Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 63 (9.8.1894)
- Date
- 1894-08-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448469--39055-2487189- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXV. Jahrgang. Erste Beilage ju M 63 des „Israelit". Leitender Artikel. Gin jüdischer Wischof. Anspruchsvoller wie unsere ungarländischen Herren Neologen dürften ihre Gesinnungsgenossen in anderer Herren Länder kaum sein. Man begnügt sich hierzulande nicht mehr mit den bereits erzielten „Erfolgen", Nachäffung den christlichen Confesftonen betreffs Einführung sehr vieler unjüdischen Sitten und Gebräuche auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens und Strebens, auch Orgelklang und Gemischter-Chor-Gesang und sonst so viele herrliche, niedliche Dingelchen, sie alle scheinen das hochentwickelte religiöse Gefühl unserer so sehr frommen Landes- und Stammes-Brüder nicht mehr zu befriedigen, sie brauchen nunmehr einen jüdischen Bischof! Wie es den g. Lesern des „Israelit" bereits bekannt ist, wurde die Rezeption der jüdischen Religion in Ungarn seitens des Abgeordneten-Hauses sozusagen einstimmig ausgesprochen und wird dieselbe demnächst zum Gesetze erhoben werden. Wir Orthodoxen hegen davon keine allzugroße Hoffnungen und erwarten daraus keine allzugroßen und praktischen Erfolge, wir erblicken darin blos einen glänzenden moralischen Erfolg, und freudeerfüllten Herzens danken wir der edlen, ritterlichen ung. Nation, ob der Ehrung, die sie unserer heiligen Religion zu Theil werden ließ. Anders aber unsere neologen Brüder, sie möchten die Situation zu allerlei möglichen und unmöglichen Dingen ausnützen. In erster Reihe möchten sie, daß die Rezeption das Mittel zum Zweck sei, daß dieselbe zu ihrem seit jeher heißersehnten Ziele, zur Aufhebung der orthodoxen Autonomie hinführen soll, welches Ansinnen aber, Gott sei Dank und Lob, nunmehr selbst von ihren fanatischsten Anhängern aufgegeben werden muß; indem in der Motivirung des in Rede stehenden Gesetzes die Legalität der orthodoxen Autonomie ausdrücklich hervorgehoben und besonders betont worden ist. Nun möchten sie wenigstens diesen kleinen „Profit" von der Rezeption haben, daß die ung. Judenheit ebenso wie die christlichen Confessionen durch ein geistliches Oberhaupt, resp. einen „jüdischen Bischof" im Oberhause vertreten werde. Wer mit den Gelüsten und Bestrebungen unserer Neologen auch nur halbwegs vertraut ist, weiß nur zu gut, zu welchem Behnfe sie einen jüdischen Bischof wünschen, nämlich, daß diese „bischöfliche Person" die offizielle Einheit der ung. Judenheit dokumentire; aber auch angenommen, daß sie dies einemal keine Partei-Politik treiben, daß sie mit der Idee eines jüdischen Bischofs nichts Weiteres als eine vermeintliche Hebung und Ehrung des JudenthumS nach außen vor Augen haben und um das zu erreichen, sie nichts dagegen hätten, ja sich nur freuen würden, wenn zwei jüdische Bischöfe, resp. ein orthodoxer und ein neologer ernannt würden; selbst in diesem Falle müssen wir diese Idee als eine an und für sich verfehlte und unglückliche bezeichnen und verwerfen. Die Institution eines Kirchen-Oberhauptes im landläufigen Sinne, ist dem Geiste des Judenthums fremd, und eine solche ihm aufnöthigen wollen, hieße es in seiner historischen, kultuellen und kulturellen freien Entwicklung und Entfaltung hemmen und aufhalten; man berufe sich nicht etwa auf Frankreich und England, in welchen beiden Staaten diese Institution existirt; denn erstens wohnen in diesen beiden Staaten zusammengenommen nicht mehr Juden als in der Hauptstadt Ungarns allein, zweitens sind dort die jüdischen religiösen Angelegenheiten ganz anders bestellt als hier, drittens aber muß erst der Beweis erbracht werden, daß es für die religiösen Interessen der französischen und englischen Juden nicht nützlicher und vortheilhafter wäre, wenn sie nicht ein Landes-Kkrchen-Oberhaupt besäßen und jede LandeS-Gemeinde nach eigner Ueberzeugung ihre religiösen Institutionen einrtchte und leite und ihr Heil nicht von Paris und London ausginge! S. K., Rabbiner. ZeitrrngSrrachrichte» und Correfpoudeuzeu. Deutschland. Aus Schlesien, 2. Aug. Aus Anlaß einer in Oberschlesien versuchten Agitation für die in Berlin geplante neue antisemitische Zeitung wendet sich die ultramontane „Oberschlefische Zeitung" scharf gegen den Antisemitismus. Sie schreibt: „Hinaus mit diesen Prospekten und Abonnements-Einladungen, die zu halben Dutzenden in jedem Couvert in zahlreiche Häuser geschickt werden. Ein wahrer Katholik kann niemals Antisemit sein, denn der Stifter unserer Religion hat es das höchste Gebot genannt: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! und der Nächste ist auch der Jude. Förderung ihres Unternehmens erwarten die Berliner Herren sonderbarer Weise in erster Linie von den Herren Lehrern, von denen viele zu je 15 bis 20 Bestellzettel zur Unterbringung mit dem Hinweise erhalten haben, daß der Haupt-Redakteur (wahrscheinlich Ahlwardt) auch auS dem Bolksschullehrerftande hervorgegangen sei.