Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 63 (9.8.1894)
- Date
- 1894-08-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1164 Weib und Kind. Er könnte ja am Ende selber verhungern! Er hält daher die dem Armen gehörigen Güter des Lebens erst recht für sich in solchen Zeiten zurück aus Furcht sonst das Leben selber zu verlieren. Wenn die Selbstsucht sich bis zu diesem Wahn verstiegen hat, zeigt ihr Gottes Weltordnung, wie man alle Mittel zum Leben an sich reißen und dennoch jäh das Leben verlieren könne; durch die Pest. Wenn der große Gleichmacher, der Tod in den Straßen wüthet, arm und reich, hoch und nieder, alle in gleicher Weise heimsucht, dann sucht auch die Verblendeste Habsucht vergebens nach einem beschönigenden Vorwände den Armen das ihnen zukommende zurückmbalten. Wer aber selbst in solchen Zeiten allgemeiner Calamität die Gaben den Armen zurückhält der nöthigr die Gottesgeißel mit noch unverkennbarerem Ernst herniederzufahren, der steigert die Pest. Wenn zuerst der Hunger und wieder dann die Pest als Strafe für die habsüchtige Aneignung der den Armen bestimmten Gaben bezeichnet wird, so dürfte dies auch auf den inneren Zusammenhang Hinweisen, der zwischen den beiden Ealamitäten besteht. Der Hunger ist der natürliche Vorläufer der Pest, der wie kaum irgend etwas sonst die Dispositionen für Epidemien und Seuchenheerde schafft. Es ist bekannt, daß bei pestartigen Krankheiten diejenigen, welche sich nüchtern der inficirten Atmosphäre aussetzen, als am meisten gefährdet gelten. Wenigstens war dies die Ansicht der medicinischen Wissenschaft bis in die neueste Zeit. Neuerdings ist man von dieser Annahme allerdings vielfach zurückqekommen. Aber es wird noch erst zu entscheiden sein, ob die ältere oder moderne wissenschaftliche Anschauung der Wahrheit näher kommt. Aber wie dem auch sei, daß der Hunger die Pest begünstigt oder, wie hier der Ausdruck lautet, steigert, dürfte kaum einem Zweifel unterliegen. Das körperliche und seelische Weh, welches allenthalben dem Hunger wie sein Schatten folgt, bricht die Festigkeit und Widerstandsfähigkeit gegen epidemische Krankheiten. Das ist die Steigerung der Pest, von welcher hier die Rede ist. Wenn es sich hierbei um Versündigungen und Heimsuchungen handelt, die zunächst das heilige Land und die an dasselbe geknüpften Pflichten den Armen gegenüber betreffen, aber heute keine allgemeine Anwendung haben, so liegt doch auch für uns in dieser Zusammenstellung ein überaus beachtenswerther Wink. Die Thatfache, daß auf Verkürzung und Verkümmerung dessen, was den Armen gehört, die Pest in gesteigertem Maße auftritt, eröffnet eine neue Perspektive auf die Zusammengehörigkeit von Erscheinungen unserer Zeit, deren innerer Zusammenhang sonst nicht so an der Oberfläche liegt. Das, was unserer heutigen Zeit ihr Gepräge verleiht, was sie scharf scheidet von früheren Epochen, das sind die Erscheinungen und Thatsachen, deren Summe man die sociale Frage nennt. Der Sinn dieser Phrase ist der Gegensatz zwischen arm und reich, der nie so schroff und gewaltsam sich geltend machte als heute. Die Armuth ist allerdings alt und hat zu allen Zeiten existirt, aber niemals standen sich Millionäre und Bettler in solcher Zahl gegenüber, wie dies heute der Fall ist. Man hatte auch im Alterthum Fülle von großem Reichthum, aber das waren vereinzelte Ausnahmen, von welchen deshalb die Geschichtsschreiber nicht genug berichten können. Im Alterthum hat es Vermögen wie die eines Vanderbilt, Krupp, u. s. w., Vermögen von 400 Millionen Mark und darüber nicht gegeben. Es mag einmal der Günstling eines Despoten, ein Satrap, der Prokonsul, nachdem er eine Provinz oder einen Welttheil gründlich ausgeraubt hatte, einen ebenso ungeheueren Besitz aufgehäuft haben, aber dieser Retchthum hatte keine Dauer. Er war wie die Schätze, von denen die Märchen erzählen. Man besaß ihn heute und hatte ihn morgen verloren. Sein Besitzer träumte einen kurzen Traum, aus dem ihn der Stahl eines Mörders, die Verfolgung seines Herrschers und eine brutale Beschlagnahme seines Vermögens weckte. Daß sich so ungeheuerer Reichthum von Vater auf Sohn auch nur durch drei Generationen sich vererbt, daß sein Besitzer sich seiner in ruhigem und unangefochtenem Genüsse erfreut habe, dafür findet sich in der ganzen Geschichte der römischen Kaiserzeit und der orientalischen Reiche kein einziges Beispiel. Jedenfalls sind aber die Millionäre und Milliardäre früher unvergleichlich seltener gewesen als heute, wo man die Zahl der Privatleute, die mehr als fünf Millionen Mark besitzen, in England allein auf etwa 800—1000 schätzt und die Zahl derjenigen, deren Vermögen über eine Million beträgt, in ganz Europa — die übrigen Welttheile gar nicht mitgerechnet — hunderttausend mindestens erreicht, wahrscheinlich sogar bedeutend übersteigt. Andererseits gab es zu keiner Zeit eine solche Menge besitzloser Individuen, Menschen, die des Morgens nicht wissen, was sie am Tage effen und wo sie des Abends schlafen werden. Der Sklave im Alterthum, der Leibeigene im Mittelalter war freilich völlig besitzlos, da er selbst Eigenthum, Sache war, aber für seine einfachen Bedürfnisse war gesorgt, er hatte von seinem Herrn Nahrung und Obdach. Das heutige Proletariat der Großstädte hat keine Ahnen in der Geschichte. Es ist ein Kind unserer Zeit. Der moderne Proletarier ist oft