Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-07-30 · Heft 60 (30.7.1894) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 60 (30.7.1894)
Date
1894-07-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448466--38992-2487123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXV. Jahrgang. Beilage jtt M 60 Des „Israelit ". Fenilleto«. Made-Maudereien. u. Bad Soden, 20. Tamus. Die Repressalien, welche hier gegen diverse jüdische Arme geübt wurden, um diese zur Begleichung der Kursteuer zu veranlassen, haben die Kurverwaltung in den falschen Verdacht gebracht, antisemitischen Allüren zu huldigen, ein Verdacht, der so unberechtigt er sein mag, um so glaubhafter schien, als im Lesesaale des hiesigen Kurhauses, trotz lebhaften Widerspruchs, antisemitische Journale aufgelegt wurden. Schon jubelten die paar antisemitischen Gäste, deren Anwesenheit die hier überall sich vorfindenden, schmutzigen Scripturen bekunden, ob des errungenen „Preßfieges." Selbst ein conservativ sich nennendes Berliner Blättchen, das Stöckersche „Volk" sieht in der Thatsache, daß man den überwiegend jüdischen Besuchern u. a. antisemitische Agttationsblätter als Lesekost vorsetzte, eine hochbedeutsame Erscheinung. „Ein Aufbäumen des deutschen Geistes gegen die asiatischen Fremdlinge" nennt Herr Ahlwardt so was. Die Freude kam aber zu früh. Einige gesinnungstüchtige Herren verschiedenen Bekenntnisses proteftirten energisch in einer Eingabe gegen das einseitige Auflegen antisemitischer Agitationsblätter und verlangten, daß die Kurverwaltung sofort neben den Blättern, welche die Judenhetze als Spezialität tendenziren, auch solche Organe aufgelegt würden, welche sich ausschließlich mit der Vertheidigung des Judenthums und mit der Abwehr antisemitischer Angriffe beschäftigen. Die Bitte war eine so natürliche, daß man, wollte man nicht parteiisch erscheinen, ihr entsprechen mußte. Nun liegt im Lesefaale Ihre geschätzte Zeitung und die Berliner Blätter des Abwehrvereins auf, so daß der verfrüht angezeigte Preßsieg der Judengegner in das erfreuliche Gegentheil umgeschlagen ist! Was Herr Stöcker lügenhafter Weise dieser Tage von der eminenten Nachfrage berichtete, die im hiesigen Lesesaale nach dem „Volk" herrschen würde, kann nun wahrheitsgemäß von dem jetzt hier aufliegenden „Israelit" und von den „Blättern zur Abwehr des Antisemitismus" gesagt werden, die thatsächlich von einer Hand in die andere wandern und viel Kiddusch Haschem verursachen. Ob auch das „Rischus" sein Gutes hat? Entschieden. Jedenfalls bildet es ein unversiegendes und anregendes Thema, welches die langen Stunden unsrer Regentage auf's vortrefflichste auszufüllen geeignet ist. Ich will damit dem hiesigen Badepubltkum kein Armuthszeugniß ausstellen, als wenn es etwa mangels anderen Unterhaltungsstoffes gezwungen wäre das Rischus als „melkende Kuh" zu betrachten, die mit Eonversationsstoff versorgen muß. Nein, an Unterhaltungsstoff fehlt es uns hier wahrlich nicht. Die verschiedenen Originale, die hier die Alleen beleben, bieten uns übergenug des. selben. Da ist z. B. der Kal Wechaumermann, wie sie ihn nennen „Reb Loser Rettner", dessen Wiege an der schönen Wolga gestanden hat. Reb Loser geht von der seltsamen Ansicht aus, daß, wenn schon eine Quelle heilwirkende Kraft besitzt, 20 Quellen ihm gewiß ne „Rfuoh" bringen müssen, eine Ansicht, die er sich von niemanden ausreden läßt. Und so sehen wir ihn denn alltäglich, mag die Sonne noch sosehr glühen, oder der Hagel noch so dicht fallen, von Brunnen zu Brunnen rennen, um die in ihren Wirkungen oft ganz entgegengesetzten Wasser einzunehmen. Auf eine Erhöhung der Heilwirkung wohl ist auch das. milchweiße Schoppenglas berechnet, aus dem er — oft mit sehr verzerrtem Gesichte — immer aber mit einem Zug jeder Selbstverleugnung seinen Brunnen nimmt. Ob es noch mehr socher Originale hier gibt? Da ist z. B. Herr Jonas Nesselkorn, (in Wahrheit heißt er natürlich nicht ganz so) dem der Arzt zur Herstellung der Gesundheit „Bergsteigen" verordnet hat. Nesselkorn hat vorige Woche in einem mehrstöckigen Hause gemiethet. Von einer eifrigen Benutzung des gesammten Treppenhauses, welches er im^Schweiße seines Angesichts, zum Amüsements der Hausbewohner und zum großen Aerger der reinheitliebenden Hausfrau täglich diverse Male auf- und abklettert, verspricht sich Freund Nesselkorn dieselbe Wirkung auf seine Lunge, wie vom Bergsteigen. Odaenn h son plaisir! Die Frau Leckerbiß ist wohl den Originalen nicht zuzuzählen, sie ist mehr eine jener in jedem Bade vorkommenden Badetypen. Wenn Sie nach Soden kommen, so rathe ich Ihnen, sich mit dem Namen-, Alter- und Herkunftsverzeichniß Ihrer sämmtlichen Verwandten einschließlich derer im 10. Grade zu versehen. Seien Sie überzeugt, Frau L. wird jeden einzelnen Revue passiren lassen, und wenn sich ihr Interesse nicht auch auf die Hühner und Gänse der Betreffenden erstreckt, dann können Sie noch von Glück sagen. Ich war von ihrer Fragewuth unterrichtet und als sie die Reihe der jedem Neu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.