Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 60 (30.7.1894)
- Date
- 1894-07-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1114 Pflegesatz, den sie selbst oder die Krankenkassen leisten, stch gerne dem Asyl anvertrauen. Eine Reihe Kranker jeder Confession wurde ganz unentgeltlich verpflegt. Leider gestatteten uns unsere Mittel bei weitem nicht, allen Wünschen betr. Aufnahme überhaupt und speziell betr. unentgeltlicher Aufnahme nachzukommen. Einen sehr großen Fortschritt hat die innere Organisation im Laufe des Berichtsjahres gemacht. Seit Beginn der Anstalt hatten wir und insbesondere die Aerzte wie in so vielen Krankenhäusern mit den Schwierigkeiten und Mißhelligkeiten zu kämpfen, die daraus entsprangen, daß die Aufsicht über das HauS, Küche und Haushaltung einerseits und über die Krankenpflege andererseits verschiedenen Personen übertragen war, und seit langem ging unser Streben dahin, aus diesem Wirrniß durch Gewinnung einer auf allen diesen Gebieten gleichmäßig erfahrenen Oberin herauszukommen. Das Berichtsjahr brachte uns die Lösung dieser wichtigen Frage in allseitig befriedigendster Weise. Der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen in Frankfurt am Main, der in den wenigen Jahren seines Bestehens den Beweis erbracht hat, daß es an jüdischen Mädchen und Frauen nicht fehlt, die sich gerne dem schweren aber ehrenvollen Beruf der Krankenpflege weihen, und die an Opferwilligkeit, Ausdauer und Geschick Mitglieder ähnlicher Corporation in keiner Weise nachstehen, hatte uns schon früher auf unseren Wunsch Schwestern zur Pflege zugewiesen. Dieser Verein wählte für uns aus seinen Schwestern einen in allen Zweigen der Verwaltung, der Haushaltung und der Krankenpflege gleichmäßig erfahrene energische Dame aus, Fräulein Frieda Brüll, die als Schwester Oberin im August vorigen Jahres ihr Amt in unserer Anstalt antrat. Ihre Liebe zu dem frei gewählten Beruf der Krankenpflege, ihre Gewandtheit in der Buchführung und in allen Angelegenheiten der Küche und des Hauses, gepaart mit Gewissenhaftigkeit und liebevoller Behandlung von Kranken und Personal befähigen sie in hohem Maße zu einer solch verantwortungsvollen Stellung und verpflichten uns zu dankbarer Anerkennung ihrer Leistungen. Gerne übernahmen wir mit dieser Oberin die Verpflichtung, auch unsere Anstalt in den Dienst der hohen Aufgabe des Vereins, der bisher als AuSbildungsstätte für die Pflegerinnen nur das Frankfurter Gemeindehospital zur Verfügung hatte, zu stellen, eine Aufgabe, die gleich bedeutsam für die Krankenpflege wie für die soziale Förderung jüdischer Mädchen ist, und der wir schon früher reges Interesse entgegengebracht hatten. Zwei Schwestern sind seit Augnst vorigen Jahres, im Asyl zu ihrer Ausbildung thätig, und wir dürfen von ihrem Lerneifer, ihrer Dienstbeflissenheit und Gewissenhaftigkeit, die sie bei der Krankenwartung bethätigen, die besten Erfolge erwarten und uns der Hoffnung hingeben, daß in nicht zu ferner Zeit, wenn die Krankenhäuser versorgt sind, jüdische Krankenschwestern auch in unserer Stadt für die Pflege Kranker jeder Confession bereit stehen. Es ist also ein erfreuliches Bild, das die Anstalt am Ende ihrer 25jäbrigen Wirksamkeit bietet. Herrlich ist die Saat aufgegangen, die die Pietät gegen Eltern in diesem Hause gelegt hat, und reich gelohnt ist die fromme That der Stifter und aller unserer Wohlthäter. Aber leider nur noch zwei der Stifter und zwei Mitglieder des bei der Gründ ung eingesetzten Kuratoriums konnten an der Jubiläumsfeier theilnehmen, die am 7. April d. I. in dem Betsaal der Anstalt unter Chorgesang und einer erhebenden Rede des Rabbiners Herrn Dr. Frank begangen wurde. Die anderen weilten nicht mehr unter den Lebenden und auch von den späteren Kuratoriumsmitgliedern sind schon manche abberufen. Hingefchieden sind von Stiftern und Mitgliedern des Kuratoriums die Herren S. Meyer, Dr. Schwarz, Jordan, Jacob Eltzbacher, LouiS^Eltzbacher (Vorsitzender von 1870—75), Jacob Löb Eltzbacher (Vorsitzender 1875 bis 76), S. M. Frank, Dr. Feith, A. Jsak, Dr. Phillippson, Moritz Eltzbacher (Vorsitzender von 1876—92.) M. R. Simon. Im letzten Jahr wurden uns, nachdem wir kurz vorher so schwer durch den Verlust unseres Vorsitzenden Herrn Moritz Eltzbacher und des Herrn M. R. Simon betroffen waren, wiederum zwei treue Helfer im besten Alter entrissen. In dem jüngsten Kuratoriumsmitglied, dem Herrn Moritz Rosenthal, verloren wir, wie so viele Institutionen, einen der opferwilligsten und thatkräftigsten Männer, der wie für alles Gemeinnützige so auch für unsere Anstalt vom Beginn seiner kurzen Amtsthätigkeit an mit rastloser Hingabe arbeitete. Auch unter uns wird das Andenken an diesen seltenen Mann nicht erlöschen. Nicht minder dankbar gedenken wir des in der Blüthe der Jahre dahingeschiedenen Herrn Dr. med. Dessauer, der seit langen Jahren in uneigennützigster Weise als Augenarzt seine Dienste der Anstalt und ihrer Poliklinik widmete. An Stelle des Herrn Moritz Rosenthal wurde in das Kuratorium und in dessen Verwaltungsausschuß gewählt Herr Philipp Neckarsulmer. An Stelle des Herrn Dr. Dessaucr trat Herr Dr. Rudolf Jsak. Zum Schluß haben wir nun noch über die finanziellen Verhältnisse zu berichten. Leider können wir auf dieselbe nicht mit einem ähnlichen Gefühl der Befriedigung blicken, wie auf die Leistungen der Anstalt. Sie waren uns vielmehr in den letzten Jahren und sie sind uns heute noch eine stete Quelle der Sorge. Zwar besitzt die Anstalt am Ende der ersten 25 Jahre ein nicht unbeträchtliches Vermögen; allein ebenso ersichtlich ist auch, daß diesein den letzten Jahren sogar zurückgegangen ist; daß nicht nur unsere gesamten Einkünfte an Beiträgen, Spenden und Legaten verbraucht, sondern auch das Capitalvermögen angegriffen werden mußte. Im abgelaufenen Berichtsjahr sind wir nur durch ein großes Legat vor dem Rückgang des Vermögens bewahrt geblieben, trotzdem in gerechter Anerkennung unserer Leistungen die hiesige Synagogengemeinde uns einen jährlichen Betrag von 1500 Mark, die israelitische Armencommisston einen solchen von 600 Mark und die anderen jüdischen Wohlthäiigkeitsvereine einen entsprechenden Betrag zuweisen und obwohl endlich die Einnahmen aus Pflegegeldern sich beträchtlich vermehrt haben. Während schon durch die Neubauten und Ankäufe in den früheren Jahren unsere Zinseinnahmen verringert worden sind, haben uns die dringend nöthig gewesenen baulichen Reparaturen, Neuanlagen und Neuanschaffungen, betreff deren man früher allzu sehr zurückgehalten hatte, in den letzten Jahren große Ausgaben gebracht, und zugleich sind die an uns gelangten unabweisbaren Anforderungen beträchtlich geftieaen. Wir sind uns hierbei bewußt, soweit das Wohl, die Herstellung und die Behaglichkeit unserer Pfleglinge davon nicht berührt wird, die möglichst größte Sparsamkeit geübt zu haben. Einschränkungen hinsichtlich der unentgeltlichen Aufnahme Kranker und Altersschwacher zu machen, um etwa noch mehr Beten für zahlende Patienten zur Verfügung zu haben, sind wir nicht in der Lage, wollen wir nicht dem Geist, aus dem das Asyl hervorgegangen ist, untreu werden. Wir haben in unserem vorigjährigen Bericht schon hervorgehoben, daß wir die zahlreichen Gesuche um unentgeltliche Aufnahme aus auswärtigen vermögenden Gemeinden nur ausnahmsweise noch berücksichtigen, vielmehr auf Zahlung eines Pflegegeldes, das annähernd unsere Selbstkosten deckt, aus finanziellen Rücksichten bestehen müssen, wohingegen wir den auswärtigen armen Landgemeinden betreffend Aufnahme ihrer Kranken, soweit es unsere Verhältnisse gestatten, entgegenkommen. Wiä Zu einer Gesundung unserer Finanzen können wir nur gelangen, wenn wir in die Lage gesetzt werden, die Legate