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Der Israelit · 1894-07-26 · Heft 59 (26.7.1894) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 59 (26.7.1894)
Date
1894-07-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1100 in ganz Europa." Der letzte Satz war halb behauptend, halb fragend ausgesprochen und während er gesprochen wurde, sah mich der Sprecher mit aufmerksamen Augen an, ob ich nicht durch ein Zeichen verrathe, daß er im Jrnhume sei und cS j a noch derartige Institutionen gebe, deren Namen mein Sachse dann wieder in möglich unauffälliger Form auszukundschaften verstanden hätte. Ein Witzbold in unsrer Gesellschaft, der wohl ahnte, warum der Sachse sich so angelegentlich nach anderen derartigen Anstalten erkundigte, machte sich den unschuldigen Scherz die Anwesenden auf „Seckbach" hinzuweisen. Mit schillernden Farben schilderte er die Einrichtungen der (gar nicht bestehenden) dortigen Anstalt, so daß der Sachse bald Feuer und Flamme ward. „Wer 12 Wochen dort in der Seckbacher Anstalt gespeist hat, bekommt — erzählte Freund Marx — eine Entschädigung von 120 Mk. Wcr sich dagegen verpflichtet ein ganzes Jahr an der dortigen Tafel theilzuuehmen, hat das Recht alljährlich 4 Wochen auf Kosten der Anstalt ein Seebad zu besuchen. Der Sachse war natürlich gleich für die letzte Bestimmung betr. des einjährigen Kuraufenthaltes eingenommen. Ich Hab' ja nichts zu versäumen, meint er bieder, geh ich also auf ein Jahr hin. Als Adrcffe des Vorstandes der Seckbacher Anstalt gibt ihm unser Witzbold den Namen eines Frankfurter Freundes an und der Sachse hat nichts eiligeres zu thun, als den nächsten Zug zu benützen um diesen „Vorstand" aufzusuchen. Dieser, welcher den Zusammenhang ahnte, bedauert dem Sachsen gegenüber, daß die Seckbacher Anstalt schon so — überfüllt sei, so daß Neuaufnahmen nicht mehr stattfinden können und Reb Joinkel sieht sich um eine Hoffnung ärmer — Zur Rückfahrt nach hier genöthigt, wo er von allen Bekannten aufs theilnehmendste nachdem Erfolge seiner Reise aus - gefragt wird, meinte er: Das nächste Jahr zu gutem meid ich mich „früher". Wer weiß? Vielleicht gibt es nächstes Jahr auch in Seckbach eine Kuranstalt. Der heitere Ton innerhalb der Anstaltsräume berührt jeden Besucher wohlthuend. Einen äußerst angenehmen Eindruck auf den Fremden übt die jedem, auch dem geringsten Patienten, gleichmäßig beobachtete Aufmerksamkeit der edlen Vorsteherin (Frl. Bai dt) aus. Diese Aufmerksamkeit im Verein mit der denkbar sorgfältigen Pflege des Anstaltsarztes Herrn Dr Hughes haben schon die allerüberraschendsten Heilerfolge gezeitigt. Neben der Anstalt ist am hiesigen Platze auch noch durch ein rituelles Restaurant dem leiblichen Wohl der jüdischen Kursremden Rechnung getragen. Bei „Stern" speist man zu relativ sehr mäßigen Preisen, und was die Hauptsache ist „gut". Und das ist viel für den, der weiß, welche Ansprüche an ein jüdisches Kurrestaurant gestellt werden, das durch seinen internationalen Besuch den verschiedensten Geschmackrichtungen Rechnung tragen muß. — Umso bedauerlicher ist es, wenn eS immer noch Personen gibt, welche sich lieber der Blamage aussetzen, die an trefener Tafel dem Juden droht, als daß sie bei fortgeschrittenen (!) Badebekannten durch den Besuch eines ritu ell en Restaurants als „Zurückgebliebene" figuriren wollen. Vom Essen aufs Trinken zu kommen, liegt nahe. Wenn man hier in Soden von Trinken spricht, denkt man natürlich in erster Linie an die Brunnen. Soden ist von der fürsorglichen Natur sehr reich mit heilwtrkenden Quellen ausgestattet. Ueber 20 Quellen entströmen hier der Muttererde. Die Tharsache, daß die von den Kurgästen erhobene Kurtaxe die Kurverwaltungskosten nicht deckt, hat dazu Veranlassung gegeben, daß nunmehr auch die Personen zur Kurtaxe herangezogen werden, welche infolge ihrer Dürftigkeit in andern Bädern von der Zahlung einer Kurkarte befreit sind. Selbst auf ein bchördl. Armuthsattest hin, sieht sich die Kurverwaltung — nicht immer zu einem Erlaß resp. zu einer Ermäßigung der Kursteuer veranlaßt; durch diese Bestimmungen werden hauptsächlich die Pfleglinge der „Jsr. Kuranstalt" betroffen. Obwohl in qu. Anstalt nnr ausnahmsweise und als ganz besondere Vergünstigung Bessersituirte Aufnahme finden, so unterliegen doch die Pfleglinge dieser (Armen!)-Anstalt der Verpflichtung der 14 M. betragenden Kursteuer. Wenn auch, wie erwähnt, selbst auf ein Armuthsattest hin die Kurbehörde nicht immer eine Ermäßigung resp. einen Erlaß gewährt, so dürfte es sich deßhalb doch für jeden Bedürftigen, der in der Anstalt Aufnahme finden will, unbedingt empfehlen, nicht ohne ein behördliches Mittcllostgkeits-Attest nach hier zu kommen, da der Mangel eines derartigen Atteftes bereits zu großen Unzuträglichketten geführt hat. Viele Gäste allerdings zahlen —so bitter es ihnen auch ankommt — lieber ihre 14 M. als, daß sie sich ein Zeugniß ausstellen lassen wollen, welches in hohem Grade geeignet ist ihren kleinen Credit vollends zu zerstören. Sie zahlen den Betrag umso eher, als sie ja selbst auf ein Armuthsattest hin ja einer Ermäßigung nicht sicher sind. Vielleicht findet die hiesige Kurverwaltung Mittel und Wege, die, ohne daß die Orts-Gemeinde dabei zu Schaden kommt, eine größere Rücksichtnahme auf minderbemittelte Gäste ermöglichen. Ueber verschiedene hier vorgekommene „Rischusgeschichten" berichte ich Ihnen vielleicht in einem zweiten Briefe. Davy Kahn-Wiesbaden.

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