Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 64 (13.8.1894)
- Date
- 1894-08-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1187 Deutschland weilen, sondern auch gegen solche Beamten, die schon seit Jahren in Deutschland ansässig sind, die den Kaftan längst abgelegt, und seit Dccennien in deutschen Gemeinden mit Erfolg wirken, deutsch denken und deutsch fühlen. Daß ich keinesweges übertreibe beweist ein erst kürzlich von dem Vorstande der Gemeinde B.n in W. Pr. ausgeschriebene Vocanz. Besagter Vorstand verstand es wohl dem Inserat eine, wenn auch scheinbar mildernde, im Grunde aber um so schneidendere und abstoßendere Form zu geben. In jenem Inserat heißt es: „Nur in Deutschland geborene Bewerber werden berücksichtigt." Die Herren Vorsteher hätten es wahrlich nicht nöthig, den Ausdruck in so ausgeprägtester um feinster Form auf den Schild zu setzen; denn wenn unter den Bewerbern Elemente sich vorfinden, die für den bezetchneten Posten sich nicht qualificiren, dann besitzen ja die Herren die Gewalt in Händen, diese von der Wahl einfach auszuschließen, aber eine überwiegend große Zahl von Kultusbeamten, darunter Männer von Bildung, in solch wegwerfender, geringschätzender Weise zurückzusetzen, ist eben so wenig jüdisch wie menschlich. In der gegenwärtig bewegten Zeit, wo Juden und Judenthum in der gehässigsten Weise angegriffen wird, ist es wahrhaft betrübend, ja beschämend, wenn man auch gegen Anfeindungen aus dem eignen Lager stch wehren muß. Die verehrl. Redaktion dieses gesch. Blattes, von dem schönen Grundsatz ausgehend: Jedermann nach der guten Seite zu beurtheilen, hat das Verfahren jener Vorstände dadurch entschuldigt, daß in einigen deutschen Bundesstaaten die Anstellung ausländischer Cultusbeamten nicht bestätigt wird. Dieser Schutz, so schön er sich auch anhört, ist aber hier nicht am Platze; denn der unfeine Ton ist niemals zu entschuldigen und die Herren Vorstände würden dasselbe erreichen, wenn sie beispielsweise schreiben würden: Nur dem Staatsverbande Angehörige können berücksichtigt werden. Damit aber dieser ernste Mahnruf dem gleichen Schicksal der vorangangenen, in der Luft zu verhallen, entgehe, möchte ich den Vorschlag machen, daß die Redakteure aller jüdischen Zeitschriften, gleichwohl welcher Schatttrung sie auch angehören mögen, gegen dergleichen Inserate entschieden Front machten und die Aufnahme verweigerten. Nur dadurch könnte dem Uebel abgeholfen werden.*) Zum Schluß noch eine kurze Betrachtung über die von dem Herrn Einsender erwähnte Auswüchse bet den Polen. Auswüchse sind freilich überall, bei den Polen sowohl, wie bei den anderen Nation- *) Ist nach dem deutschen Preßgesetze, wo bei Verweigerung der Aufnahme eines Inserates „Unstttlichkeit oder Erregung öffentlichen Aergerniffes" nachgewiesen werden muß, nicht immer möglich. Red. d. Jsr. nen, zu finden. Von dem geringen Prozentsatz jener Polen, die hier zulande herumziehen und die Mildthätigkeit ihrer GlaubenSgenoffen in Anspruch nehmen, kann man doch keine Parallele für die Charakterisirung der Gesammtheit ziehen. Der größte Auswuchs jener unglücklichen Herumziehenden ist — die Armuth. Dagegen findet man auch unter ihnen gute Charaktere, sie sind mit wenigen Ausnahmen religiös, bescheiden und nüchtern; das Wenige, das sie hier von den Wohlthätern zusammenbringen, verschwenden sie nicht, wie andere in den Wirthshäusern, sondern sparen für ihre in der Hetmath in Elend zurückgelassenen Familien, für die allein sie sorgen, für die allein sie darben und dulden. Diesen Unglücklichen, die das Loos 'ui hrr o gezogen, denen selbst das bittere N&ior, ndhj, außer v"i'i nar nur in diesen seltenen Fällen zu Theil wird, müßte von Seiten der mit irdischen Gütern gesegneten Jehudim Deutschlands mildere Behandlung widerfahren. Das Wenige, das man ihnen verabreicht, muß in schonender Weise, mit freundlichem Angesicht geschehen. Da möchte ich jene bedeutungsvollen Worte unsrer heiligen Thora in Erinnerung bringen: "in m onarwi „Liebet den Fremdling." Werfen wir nun einen Blick auf die Juden in Polen und Rußland im Allgemeinen, so haben wir alle Ursache, nicht nur ihrer stch nicht zu schämen, vielmehr können wir, bezüglich der Religiösität, stolz auf sie sein. Während ein großer Theil der deutschen Juden, vornehmlich im Norden dem Jndifferentismus verfallen, den Sabbat entweiht, und die übrigen göttlichen Gesetze außer Acht läßt, halten die Juden Polens und Rußlands, mit nur geringer Ausnahme, fest am väterlichen Glauben und an den Satzungen unserer heiligen Religion. Während viele Jehudim in unserer Gegend, besonders die Jugend, ihre Mußestunden dazu benutzen den Vergnügungen nachzugehen, die halben Nächte in den Wirthshäusern zuzubringen, finden wir die Juden in Polen und Rußland, ohne Unterschied des Alters, in den D'ma ma Lehrhäusern, wo sie mit Eifer dem Studium der heiligen mm obliegen. S. Goldmann. Schweiz. Bern. Sonntag den 12. August versammelt sich hier ein internationaler Thierschutz-Congreß, der die ganze Woche über Angelegenheiten des Tierschutzes verhandeln wird. Auf Montag steht das Schweizerische und Dienstag das Sächsische Schächtverbot auf der Tages-Ordnung. — Wenn ich recht unterrichtet bin, wird auch Herr Hofrath Dr. Dembo aus St. Petersburg zu diesem Congreß erwartet. (Herr Dr. Dembo wird, wie unser Pariser Correspondent bereits berichtete, den Congreß besuchen. Red. d. Jsr.) In diesem Falle dürften die Verhandlungen über die Schächtangelegenhett sich wesentlich über das gewöhnliche Ni-