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Der Israelit · 1894-07-19 · Heft 57 (19.7.1894) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 57 (19.7.1894)
Date
1894-07-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1060 Wie wird die Auswanderung aus Rußland organisirt? Seit Kurzem ist auch in dieser Richtung ein großer Fortschritt zu vermerken. Früher kamen die russischen Flüchtlinge buntgemengt in Buenos-Ayres an, wo meine Agenten lange zu thun hatten, um Ordnung zu machen, und Viele zurückgewtesen werden mußten. Jetzt aber organisirt ein besonderes Komite die Auswanderer schon in Rußland und bereitet sie vor, während in Argentinien nur die Gründung und Ausrüstung der Colonien die Aufgabe meiner Agenten bildet. Das russische Komite sammelt je fünfzig Familien derart, daß alle Vorbedingungen für eine selbstständige Niederlassung vorhanden seien, und auch ein Arzt und ein Rabbi gehen mit. Wenn Alles beisammen ist, geht es geradenwegs nach Argentinien und gleich nach der Landung auf den Niederlassungsort. Jede Familie begibt sich direkt in ihr Haus, wo sie Alles fertig findet, sechs oder acht Ochsen in den Ställen, zwei Pflüge und zwei E-igen in den Schuppen und 190 Acres Land zum Bau vorbereitet. Am nächsten Morgen können die Kolonisten schon die Arbeit beginnen. Sie erhalten Geldunterstützungen, um Lebensmittel anzuschaffen, bevor sie die erste Ernte einheimsen und sie sich selbst erhalten können. Gerade gestern sind 650 Auswanderer auf diese Art in Argentinien angekommen. Ich habe Anstalten getroffen, damit in diesem Jahre neun neue Dörfer zu 50 Familien gegründet werden und auf eine Familie rechne ich acht bis zehn Seelen. Schwierigkeiten gab es allerdings. Es mangeln Ochsen und Milchkühe. Die Ochsen, die man in Argentinien in großer Anzahl findet, müssen erst gezähmt werden. Mein Direktor mußte zu diesem Behufe eine große Farm einrichten, sonst wären wir nie dazu gelangt, die gehörige Anzahl von Ochsen vor die Pflüge spannen zu können. Eine andere Schwierigkeit ist der Wassermangel in Entre- Rios, wo man die Brunnen 25 Aards tief graben muß. Dann ist es schwer, Transporte in die entfernte Kolonien zu senden; dem kann nur durch den Bau einer Eisenbahn abgeholfen werden, wenn der hiezu erforderliche Entwicklungsgrad erreicht sein wird. Die Hauptschwierigkeit bildet aber die Auffindung werkthättger und bereitwilliger Thetlhaber meines Unternehmens. Die armen Juden thun Alles für mich, geben mir aber keine gehörige Sicherheit; die Mittelklasse — Leute mit 20—30,000 Rubel — ist zufrieden und apathisch; die Reichen — nun, wenn ein Jude reich ist, hört er auf, ein Jude zu sein. Natürlich gibt es Ausnahmen . . . Sie müssen übrigens bedenken, fuhr der Baron nach einer Pause fort, daß ich blos beim Anfänge bin. Das Land, welches mir zur Verfügung steht, bietet höchstens Raum für 10 — 15,000 Seelen. Das ist eine Kleinigkeit. Ich muß ausgedehntere Ländereien erwerben. In Bälde soll ein Komite entsendet werden, das einen Kolonisationsplan in großem Maßstabe ausarbeiten und wenigstens drei bis vier Millionen Acres ankaufen wird. Mitlerweile werde ich alljährlich 4—5000 Kolonisten nach Argentinien befördern und in zwei Jahren gedenke ich die Vertreter der leitenden Organe der europäischen und amerikanischen Presse zum Besuche meiner Kolonien einzuladen, damit sie sich mit eigenen Augen überzeugen, daß die Juden auch zu Anderem geeignet sind als zum Handel. Kann man hoffen, daß für die Juden in Rußland bessere Tage kommen werden? Nicht im Mindesten, wenigstens sehr lange Zeit nicht ... Es wird aber eine Zeit kommen, wo 3—400.000 Juden als friedliche und geachtete Bürger in Argentinien leben und einen bemerkenswerthen Kontrast zu ihren zurückgebliebenen, durch die Verfolgung demoralistrten Brüdern bilden werden. Ich bin entschlossen, in meiner Arbeit nicht innezuhalten. Stünde es in meiner Macht, so würde ich schon morgen die ganze jüdische Bevölkerung Rußlands nach Argentinien überführen. Wir plauderten noch eine Weile über die sonstigen wohlthätigen Unternehmungen des Barons, über die Alliance israölite, die er auf's Freigebigste unterstützt, über den 5,000,000 Gulden-Fonds, den er zu Erziehungszwecken in Galizien gestiftet hat, über die weiteren fünf Millillonen, mit welchen er russischen Auswanderern in den Vereinigten Staaten unter die Arme greift. Er sprach von diesen und anderen „kleineren Fundationen" mit einem ruhigen Ernste, der sein tiefes Interesse an der Sache verrteth und auf mich den lebhaftesten Eindruck machte. Ich stand noch unter diesem Eindrücke, als ich durch Piccadilly gegen den Strand schleuderte. Es ist selten, einen Mann zu finden, der zuWohlthättgkeitszwecken so großangelegte Pläne ausführt, wie Baron Hirsch; noch seltener aber findet man die Bescheidenheit und Uneigennützigkeit, die diesen vorzüglichen Mann charakteristrt. Er kümmert sich wenig um die Ehre, die ihm sein wohlthättger Sinn bringt, und noch weniger liegt ihm etwas an der Verwirklichung jüdisch-nat. Aspirationen. Solchen mystischen Dingen bringt er ziemliche Skepsis entgegen. Er hat ganz einfach ein gutes Herz, welches tiefes und inniges Mitgefühl für Kummer und Leid der Unglücklichen empfindet. Als Herr eines Vermögens, das ihm gestattet, seinen großmüthtgen Neigungen freien Lauf zu lassen, findet er in der Möglichkeit des Wohlthuns eine Quelle des eigenen Glücks.

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