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Der Israelit · 1894-08-16 · Heft 65 (16.8.1894) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 65 (16.8.1894)
Date
1894-08-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1200 bot jenen Organen christlicher Nächstenliebe den gebotenen Anlaß mit der ganzen eklen Biedermeierei, die das Gesindel ziert, die amtlich bescheinigte „Unstttlichkeit" des Schulchan Aruch in allen Tonarten zu verkünden. Der Oberratb aber schwieg und sah mit der edlen, vornehmen Ruhe, welche treue Pflichterfüllung allein zu verleihen mag, dem wüsten Treiben zu, das sich unter seinen Augen abspann. Erst nach zehn langen Tagen, nachdem die Tollwuth des antisemitischen Revolverheldenthums ihren Höhepunkt bereits überschritten hatte, erschien eine zweite Erklärung in der „Karlsruher Ztg.". die die Ecken der ersten Auslassung abzuschleifen und den ausgestreuten Verdächtigungen entgegenzuwirken sich bemühte. Wir geben dieselbe an anderer Stelle d. Bl. wieder. Die vorstehende Schilderung spricht — das dürfte wohl das einstimmige Urtheil unserer Leser sein — Bände und jedes Wort des Commentars oder Zusatzes scheint nur geeignet den Eindruck, den der schlichte Sachverhalt erweckt, abzuschwächen. Wenn wir dennoch im Folgenden einige Erwägungen an denselben zu knüpfen den Anlaß ergreifen, so hat das seinen Grund darin, daß nach unserer Erfahrung das öffentliche Urtheil, deffen verdammende Tendenz überall ungetheilt hervortritt, sich in falscher Richtung zu bewege:; scheint. Man sucht und findet den eigentlichen Schuldigen an dem beispiellosen Chilul Haschem, den die leidige Censurgeschickte bewirkt hat, an der Stelle, von der die erste Erklärung ausging, die durch ihre banalen Schlagworte statt aufzuklären und zu beruhigen aufreizend wirken und zu dem Schaden noch den berechtigten Spott der Feinde fügen mußte. Man fragt sich in den weitesten Kreisen, ob eine Rumpfbehörde, wie sie der Oberrath zur Zeit darstellt, da ihm sein sachverständigstes Mitglied, der in dem Großh. Dekret vorgesehene geistliche Sekretär fehlt, berufen und befähigt ist, die geistliche Oberaufsicht, die sie als ihr Recht beansprucht, sachgemäß zu führen. Man hat die aus den Thatsachen resultirende Anschauung im Lande — und selbst Kreise, die auf ganz anderem religiösen Standpunkt als wir stehen, theilen diese Anschauung —, daß eine Maßregel, wie die Censurirung des K. S. A. nur darum möglich war, weil in Ermangelung eines geistlichen Mitgliedes das Laienelement und damit der Geist der Bureaukratie im Obcrrathe allzu breiten Spielraum gewinnen konnte. Die Herren, die das nicht glauben, durften nach Zusammentritt der Synode, die ja nun auch allerdings ad calendas greacas vertagt ist, eine kleine Enttäuschung erleben. — Man fragt sich weiter, wie es möglich war, daß in einem Lehrplan, der s. Z. von der Oberschulbehörde und dem Oberrath gebilligt wurde, ein Lehrbuch vorgesehen war, deffen Gemeingefährlichkett so eklatant, daß der Unterricht nach demselben auf Anregung des Herrn v. Stockhorner Knall und Fall verboten werden mußte. Wie war es weiter möglich, daß dem Oberrath der Lehrplan dieser Schule fremd blieb, trotzdem über ein Jahr nach demselben unterrichtet wurde? Und endlich, wie konnte es geschehen, daß der Minister neben dem Gutachten der obersten jüdischen Behörde des Landes in einer rein jüdischen Angelegenheit das Superarbitrium eines christlichen Gelehrten einholte und was wäre erfolgt, wenn die Gutachter in ihren Ansichten, was erfreulicher Weise vermieden wurde, von einander abwtchen? Auf alle diese Fragen hat man im Lande zur Zeit nur die eine Antwort: Der Oberrath ist nicht, wie er sein soll und als was er gedacht war. Wohlgemerkt: die so sprechen, das sind die prinzipiellen Freunde der Oberrathseinrichtung, die jederzeit bereit waren, Angriffen auf dieselbe mit dem Hinweise auf die Nothwendigkeit einer Behörde zu begegnen, welche nach Außen hin das Judenthum zu vertreten, im Verkehr mit anderen Behörden kollegial aufzutretcn und Angriffen von welcher Seite immer entgegenzutreten im Stande sei: Von diesem ganzen Programm ist — das beweist der obige Fragezettel — auch nicht ein einziger Punkt befriedigend erfüllt. Oder wäre etwa Angriffen auf das Judenthum zu begegnen eine Behörde berufen, die, trotzdem gerade durch ihre Maßregeln der tobende und tosende Schwarm professioneller Hetzer in Bewegung gebracht wurde, trotzdem ihre eigene Erklärung benutzt wird, um dem Judenthum einen Strick daraus zu drehen, die, trotzdem der Geifer der wuthtollen Meute auf die heiligsten Güter unserer Religionsgemeinschaft spritzt, in steinerner Ruhe und Unbeweglichkeit verharrt, des Zeitpunktes gewärtig, da im ordnungsgemäßen Instanzenwege dasjenige zu ihrer Kenntntß gelangen würde, was inzwischen das Herz jedes wahrhaften Freundes seines Glaubens in angstvollem Krampfe und machtlosen Grimm zusammenschnürte? Wir wiederholen: die so sprechen, sind Freunde der Oberrathsinstttmion. die in früherer Zeit bereit waren, in jedem Angriffe auf dies interessante Gebilde aus einer trotz der Kürze der Zeit so unendlich weit hinter uns liegenden Epoche dilettantenhafter Herumbeffererei am Judenthum eine persönliche Beleidigung zu sehen. Wir haben nun zwar nicht die mindeste Veranlassung den Gesundungsprozeß in den Anschaungen weiter Kreise über Nutz und Zweck des Oberraths, wie er durch mannigfache Vorgänge der allerletzten und ehelctzten Vergangenheit eingeleitet wurde, zu unterbrechen oder gar zu hindern. Je früher dieses in bureaukratischer Gleich-

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