Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1894)
- Date
- 1894-08-16
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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für das mm ^LrthodM LuderrtMmÄ A R9 OSES^ lNr. «. 16. Aug 1894] m&m m&j. mm imam i&'M , Ä'>3irS Ü»* WSB£BS2G> Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels? Von Robert Hänlein. (Nachdruck verboten.) Unsere Erzählung führt uns 50 Jahre zurück in das Arbeitskabinet eines der Mächtigsten unter den Mächtigen der Erde, zu Kaiser Nikolaus. Der Ezar ging mit finster gerunzelter Stirne hastig auf und ad und verrieth durch jede Bewegung, daß es ernste Gedanken und Anliegen waren, die seine Seele beschäftigten. Er hatte soeben einen Brief an den König von Preußen geichrieben, in welchem er ihn um Ueberlassung von vier zuverlässigen, kräftigen Unteroffizieren ersuchte, die ihm bei den kalten Einreibungen asistiren sollten, die ihm vom Arzt empfohlen waren. Er habe, so schrieb er seinem königlichen B.'tter, auch in St. Petersburg kräftige Leute genug, aber keinen, dem er sich zuverlässig anvertrauen könnte, keiner, bei dem er entkleidet ohne Waffen statt der Einreibung nicht rücklings einen Todesstoß zu riskiren hätte. Der Mächtige, vor dem Europa zitterte, fürchtete seine nächste Umgebung und hatte gewiß alle Ursache dazu. Dieser schroffe Gegensatz zwischen unbeschränkter äußerer Machtfülle und tatsächlicher Furcht und Machtlosigkeit mußte zersetzend auf Geist und Charakter des Mannes wirken, der unter diesem Widerspruch Tag für Tag zu leben und zu wirken berufen war. Es gehörte seitens des Czaren ein großer Aufwand von Energie, Rücksichtslosigkeit, Barschheit und Willkür dazu, um die nächste Umgebung über seinen inneren Seelenzustand zu täuschen. Die Heftigkeit, Unnahbarkeit und Unberechenbarkcit des Kaisers waren der Kordon, den der Selbstherrscher aller Reussen schlauer Weise um sich gezogen hatte. Alle jene oft unerträglichen Beschwerden dieses glänzenden Elends schienen dem Kaiser geringfügig *) Diese Erzählung wird auch in Buchform als SeparatanSgabe erscheinen. (Bezugspreis 20 Pf.) im Hinblick auf die großen Ziele, in deren Dienst er sich von der Vorsehung berufen glaubte: Das alte mcskowitische Vermächtntß endlich zur Wahrheit zu machen, und das Heileszeichen seiner Religion am goldenen Horn am Bosporus auszupflanzen. Alle Maßnahmen seiner Politik, seiner Diplomatie und Verwaltung steuerten auf dieses Ziel los. Auch seine Stellung zu den Juden seines Reichs nahm Ezar Nikolaus nach diesen Voraussetzungen. Sie war ihm von selbst vorgezeichnet. Waren für seine Religion selbst die Grenzen des ungeheueren russischen Reichs zu enge, und schwebte ihm als Hochziel seines ganzen Lebens die Eroberung des Islam durch das Christenthum und zwar durch sein Christenthum vor, wie hätte er im eigenen Lande, innerhalb des heiligen russischen Reichs noch Juden dulden können?! Das war die Quelle des ungewöhnlichen Judenhasses, den Kaiser Nikolaus mit rasfinirter Grausamkeit pflegte. Die Millionen jüdischen Unterthanen ohne weiteres von Haus und Hof zu verjagen, das ließ sich nicht so leicht bewerkstelligen, schon deshalb nicht, weil jeder andere Staat sie an seinen Grenzen zurückgewicscn hätte. Der Gedanke, wie man die Juden mit oder ohne Anstand endgiltig los werden könnte, beschäftigte eben Kaiser Nikolaus bei dem erregten Gange durch sein Arbeitskabinet, und seine finster gerunzelte Stirne verrieth, daß er noch keinen befriedigenden Ausweg gefunden hatte. Vor wenigen Monaten hatte er einen Ministerrath deshalb einberufen. Der Plan, den damals der Minister des Innern vorgelegt hatte, war dem Kaiser einleuchtend. Aber jetzt schien der Kaiser schwankend geworden. Soweit der Plan bis jetzt realisirt werden konnte, erwies er sich als unpraktisch.