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Der Israelit · 1894-07-19 · Heft 57 (19.7.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 57 (19.7.1894)
Date
1894-07-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. Erste Beilage ju M 57 des „Israelit". SeUettbet Artikel. Weim Waron Kirsch. London, 8. Juli. — „Wie werden wir sprechen, französisch, englisch oder deutsch?" frug der Baron den bet ihm zu Gaste weilendkn Correspondenten des „Neuen Pester Journal". — Wie Sie wollen, Baron. Sie erinnern sich dessen, was de Blowitz der Königin von Rumänien sagte, als sie ihm die Frage stellte, welcher Nation er angehöre: „Mein Gott, Majestät, ich weiß es nicht, ich wurde in Böhmen geboren, lebe in Frankreich und schreibe daselbst englische Zeitungskorrespondeuzen." Ich könnte fast dasselbe sagen, denn ich stamme auch aus Böhmen, wurde in Frankreich erzogen und bin Journalist in England. Sehr wohl, lachte der Baron voll guter Laune. Da wir in England sind, werden wir englisch sprechen. Mir ist's ganz gleich. Und er zuckte die Achseln mit der Gleichgiltigkeit des Millionärs, der sich mit Kleinigkeiten abzugeben hat. Ich zog aus meiner Tasche eine Anzahl Photographien hervor, welche Szenen aus den argentinischen Kolonien des Barons darstellen. Während Baron Hirsch die Bilder einer Prüfung unterzog, benützte ich die Gelegenheit, den merkwürdigen Mann und was ich um ihn sah, näher in Augenschein zu nehmen. Wir befanden uns in Bath House, Piccadilly, der Londoner Behausung des Barons. Durch die Fenster, welche die Aussicht auf ein Blumenparterre und weiterhin auf den grünen Park eröffneten, drangen goldige Sonnnenstrahlen in das elegante Gemach und tanzten um den prachtvollen, aber bequemen Lehnstuhl, den der Baron einnahm. Ein stattlicher, kräftiger, gut aussehender Herr, scheint er seine sechzig Jahre mit Leichtigkeit zu tragen. Noch leichter ruht wohl die Last seiner Millionen auf den beiden Schultern Eisengrauer Schnurrbart, silberweißes, sorgfältig gekämmtes Haar, lebhaft funkelnde, Fröhlichkeit verrathende Augen: das ist das Exterieur eines Mannes, dessen Aussehen verräth, daß die Genüsse des Lebens ihm noch immer nicht fad geworden. Er ist sorgfältig gekleidet, trägt einen schieferfarbtgen Morgenanzug und eine kleine Diamantnadel in seiner blauen Kravate. Den Tisch vor ihn bedecken Papiere, Bücher und merkwürdige mechanische Apparate. Als ich eintrat, war er mit seinen Privatsekretären in seine Morgenbeschäftigung tief versenkt. Die Photographien interessirten ihn. — Ich besitze ebenfalls einige Photographien, sprach er, die besser als diese, aber vielleicht nicht so ungekünstelt sind. Mein Gott! Wie interessant es ist, diese alten jüdischen Physiognomien von der Sonne Argentiniens gebräunt zu sehen! Schauen Sie sich diesen Mann mit der traurigen Miene an, der noch in sein polnisches Kostüm gekleidet ein Bündel Holz auf den Schultern trägt, und diese kleinen jüdischen Cowboys, die aus dem Ghetto in die weite neue Welt versetzt wurden. — Wie gedeihen die Kolonien? — Sehr wohl, antwortete der Baron. Ich bin ganz zufrieden. Natürlich hatte ich Schwierigkeiten, aber ich hoffe, ich glaube jetzt auf dem richtigen Wege zu sein. Sie wissen, daß die plötzlich ausgebrochenen Judenverfolgungen mich in eine Zwangslage versetzten. Juden aller Art überliefen mich und ich mußte die Spreu vom Weizen sondern. Es gab sehr viel Spreu, ich versichere Sie. Komische Geschichten könnte ich erzählen von Schwindlern, die mich zu betrügen suchten, und weder Juden, noch aus Rußland waren. Doch ich machte mich an's Werk, versuchte allerlei Experimente, wandte mich bald nach rechts, bald nach links und jetzt weiß ich wenigstens, was ich zu thun habe, wenn auch mein Plan noch nicht vollständig fertig ist. Und der Baron lachte herzlich über seine theuer erkauften Erfahrungen. Aber die Kolonien sind jetzt auf sicherem Wege? — Ja, und sie gedeihen so ziemlich. Ich habe mehr als dreitausend Personen in sieben Kolonien der Provinz Buenos Ayres, Entre-Rios, Santa- Fe und Cordova untergebracht. Allen geht es gut, und obwohl die älteste Niederlassung erst vor drei Jahren gegründet wurde, gibt es überall reichliche Ernten. Nahezu 18,000 Acres sind mit Weizen bedeckt. Millionen von Obstbäumen und alle Gattungen Küchengemüse wurden gepflanzt. Es ist nicht eben das Land, wo Milch und Honig fließt, aber es lohnt die Arbeit vortrefflich. Das Merkwürdigste ist die Anstelligkeit der Kolonisten und ihre Vorliebe für ländliche Arbeit. Die Prophezeiungen, daß die Juden sich gewiß nicht in den Ackerbau schicken werden, sind Lügen gestraft worden. Der russische Jude ist klug, fleißig, nüchtern und arbeitsliebtnd. Was er zu Hause getrieben, den Spaten handhabt er mit größter Bereitwilligkeit. Ich kenne eine Familie — der Vater war Professor, die Töchter sind wohlerzogen, verstehen Musik und Sprachen, französisch, englisch, italienisch. Sie gehen alle hinter dem Pfluge einher. Ja, ich setze die größten Hoffnungen auf sie.

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