Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 58 (23.7.1894)
- Date
- 1894-07-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. Beilage ju M 58 des „Israelit". Literarischer Bericht. Rabbi Eleasar Schemen Rvkeach. Eine Lebensbeschreibung. Zugleich eine Einführung in den Gedankengang unddieLehrmethodedesrabbintschen Schriftthums" ist der Titel einer Schrift, die Herr Dr. L. Münz, Rabbiner in Kempen, im Verlag von Sigmund Mayer in Trier erscheinen läßt. Dieses Werk gehört zu den hervorragendsten jüdisch - litterarischen Erscheinungen unserer Zeit. Es erhebt sich wett über den Rahmen einer gewöhnlichen Biographie und wird nicht verfehlen, durch den Reichthum seines Inhalts, durch die Gediegenheit seiner Form, durch die streng logische Abfolge der Gedanken ebenso wie durch die wohlthuende Wärme der Darstellung in weiten Kreisen hohes Interesse zu erwecken. Der Verfasser, welcher durch seine Schriften „Religiöse Zeitfragen", „drei Reden politischer Tendenz" u. s. w. rühmlich bekannt ist — Herr Dr. L. Münz ist ein Enkel von Rabbi Eleasar Schemen Rokeach — hat es tn seinem neuesten Werke in genialer Weise verstanden, im Anschluß an das Leben und Wirken eines gewaltigen rabbtnisch-talmudischen Geistesheroen Inhalt und Methode des rabbinisch talmudischen Schriftthums lichtvoll zu characterisiren, in überaus feiner Analyse die Elemente dieses Schriftthums uns vorzuzeigen und uns in die staunenswerthe Gedankenarbeit dieses Kreises einzuführen. Nicht minder aber erweist sich Herr Dr. L. Münz als Schilderer von Cultur- und Sittenzuständen tn eminenter Weise befähigt, uns in die geistigen Strömungen, welche das Judenthum zu Anfang unseres Jahrhunderts bewegten, einen klaren Einblick zu verschaffen, den Kampf und Drang einer neu anbrcchenden Epoche in meisterhaften Zügen zur Darstellung zu bringen Das Buch ist darum mehr als eine Lebensbeschreibung — wie der besitz idene Titel meint — es ist die künstlerisch angelegte und lichtvoll durchgeführte Monographie einer ganzen Geschichtsepoche. Was die Schrift besonders bedeutsam macht, ist nächst der Großartigkeit ihrer Anlage das tiefe -echt wissenschaftliche Quellenstudium, auf dem sie ruht, das überaus reichhaltige Material, das in ihr verwerthet wird und die Schärfe und Gründlichkeit, mit dem der mannigfaltige Stoff gesichtet und zu einem harmonischen Ganzen geordnet wird. Der Verfasser schöpft nicht nur aus vielen gedruckten und aus den handschriftlich noch vorhandenen Werken des Rabbi Eleasar Schemen Rokeach, sondern er theilt auch Thatsachen mit. die sein (des Verfassers) Vater Rabbi Löbl Münz buit welcher der jüngste Sohn dcs Schemen Rokeach war, miterlebt und als Augenzeuge bekundet hat. Herr Dr. L. Münz übergiebt mit seiner neuesten Arbeit ein Werk der Oeffentlichkett, welches die jüdische Lttteratur wesentlich bereichert und in derselben auf die Dauer einen Ehrenplatz behaupten wird. Sprechsaal. (Für alle unter dieser Rubrik erscheinenden Artikel übernimmt die Redaction dem Leserkreise gegenüber keine andere als die preßgesetzliche Verantwortung.) In Nr. 58 der „Zeitung des Judenthums" beginnt ein Aufsatz des Herrn Dr. K. mit den hochtönenden Worten: „ein Jahrtausende langer Jrrthum soll hiermit aufgeklärt werden." Wir werden also von vornherein belehrt, daß jedenfalls ein Jrrthum vorliegt. Und was ist dieser Jrrthum? Daß wir vorher glaubten, die Sünde unserer Vorfahren haben darin bestanden, daß sie ein Kalb anbeteten. Herr K. berichtigt diesen Jrrthnm, indem das Wort von dem Eigenschaftswort (nicht Partie p, was es nach seiner Meinung auch sein kann), ableitet und es demgemäß als Sonnenscheibe erklärt, denn in den 5 B. M. sei kein goldenes Kalb erwähnt. Da ist nun ein kleines Hinderniß im Wege, nämlich Ps. 106, 20, wo von einem 2wv hiM* “iw die Rede ist. Aber das genirt einen großen Geist nicht, denn mit dem klassischen guos 6go wird einfach behauptet, der Verfasser dieses Psalms habe das Wort mißverstanden! Und das soll wissenschaftliche Kritik heißen! Und Herrn K. ist dies so einleuchtend, daß er nachher mit einer gewissen Wehmuth ausruft: Indem wir die Aufmerksamkeit auf dieses augenscheinliche Mißverständniß lenken, fragen wir nur, welche Zeit muß wohl verstrichen sein, daß die Erinnerung an die gegossene Sonnenscheibe gänzlich schwinden und die Annahme, daß ein Kalb gegossen war, an ihre Stelle trcten konnte! Die Sonnenscheibe ist also fix und fertig und nimmt von nun an den Platz ein, den das Kalb Jahrtausende inne gehabt. Die Gründe nun, die uns dazu veranlassen sollen, diesen Tausch zu machen, sind so nichtssagend, daß es sich nicht verlohnt, sie hier anzuführen. Findet Herr K. die Stelle Chron. II 11, 15 wo on'jner und neben einander Vorkommen, als eine sehr geschmackvolle Zusammenstellung, wenn wir übersetzen „den Ziegenböcken und Sonnenscheiben?"