Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 59 (26.7.1894)
- Date
- 1894-07-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1094 Unwissenheit. Das ist um so trauriger, als eine weit verbreitete Tageszeitung in unserer Nachbarschaft nicht schnell genug das Buch in einem Feuilleton ausschlachten konnte und so ihr Mögliches zur Propagierung unhaltbarer und unrichtiger Behauptungen, die in direktem Widerspruch zum Inhalt unserer heiligen Schrift stehen, beitrug. Hier ist nicht die Stelle tiefer auf das Dokument einzugehen, wir wollen nur an einigen Beispielen zeigen, wie wenig das Dokument auf Ursprünglichkeit Anspruch machen darf. Zunächst con skaliert der Verfasser selbst (S. 138) „die Aehnlichkeit, welche gewisse Hauptstellen mit den biblischen und evangelischen Berichten darbieten." Ferner deckt sich in dem Dokument die Namensform des Stifters der chr. Religion völlig mitder, wie wir sie aus dem Arabischen kennen, also haben wir hier einen deutlichen Hinweis auf arabische Vermittlung, die frühestens in das 7. Jahrhundert n. d. gew.Ztrg. weist. Der Text behandelt zuerst den Aufenhalt Israels in Egypten und den Auszug in höchst dürftiger Weise. Dabei tritt Moscheh (mit dem Namen „Mossa" vgl. arab. Musa) als egyptischer Prinz auf, was Herr Notowitsch gläubig acceptirt und weiter ausführt. Das ist ja eine uralte Fabel, verehrter Herr Notowitsch, über die und deren Widerlegung Sie erst einmal in der berühmten Streitschrift des Josefus „Gegen Apkon" 31 hätten Nachlesen sollen — oder haben Sie das gar etwa nachgelesen, bevor Sie das Dokument „entdeckten"? Geradezu köstlich ist's, daß dieses „autorative" Dokument keine blasse Ahnung von dem ersten, durch die Assyrer und Babylonier hei beigeführten Exil hat, sondern schlankweg nach mehrhundertjährtger Seßhaftigkeit der Israeliten in dem Laude (seinen Namen kennt das Dokument nicht!) die „Romelen" als Eroberer einfallen läßt. Jetzt beginnt die Darstellung breiter und genauer zu werden, denn der Schwerpunkt der indischen Erzählungen liegt in der Behandlung des Stifters der christl. Religion und seines Lebens, alles Vorhergehende ist nur als kurze Einleitung zu betrachten. Ich möchte hier fragen, welcher vernünftige Mensch glaubt, daß die Ind e r regelmäßige historische Aufzeichnungen über das Schicksal der Israeliten gemacht haben, die sich vom Auszug aus Egypten bis zum Jahre 1 unserer Zeitrechnung und noch einige Jahre darüber hinaus erstrecken? Das zu meinen, ist doch lächerlich aus den verschiedensten Gründen. Das wesentliche und wichtige Ergebniß aus dem Dokument, das, womit „die Lücke" ausgefüllt wird, ist für Herrn N. dieses letzte Hauptstück, aus dem sich ergiebt, daß der Stifter der christl. Religion mehrere Jahre in Indien war, dort studirt hat und dort auftrat und dann wieder heimkehrte. Wir müssen gestehen. daß wir uns mit den einschlägigen Fragen auf diesem Gebiet nicht näher befaßt haben und wir daher hier nicht urtheilen wollen. Doch können wir nicht verhehlen, daß wir auch nicht den Eindruck origineller, nackte Thatsachen wiedergebender Mittheilungen empfingen. Wir sehen in dem ganzen Dokument, wenn es echt ist, besten Falls eine nach Indien gekommene Version alt- und neuteftamentlicher Erzählung, die lebhaft ergriffen wurde und die, nachdem einmal für bestimmte religiöse Kreise Indiens der Stifter der christl. Religion ein Heiliger geworden war, in buddhistischem Sinn umgestaltet werden mußte und auch wurde. Da war es denn natürlich noihwendig, daß der Stifter der christl. Religion Studien in Indien getrieben haben mußte, und daß seine Reden, die das Dokument enthält, in mancher Hinsicht von budhistischem Geiste und buddistischen Gesichtspunkten und Wendungen erfüllt sein mußten. Dieses Gebilde hat die Legende fertig gebracht und in dem Text niedergelegt, den uns Herr N. vermittelt. Ein solches Dokument wäre an und für sich schon interessant genug und verdiente allgemeine Aufmerksamkeit, wenn sein Inhalt auch unwahr ist. Das hätte sich Herr N. sagen und sich mit der einfachen Mittheilung des Textes begnügen sollen, dessen treuer Uebereinstimmung mit dem Original wir übrigens nicht sicher sein können, da H. der tibetanischen Sprache nicht mächtig ist und einen Dolmetscher brauchte. Wir haben dieses Buch mit der besonderen Tendenz so ausführlich besprochen, um zu zeigen, wie unüberlegte Schriftsteller und kritiklose Zeitungsfeuilletonisten den unerschütterlichen Wahrheiten der heiligen Schrift flache Unwahrheiten gegenüberzuftellen sich nicht entblöden. Von „Die jüdische Literatur seit Abschluß des Kanons" (Winter und Wünsche), liegt uns die 19. Lieferung vor. In ihr wird „Geschichte, Geographie und Reiseltteratur von Dr. A. Lewin" fortgesetzt und beendigt und „Der synagogale Gesang von Dr. A. Ackermann" begonnen. Die Proben, die Dr. A. Lewtn aus der umfangreichen Literatur gibt, sind hochinteressant, vor allem die Beschreibungen, die Asien und Afrika und dort lebende Juden zum Gegenstände haben. Es seien hier nur bekannte Namen genannt, wie Eldad ha-Dani, Benjamin Tudela, Parchi, Bertinoro, David Reubeni, Manasse ben Israel, aus deren Schriften wie aus denen vieler anderer die merkwürdigsten Stellen wiedergegeben werden, so über die 10 Stämme, die Juden in Bagdad im 12. Jahrh., den Berg Har, Alexandrien im 15. Jahrh., eine Reise von Chaibar nach Egypten, ferner über China, die Juden Cochtns, weiße und schwarze Juden u. s. w. u. s. w. Wir können dieses Heft nicht genug empfehlen.