Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 59 (26.7.1894)
- Date
- 1894-07-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. Erste Beilage ju M 59 des „Israelit“. Feuilleton. Wade - Plaudereien. Bad Soden, 16. Tamus. Glühend heiß brannte die Sonne durch die kleinen Coupeefenster und entlockte der Stirne perlende Schweißtropfen. Der Umstand, daß wir zu siebent in dem engen Raum zusammengepfercht sitzen mußten, war jedenfalls nicht besonders dazu angethan auf die Wagentemperatur kühlend einzuwirken. Und — gerade, als ob die drückende Hitze und das enge Zusammensitzm noch keine genügende „Kaporoh" für unsere „Aweros" wären — mußten sich da auch noch unter den Mitfahrenden ein viertel Dutzend Raucher befinden. Und was für Raucher. Ich glaube, Tmfc die „Kastanienblätter" in ihren Pfeifen extra mit einem gewissen Etwas imprägnirt waren. Gewöhnliche Kastanienblätter können doch unmöglich so grausam und nervenzerrüttend duften! Freund Bacuch, der bet allem gleich Rischus wittert, meinte, die rauchenden Herren müßten wohl Antisemiten sein, die nach dem Rezepte der Staatsbürgerzeitung mit ihrem Qualmen praktischen Antisemitismus treiben wollten. Appropos Staatsbürgerzeitung! Das wackere Blatt, welches sich von gewisser Seite einer besonderen Beachtung erfreut, hat hier zahlreiche Anhänger und Parteigenossen gefunden. Auf Schritt und Tritt vermag der Kurfremde die Wirkungen wahrzunehmen, welche die Demagogie solcher Blätter hervorruft. Daß in Anbetracht dieser bedauerlichen Thatsache manche Kurfremden, deren pekuniäre Mittel eine Auswahl unter den diversen Badeorten ermöglichen, von hier abgereist sind und andere vermögende Kurgäste infolge dieser Agitation in Zukunft von einem Besuch Sodens absehen wollen, das ist sehr begreiflich. Allen Kranken allerdings ist es nicht ermöglicht unter den diversen Kurplätzen im Genre Soden sich selbstständig einen auszuwählen. Das Gros von Leidenden ist eben darauf angewiesen einen solchen Badeort aufzusuchen, welcher die kleinsten Ansprüche an den Geldbeutel stellt. In dieser Beziehung steht nun Soden fast allen inländischen Kurorten oben an. Der Ort besitzt eine ganze Reihe vortrefflicher Pflege- und Heilanstalten, welche kostenlos oder doch zu sehr mäßigen Preisen Aufnahme gewähren. Unter all' diesen Institutionen nimmt die sog. „Israelitische Kuranstalt", was die Accuratesse der Verwaltung, die Güte der Verpflegung und den Comfort der ganzen Einrichtung betrifft, wohl den ersten Rang ein. Täglich sieben Mal werden hier den Patienten Speisen, bezw. Getränke gereicht, so daß der seinen Eßpflichten peinlich nachkommende Kranke den ganzen lieben langen Tag seine Kauwerkzeuge nicht außer Aktion zu setzen braucht. Kein Wunder, wenn bet solch einer grandiosen Verpflegung die Zahl der Anmeldungen in die Legion geht. Bis in die innerste Tiefe deS heiligen Czarenreichs ist der Ruf der „Sodener Israelitischen Kuranstalt" gedrungen, und manch' armer kranke Pole, angefeuert durch die nimmerendenden Erzählungen eines Mitbürgers, (der auch mal die Wohlthaten der Anstalt genoffen hat), schnürt eines schönen Tags sein Bündel und läßt sich am Bahnhofschalter ein Billet nach Gan-Eden- Soden geben, um auch mal 4 Wochen hier den „Meilech" spielen zu können. Geradezu köstlich ist es da zu sehen, mit welch' scheelen mißgünstigen Augen so ein polnischer Dalsen von diversen inländischen Gefährten bei seiner Ankunft hier gemessen wird. Gerade, als wenn der deutsche „Dallus" höher im Cours stände, als der „polnische." Indem diese deutschen Gäste selbst von den Wohlthaten der Anstalt den ausgiebigsten Gebrauch machen, sehen sie in der Inanspruchnahme dieser Wohlthaten von polnischer Seite eine Beeinträchtigung ihrer persönlichen Rechte, (!) eine Beeinträchtigung, gegen welche sie glauben feierlich Protest einlegen zu müssen. Freilich beschränkt sich dieser Protest nur auf das geringschätzende Begaffen dieses polnischen Standesgenossen, was diesen jedoch, wie ich zu beobachten Gelegenheit hatte, am Essen recht wenig genirt. Ist es zu verwundern, wenn die in der Anstalt vortrefflich gewährte Leibespflege manchem Gaste den Gedanken nahelegt: „Wie schön wäre es doch, wenn ich immer solch ein sorgenfreies behagliches Dasein führen könnte." Jedenfalls ist die durch die große Zahl von Anmeldungen bedingte Aufnahmezeit von 4 Wochen gar Manchem viel zu klein. Die Meisten würden die Frist gerne über das ganze Jahr ausgedehnt wissen und bedauern lebhaft, daß es keine weitere Anstalt gibt, die beim Verlassen der hiesigen die kostenlose Nachkur ermöglicht. Ein biedrer Sachse, der sich darüber informiren wollte, ob es noch mehrere derartige Institutionen gibt, welcher es aber auch verhüten wollte, daß man aus seiner Anfrage die Absicht herausmerke, daß er sich ein Jahr mal möglichst gut und billig durcheffen wollte, kleidete seine Information in die diplomatischen Worte: Sagen's mal mei kutester, des iß Sie aber ene fene Anstalt; so wat haben's nich mehr