Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 60 (30.7.1894)
- Date
- 1894-07-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1117 „Ich weiß, tch weiß, Kind, du bist noch zu bewegt, die Erregung raubt dir die Sprache, doch fühle ich es wohl aus deinem Schluchzen heraus, daß auch in dir ein herzliches Gefühl aufdämmert für mich. Steh' auf, Esther und laß dir sagen, Mädchen, daß ich dich liebe! Du brauchst nicht zu reden, ich weiß Alles, wa8 du mir sagen willst, tch lese es in deinem bewegten Zügen. Beruhige dich! Ich will dir Dienerinnen senden, und du wohne nun in meinem Schlosse und auch deinen Vater will ich aus dem Kerker befreien und auch er soll bet mir wohnen. In den nächsten Tagen, wenn daS Gericht Recht sprechen wird über dich, da will ich selbst zugegen sein, da will ich deine Unschuld vertheidtgen, denn du bist mein, Esther, du bist mein." Sanft führte er die am ganzen Körper bebende Jungfrau auf einen Sessel und dann entfernte er sich, da das Zartgefühl seines Herzens ihn dies hieß. Bald kamen Dienerinnen und brachten Esther in die Gemächer, die der König für sie bestimmt hatte. Die Dienerinnen frugen Esther, was sie wünsche und begehre, aber sie verlangte nichts; nach dem man sie allein gelassen, stürzte sie sich auf den Boden und brach m lautes heftiges Weinen aus. Die Dienerinnen hatten an der Thüre gelauscht, und als sie sahen, daß Esther sich zu Boden geworfen hatte, da meldeten sie es dem König. Kasimir fürchtete, daß der jähe Umschwung von Trauer zum Glücke die Gesundheit des geliebten Mädchens schädigen könnte und schickte deßhalb einen Diener aus, um einen Arzt zu rufen. Dieser aber kannte Elischa, der sich noch im Schlosse aufhielt und bat ihn. er möge hinauf eilen zu der Kranken, um dem Befehl des Königs zu gehorchen. Als Elischa zu Esther kam, sprang sie aus Ueberraschung in die Höhe und blieb wie erstarrt stehen, als sie ihn sah. Elischa hatte aber durch die Diener Alles gehört, was vorgegangen war; denn Niemand wird so sehr belauscht, Niemand kann weniger Worte und Thaten verbergen, als ein König. Ueberall sind die Horcher, die auf alle seine Worte und Handlungen paffen und sie bereden. Fast hatte es ja Elischa geahnt, daß das leicht entzündbare Herz des Königs erglühen würde für die Schönheit Esthers. Er fand es nur all zu begreiflich, daß es kein Mannesauge gab, das so vieler Hnld, so vieler Anmuth zu widerstehen vermochte. Elischa war auch Menschenkenner genug, um sofort zu wissen, daß der König in die furchtbarste Wuth gerathen würde, wenn er erführe, daß Esther's Herz nicht mehr frei, daß sie bereits einem andern Manne sich verlobt habe. Er mußte sich sagen, daß über Esther noch immer ein schweres Berhängniß schwebe, und nicht allein über sie, sondern über alle Juden und daß es furchtbare Bermkssenheit gewesen wäre, wenn er nun den König erzürnt hätte. In der Lage, in der sich Esther befand, hätte ein Wort des Königs genügt, um ihr und ihres Vaters Leben zu vernichten und über alle Juden Polens das furchtbarste Elend zu verbreiten. Es mußte vermieden werden, daß irgend ein Diener etwas von dem Verhältniß erlausche, in welchem Esther zu Elischa stand. Ringsum gab es der Feinde genug. Die Eifersucht des Königs durfte nicht erweckt werden. Wie mit Blitzesschnelle durchfuhren diese Gedanken den Kopf Elischas. Aber schnell faßte er sich, warf Esther einen bedeutungsvollen Blick zu und sprach: „Im at chapheza beehajai all tedabri dobor ki at makereth othi.“ („Wenn dir dein Leben lieb ist, so vrrrathe mit keinem Wort, daß du mich kennst.") Esther verstand seine Worte, sie wußte wohl, daß er vermuthete, sie würden hier belauscht. Sie suchte sich zu sammeln und zu fassen, doch sie vermochte nicht zu reden. „Man hat mich hierher gerufen, weil ich ein Arzt bin und dir Hülfe leisten soll," sagte Elischa, „sprich, wo es dir fehlt und wie ich im Stande bin, dir zu helfen." „Meine Unschuld ist bewiesen," sagte Esther in stammelnden Lauten, „aber wisse, daß der König mich liebt, und von mir begehrt hat, ich solle die Seine werden." „Und was hast du geantwortet," sagte Elischa, während alles Blut ihm zu Herzen stieg und er kaum sich zu fassen vermochte. „Noch habe ich ihm keine Antwort gegeben, du aber bist ein erfahrener Mann. Wohl weiß ich, was eS heißt, die Gunst eines Königs zu verscherzen. Wohl weiß ich, wie sehr ich im Stande wäre, meinen Glaubensgenossen zu nützen und daß ich vielleicht verpflichtet bin. mein Leben zu opfern für ihr Wohl. Noch weiß ich nicht, was ich beginnen soll. Du aber rathe mir, und nach deinem Worte will ich handeln." Da faßte sich Elischa nach dem Herzen, das ihm schier zu zerspringen drohte. Sie war eS ja, die Geliebte, die da vor ihm stand und frug, ob sie einen andern Mann erwählen solle an seiner Statt. Und wenn er ihr sagen