Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 62 (6.8.1894)
- Date
- 1894-08-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1156 aus über den wahren Sachverhalt durch die Herren Rabbinen der heiligen Stadt aufgeklärt worden war. Aus Seite 127 desselben Berichtes entnehmen wir, daß der „Israelit" die einzige in Deutschland erscheinende jüdische Zeitung ist, welche die Alliance unentgeltlich erhält, trotzdem hat das Centralcomite nicht einmal die Rücksicht gebraucht, unsere Widerlegung jener Verdächtigungen in seinem Jahresbericht aufzunehmen. Köln. Die „Köln. Volks-Ztg.", das führende Organ der Centrumsparthei, schreibt: Der krankhafte Wahn, überall Juden zu sehen, wo etwas Schlechtes geschieht, hat bei dem Vorfall in der Vorhalle von St. Georg dem Kölner antisemitischen Verein einen bösen Streich gespielt. Ein gewisser Johann Spanier benimmt sich dort in empörendster Weise, wird dabei abgefaßt und protokollirt. Anstatt das Ergebniß der Unterrsuchung abzuwarten, beeilt sich der antisemitische Verein, den Thäter als Juden zu bezeichnen nnd von einem „Act jüdischer Gemeinheit und Frechheit" zu sprechen; nebenbei versucht er, sich an der Presse zu reiben, die etwas besonnener ist, wie der genannte Verein, und stellt sie wegen ihres auffallenden Schweigens zur Rede. Noch ist das Placat, welches diese Enthüllungen und Verdächtigungen bringt, nicht angeschlagen, als die Kölnische Volkszeitung (Samstag-Morgen) alles mittheilt, was bis dahin über den Fall in Erfahrung zu bringen war; das hilft nichts: zwei Tage später kommt eine grobe Postkarte. Nun stellten wir genaue Ermittelungen an. Schon vorgestern wurde uns bestimmt versichert, Spanier sei nicht Jude, sondern Katholik. Leioer müssen wir dies aus genauester Kenntniß bestätigen. Johann Spanier ist am 20. Mai 1845 zu Prüm geboren, beide Eltern waren katholisch, er selbst wird noch auf einer Abmeldebescheinigung von 1892 als katholisch bezeichnet. Früher war er Hausknecht und Schreiber, am 7. Juni 1894 hat er in Köln einen Stahl-, Kurz- und Galanteriewaaren-Handel angemeldet. Ob seine That eine nichtswürdige Rohheit oder eine bewußte Religionsschändung war, wird die Untersuchung ausweisen. Wenn die leichtfertige Ausschlachtung des Falles nicht zu einer Judenhetze geführt hat, so mag der antisemitische Verein dafür bei dem ruhigen Sinn der Kölner Katholiken sich bedanken; er selbst hat redlich das Setnige gethan, um auf den ersten Scandal einen zweiten zu setzen. Wird man sich diese widerwärtige Geschichte endlich zur Warnung dienen lassen? Wird man im besonder» endlich aufhören, diejenigen Blätter, die nicht bei jeder Gelegenheit in das antisemitische Horn stoßen, mit unverschämten Zuschriften zu behelligen? Es ist noch nicht sehr lange her, da wurden wir in flegelhafter Weise zur Rede gestellt, weil wir unfern Lesern die Nachricht vorenthielten ein jüdischer Metzger in Euskirchen sei wegen Verkauf schlechten Fleisches verurtheilt worden. Wir schlugen ein in der Nähe des Thatortes erscheinendes Blatt nach und entdeckten eine trockene Notiz von ein paar Zeilen, in welchen von einem Juden gar nicht die Rede war! Und nun jetzt der Fall Spanier! Derartige Dinge kommen so häufig vor, daß die Presse sich daran gewöhnen muß, antisemitische Berichte von vorn herein als verdächtig zu behandeln. Freilich gibt der große Ahlwardt seinen Jüngern in der Gewissenhaftigkeit ein glänzendes Beispiel. Vor einigen Wochen haben wir ihm nachgewiesen, daß er aus unserm Bericht über seine Kölner Rede drei Sätze ctttrt hat, von denen kein einziger in der Köln. Volksztg. gestanden hat; alles war entweder gröblich entstellt oder einfach aus der Luft gegriffen. Auf eine Antwort warten wir bis heute vergebens. Dagegen behandelt sein Bundschuh noch am 23. Juli ganz ernsthaft die längst abgeschlachtete Ente von dem „jüdischen" Mörder des Präsidenten Carnot! Hoffentlich gehen den ehrenwerthen Elementen allmählich die Augen auf, welche in berechtigter Entrüstung über mancherlei journalistische und geschäftliche Ausschreitung in jüdischen Kreisen von Hetzern wie Ahlwardt und Genossen sich in's Schlepptau nehmen ließen. Zum Schluß die Mtttheilung, daß die Nachricht, Spanier sei verhaftet, falsch ist. Straßburg t. d. U. Ein antisemitischer Parteiführer wird von dem hiesigen Amtsgericht steckbrieflich verfolgt. Der Sachwalter Paarmann, der in letzter Zeit mehrfach als Konkursverwalter zugelassen wurde, ist flüchtig geworden. Er hat sämmtliche Gelder der Otto Schulzschen Konkursmasse unterschlagen und noch nicht ausgezahlte Gelder eines früheren Konkurses vom Vorschußverein erhoben und ebenfalls für sich verbraucht resp. unterschlagen. Paarmann war der Führer der hiesigen Antisemiten. Königsberg i. Pr., 27. Juli. Das 350jährige Jubiläum unserer Universität hat bei unseren Glaubensgenossen regen Antheil hervorgerufen. Unter den anläßlich des Universitätsjubiläums verliehenen Auszeichnungen befindet sich auch die Ernennung des Privatdozenten für medizinische Chemie, Dr. Laffar Cohn, zum Professor. Professor Cohn arbeitet im Laboratorium des Professors Jaffö, der eine ordentliche Professur für Pharmakalogie bekleidet und der einzige Glaubensgenosse ist, der eine leitende Stelle im Rekchsgesundhettsamt zur Zeit inne hat. Die Albertina hat hauptsächlich seit Anfang dieses Jahrhunderts für die Heranbildung jüdischer Aerzte, namentlich aus Russisch- Polen, Bedeutendes geleistet, wie denn auch noch