Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 61 (2.8.1894)
- Date
- 1894-08-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448467--39011-2487143- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1137 daß das jüdische Element verhältnißmäßig stärker in den Ausschüssen vertreten war als das christliche. Die Angaben, die in einem antisemitischen Flugblatte über die Heranziehung jüdischer Geschäftsleute verbreitet wurden, sind übertrieben. Thesis sind die dort genannten Geschäfte überhaupt keine jüdischen, theils haben sie gewisse Besorgungen unentgeltlich übernommen. Auch die Angabe, daß die Darstellerin der Königin Louise im Festzuge eine Jüdin war, ist antisemitische Erfindung. In diesem Festzuge sollte der Turnverein ,,Vorwärts", der ziemlich viel jüdische Mitglieder enthalt, mit einem Sportwagen die Schlußgruppe bilden, hinter der Festgruppe der Lützower. Unsere Antisemiten planten nun, sich bald zu Beginn des Zuges in denselben einzudrängen und den ,,Vorwärts" abzuschneiden. Der Festausschuß bekam jedoch Wind davon und änderte im letzten Augenblick die Zugsordnung dahin, daß der „Vorwärts" vor die Lützower kam, wodurch der antisemitische Anschlag vereitelt wurde. Auch der Jahn-Kommers, welchen der deutsch-soziale Verein unter Assistenz des Abg. Zimmermann veranstaltete, brachte nicht den erhofften Erfolg, da nur e>wa 120 fremde Turner zu demselben erschienen. In den Kreisen auch der nicht gerade philosemitischen Bürgerschaft fand das Benehmen der Antsemiten, welche sich von jeder positiven Mitarbeit fern hielten und dann die aufopferungsvolle Arbeit Anderer hinterrücks zu stören suchten, einhellige Mißbilligung. Auch der als gut konservativ bekannte Dberpräsident v. Seydewitz soll seinem Unwillen darüber scharfen Ausdruck gegeben haben." Duisdorf bet Bonn, 30. Jnlt. Dem General- Anzeiger für Bonn und Umgegend geht von hier folgender Bericht über eine am Samstag gehaltene antisemitische Versammlung, in welcher Dr. Förster sprach, zu: „Die angekündigte antisemitische Versammlung hat vorgestern Nachmittag in Dnisdorf stattgefunden und bis tief in die Nacht hinein gedauert. Einige israelitische Herren von Bonn wohnten dem ersten Theile der Versammlung bei. Als sie zur Geschäftsordnung das Wort ergreifen wollten, wurde ihnen dies nicht erthetlt, und als später einer derselben bei einer besonders heftigen Stelle des antisemitischen Redners einen Zwischenruf machte, wurde er an die Luft gesetzt und die Treppe hinuntergeworsen. Mehrere Endenicher schützten die israelitischen Herren und so gelang es denselben, in ihren Wagen zu kommen. Auf der Rückfahrt nach Bonn warf man ihnen schwere Steine in den Wagen. Ein jüdischer Setzer erhielt bei der Gelegenheit einen Stich in oek Kopf und liegt in der Bonner Klinik darnieder. Man sieht, zu welchen bedenklichen Folgen die antisemitische Hetzerei auch in unserer Gegend bereits führt." Köln, 31. Juli. Vor wenigen Tagen verunreinigte ein schamloser Bursche die hiesige St. Georgskirche, worauf die antisemitische Partei eine wilde Hetze entfachte, viele auffallende Plakate mit den wildesten Ausfällen gegen die Juden an den Straßenecken anbrachte, weil der Uebelthäter ein Jude sein sollte. Zuständigerseits eingezogenen Erkundigungen zufolge ist jener Mensch ein Katholik und bereits 22mal vorbestraft. In den weitesten Kreisen der Bürgerschaft wird die zügellose Hetze der Antisemiten entschieden verurtheilt und man verlangt, daß solchem Treiben Einhalt geboten werde. Düsseldorf, 23.. Juli. Der Fruchthändler und Menagefabrikant Josef Baum von hier hatte gegen das in Hannover erscheinende Antisemitenblatt „Hannoversche Post" eine Privatklage wegen Verleumdung erhoben. In einem Artikel antisemitischer Tendenz vom 23. September v. I. hatte ein anonymer Verfaffer sich in höchst absprechender Weise über die seitens der genannten Firma geleistete Verpflegung der manöverirenden Truppen geäußert. In der am 5. d. M. vor dem Schöffengericht zu Hannover stattgefundenen Verhandlung wurde der Redakteur des genannten Blattes wegen Vergehens gegen $ 186 des St. G -B. zu 150 M. Geldstrafe evmt. 10 Tagen Gefängntß verurtheilt, zugleich mit der Befugntß, das Urthetl in der „Hannöv. Post" zu veröffentlichen. In den Entscheidungsgründen geht das Gericht von der Annahme aus, daß der Angeklagte einen Artikel ausgenommen habe, worin dem Kläger der Vorwurf einer strafbaren Handlung gemacht und ein tadelndes Utthell über die gewerbliche Leistung desselben abgegeben wird in einer Weise, die verletzen mußte; aus der Form der Aeußerung gehe unverkennbar die Absicht hervor, den Josef Baum als Juden zu kennzeichnen und daß eine öffentliche Beleidigung vorliege. — So lange Juden und Judenthum im Allgemeinen ungestraft beleidiat und verleumdet werden dürfen, ist der einzige Weg, der nur nicht regelmäßig eingeschlagen wird, die Privatklage zu erheben. Die Zahlung von Geldstrafen trifft die Herren empfindlich, wovon auch der „Reichsherold" des Herrn Böäel ein Lied zu singen weiß. Dresden, 29. Juli. Der antisemitische Privat-Gerichtshof, der unlängst unter dem Vorsitz des hiesigen Rechtsanwaltes Dr. Häckel eingesetzt worden war, um zu prüfen, ob die Angriffe des deutsch-sozialen Arztes Dr. Vogel, des Leiters der antisemitischen Bewegung in Württemberg und Baden, gegen den Redakteur Viktor Hugo Welker hier berechtigt seien oder nicht, hat nunmehr seinen Urtheilsspruch verkündet. Danach wären die von Dr. Vogel in den „Deutschsozialen Blättern" veröffentlichten Anschuldigungen gegen Welker durchaus ungerechtfertigt. Von einer Veröffentlichung des umfangreichen Aktenmaterials will man vorerst absehen, um nicht die bereits bestehende Kluft zwischen den verschiedenen antisemitischen Richtungen noch zu erweitern. Dagegen haben die hiesigen Reformer das „Aktenmaterial" dem Vorsitzenden der deutschsozialen Partei Dr. König-Witten unterbreitet, und