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Der Israelit · 1894-07-23 · Heft 58 (23.7.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 58 (23.7.1894)
Date
1894-07-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1081 Der Leibeigne schrie auf, als er Elischa's ansichtig wurde. „O, Elischa" jammerte er, „sie hat sterben müssen, meine arme unglückliche Ursula. O, nun will auch ich nicht mehr weiter leben, nun will auch ich zu Grunde gehen, da mein geliebtes Weib tot ist. „O, daß ich ihn hier hätte, unter meinen Händen, ihren verruchten Mörder. Ich bin nur ein Leibeigner. Der liebe Gott hat mir alles versagt, was sonst einem Menschen Glück und Freude gewährt. „Ich besitze nichts, gar nichts, nicht einmal meinen eignen Körper darf ich mein nennen. Und dennoch war ich so zufrieden, dennoch war ich so glücklich mit meinem heißgeliebten Weibe. Aber mein Herrscher, der Pan vermag es nicht einen Menschen glücklich zu sehen. „Er hat mir mein Weib geraubt; er hat sie mir zu Grunde gerichtet, er hat sie mir getötet, denn seitdem sie elend und matt aus dem Schlosse zurückgekommen, seit jenem Tage siechte sie dahin." „Gregorski", begann Elischa mit sanfter Stimme, „Gott hat dich schwer heimgesucht, aber frage dich selbst, Mann: Hast du dein Unglück nicht selbst verschuldet?" „Wie sollte ich es verschuldet haben?" entgegnete der Bauer, „mir ist Böses widerfahren seit meiner Kindheit, aber ich selbst habe niemals Böses gethan." „Wie", entgegnete Elischa, „du hast nichts Böses gethan, und du wolltest doch zugeben, daß man uns arme unschuldige Menschen ermordete, während es in deiner Macht stand, es zu hindern. Siehst du, Gregorski, du bist ein Leibeigner, du bist unterdrückt und lebst in Schmach, und wir Juden werden unterdrückt und bedrängt von demselben Mann, welcher dich in das Unglück gestürzt hat. Wäre es nicht klug und gut, wenn wir zusammen hielten, wenn wir uns gegenseitig unterstützten, wenn wir versuchten, die finsteren Pläne unserer Unterdrücker zu Nichte zu machen! „Die Leibeignen und die Juden müssen Zusammenhalten, bis Beiden einst die Sonne der Freiheit erscheint." „Ja!" rief der Bauer, „Ihr redet recht, Elischa, seitdem meine Ursula hat sterben müffen, da will auch ich verloren sein, da will ich kein andres Ge» fühl kennen als Rache an dem, der mein Glück zerstört Hat, an dem Pan von Wola und wenn ich auch im Diesseits und im Jenseits verloren sein sollte, ich bin zu Allem bereit, Jude, was Ihr von mir verlangt." „Es ist nichts Böses, und nichts Schlimmes, was ich von Dir begehre, Mann." „Komm, wir wollen Dein Weib begraben und dann folge mir nach Krakau zum Palast des Königs." „O nein, noch nicht begraben" stöhnte der Bauer, während er sich mit jammervollen Schmerzensrufen auf den Körper seines Weibes stürzte, „ich kann mich ja noch nicht trennen von ihr, meiner Heißgeliebten." „So will ich Euch einen Wächter senden, der bei ihr wacht. Ihr aber müßt mir folgen, denn die Zeit drängt. Wenn Ihr Gutes thun wollt an den armen, unschuldig Verfolgten, so muß es schnell geschehen, denn bald schon wird es zu spät sein." Noch lang und viel mußte Elischa auf den Bauern einreden, der sich in seinem Schmerze nicht zu fassen wußte. Endlich aber gelang es ihm, ihn zu bewegen, daß er gemeinsam mit ihm zum Hofe des Königs ging. Sie reinigten ihre Kleider und machten sich auf den Weg und nach wenigen Tagen schon standen sie am Thore vom Palaste des Königs und baten um Einlaß. König Kasimir war ein Vater seines Volkes. Er hatte Befehl gegeben, daß Niemand von der Thüre seines Palastes gewiesen werde, und daß Jeder, wer es auch sei vor sein Angesicht kommen dürfte, selbst ein Leibeigener oder ein Jude. Der edle Herrscher, der bis jetzt mit so viel Kraft und Ruhe seinem großen Amte vorgestanden, war in den jüngsten Wochen von großer Unruhe heimgesucht worden. Immer wieder und wieder erschien ihm Esther, ob er wachte oder ob er im Schlafe lag, die Wangen geröthet vom Hauche der Todesangst, wie sie um Gnade und Schonung flehte, nicht für sich, nicht für ihr eignes junges Leben, doch für ihren armen, alten, gebrochenen Vater, und es war ihm im Traum öfter vorgekommen, als ob eine Stimme aus seinem innersten Herzen heraus gesprochen hätte: „Deine Krone, Dein ganzes Reich gib für dieses Mädchen, denn sie ist schuldlos. Sie ist der reinste Edelstein in Deinem Reiche; niemand ist so gut, so erhaben, wie sie! Oft schon war er auf dem Wege gewesen, um nach ihrem Kerker zu gehen, um ihr zu sagen: „Schöne Esther, entsteige der finstern Gruft, komm zu mir in das Königsschloß und theile meinen Thron mit mir." Aber immer wieder hatte er sich gewaltsam zurückgehalten. Die Beweise für ihre Schuld waren ja so klar, so deutlich und offenbar und wenn auch eine innere Stimme ihm sagte, daß Esther unschuldig sein müsse, wie hätte er es seinem Volk, wie hätte er es seinen Richtern beweisen sollen? Seit jenem Tag, da Kasimir Esther erblickt,

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