan des Misters, soll eine Notabeln-Versammlung nach St. Petersburg berufen, an der nicht nur staatliche, sondern auch jüdische Würdenträger rhetlnehmen. Auf dieser Versammlung sollen die angeblichen und wirklichen Mißstände zur Sprache kommen, welche man den Juden zur Last legte. Es solle den Juden formell Gelegenheit geboten werden, sich gegen die Anschuldigungen zu rechtfertigen. Da sie das jedenfalls nicht im Stande sind, so soll ihnen die freie Ausübung ihrer Religion im ganzen Reiche untersagt werden. Die Versammlung trat im Jahre 1844 in St. Petersburg zusammen. Sie wurde vom Minister des Innern eröffnet und zwar in einer Weise, die darauf berechnet war, die jüdischen Notabeln von vornherein einzuschüchtern und ihnen allen Muth zu benehmen. Sie seien auf Befehl des Kaisers zusammcngetreten, um über die Judenfrage zu bcrathen. Die Juden seien das Unglück der Menschheit, der Krebsschaden jedes Staatswesens. Seit Tausenden von Jahren verharren sie trotz Härte und Güte bei ihrem alten Trotz, sie bilden einen Staat im Staate, schließen sich von den übrigen Staatsgenoffen ab, sie saugen das Land aus, kurz es scheine räthelhaft, was die göttliche Vorsehung eigentlich da geschaffen hat, indem sie die Existenz eines so grundverdorbenen Volkes zuließ. Diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Wenn derjenige, welcher die russische Judenfrage regeln soll, von solchen Anschauungen beseelt ist, so wußten die Juden, daß sie verloren sind. Thränen entströmten unwillkürlich den Augen der jüdischen Greise, als sie diese gotteslästerlichen Worte des ersten Ministers hörten. Dieser aber weidete sich an der Seelenangst seiner Opfer und that sich viel darauf zu gut, daß er seinen Zweck so gut erreicht habe. Er wollte eben fortfahren, als sein Blick auf einen der anwesenden Rabbinen fiel, der im Gegensatz zu seinen Genossen nicht nur heiter dreinschaute, sondern der eine Miene angenommen hatte, als müsse er alle Mühe anwenden, um einen lauten Freudenausbruch gewaltsam zu unterdrücken. Dieses Lachen brachte den Minister aus dem Concept. Sollte der Jude ihm wirklich das Spiel verderben? „Wie heißt Ihr?" herrschte ihn der Minister an, um ihn einzuschüchtern. „Ich heiße Rabbi Jtzchak aus Wolostn, Excellenz." „Warum lacht Ihr, wenn ich hier im Namen und Auftrag Sr. Majestät des Kaisers rede?" „Ich habe mich über die merkwürdige Rede und die seltenen Gedanken Ew. Excellenz gefreut." „Es war doch nichts besonders Schmeichelhaftes, was ich über Euch Juden zu sagen hatte." „Verzeihen Excellenz. So lange ich lebe und selbstständig denken kann, habe ich mich gesehnt, solche Worte zu hören. Aber ich habe nicht zu hoffen gewagt, daß ich in Wirklichkeit das Glück genießen würde. Jetzt da es gegen Erwarten nun doch so gekommen ist, werden Ew. Excellenz meine Freude begreiflich finden." „Ihr sprecht in Räthseln, erklärt Euch, aber macht's kurz." Der heidnische Seher Bileam hat es vor Jahrtausenden bereits ausgesprochen, daß einst eine Zeit kommen werde, in welcher man so gering über Israel und Jakob denken wird, daß man sich zu dem Vorwurf gegen Gott selbst berechtigt glaubt, was er da geschaffen habe. Wenn sich somit die allgemeine Unzufriedenheit nicht auf uns Juden beschränkt, sondern sich gar auf unseren Vater im Himmel erstreckt, dann sind wir keiner größeren Erniedrigung mehr fähig, dann beginnt unser Geschick sich plötzlich zum Guten zu wenden, dann erfüllen sich die Worte, die dann unmittelbar folgen: Siehe das Volk steht wie ein Löwe auf und erhebt sich wie ein Leu *) u. s. w. Vor dieser göttlichen Weisheit waren die kleinlichen Ministerränke machtlos. Die jüdischen Genossen gewannen ihre Seelenruhe und damit ihren klaren Geistesblick wieder, der es leicht gelang, die gegen die Juden erhobenen Anklagen in ihrer ganzen Nichtigkeit vor aller Welt blobzustellen. Der Minister unterlag und die Juden blieben die Sieger. Das war es, was Kaiser Nikolaus beschäftigte. Er war rathlos den Juden gegenüber. Alles, was er den Juden gegenüber bis jetzt in Scene gesetzt hatte, mißlang vollkommen oder zeigte sich doch als recht ungenügend. Er hatte von Jahr zu Jahr die jüdischen Familien in Russisch-Polen nächtlich durch seine Häscher überfallen lassen, riß den Eltern die Söhne un Alter von 10 und 12 Jahren hinweg, ließ sie gewaltsam taufen und steckte sie unter die Kosaken in Kaukasten oder der Insel Krim, aber Dy in HD ^na^i 2pyH nos’ np (‘ — .'O* NKOn’ Dip1 Dieses Vorkommnis; ist historisch. — Es ist dem trefflichen nnx n*3 “1DD ©. 244 entnommen, welches Herr S. I. Hers chmaiiir in Hamburg vor einigen Jahren veröffentlicht har.