Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 57 (19.7.1894)
- Date
- 1894-07-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1052 Wohlwollen Gottes für die Verbannten sich in ergreifender, unverkennbarer Weife bekundet, so gewiß bleibt eS doch ein hartes, thränenreiches Loos daS Brod der Verbannung zu effen. Verbannung, Goluß bedeutet für uns die Zerstörung des Gottesbeiligthums in unserer Mitte, die Einäscherung von Tempel und Altar, die Verwüstung des heiligen Landes, der Zusammenbruch unserer nationalen Selbstständigkeit und der Verlust aller daran geknüpften Vorzüge und Auszeichnungen, die sich zum zweiten Male nicht wieder in der Welt fanden, wie die Prophetie, der heilige Gottesgeist u. a. m. und zuletzt das thränenreiche Exil selbst, mit seinen Schrecken und Aengsten, mit seinen tausendfältigen Martern und Ködern, das uns auf ungezählte Jahrtausende in die Mitte feindlicher Völker weist, denen Juden und Judenthum dem Spott und Gelächter, dem Haß und der Verachtung wie nichts sonst preis gegeben sind. Pest und Schwert, Hunger und Gewild, alle bereits erwähnten Heimsuchungen aus bestimmte Vergehen, alle erreichen ihren Höhepunkt durch die Verbannung, in der sie uns heimsuchen. irurw irfcra w Im Exil sind alle diese Strafen und Schrecken vereinigt. Wann, warum, für welche Vergehungen ist die Verbannung eines ganzen Volkes, ist Goluß die einzige Sünde? — Diese Frage trifft den Kern alles dessen, was man sonst als Judenfrage bezeichnet. Hätte Gott das jüdische Volk in einen abgeschiedenen Erdwinkel für die Jahrtausende seiner Läuterung und Sühne gewiesen, so gäbe es keine Judenfrage. Nur weil Gott das nicht gethan, weil Gott die Verkünder seines Daseins, die Träger seines Namens, die Kinder einer großen Vergangenheit mitten hinein in die lebendige Gegenwart allerorts hin zerstreut, dadurch daß er diese Verbannung sondergleichen über sie verhängt hat, gerade dadurch ist aller Aufmerksamkeit auf sie gerichtet. Dadurch stehen sie der Beschränktheit, der Bosheit und Rohheit überall im Wege. Sie sind nun einmal das, wozu sie Gottes Wort bestimmt hat: »ny orw 'n oiw die Zeugen für Gottes Walten in der Geschichte. Diejenigen, die diese Zeugenschaft und dem, was durch sie bezeugt wird, gram und die sie nun in jedem Juden verkörpert sehen, der ihnen in den Weg tritt, diejenigen sind genöthigt, das was hier in die Wirklichkeit tritt, entweder zu hassen oder zu achten. Für diese Achtung ist die Welt noch nicht reif, sie entscheidet sich daher für den Haß. Je allgemeiner und glühender dieser Haß sich äußert, desto mehr drängt er die Gehaßten zu der Frage, womit sie ihn sich zugezogen, welche Verirrungen das Exil zu sühnen bestimmt ist, unter welchen sie nun schon 1825 Jahre leiden, also zu dem Gegenstand der Mtschnah, zu deren Erklärung wir nunmehr gelangt sind. Die Frage ist alt. Sie ist älter als das Exil und seine Leiden, in dem wir gegenwärtig leben. Schon der Verkünder des ersten babylonischen stebenzig Jahre dauernden Exils hat sie aufgeworfen und beantwortet: „Wer ist der weise Mann und begriffe das, daß der Gottesmund zu ihm redete und er es verkünde, weshalb ist das Land verloren gegangen, gleich wie die Wüste ohne daß es Jemand durchzieht?" Da sprach Gott: Weil sie meine Thora verlaffen haben, die ich vor sie hingegeben habe, weil sie meiner Stimme nicht gehorchten und nicht ihr nachgingen. Sie gingen ihrem Herzensdünkel nach und den Baaltm, welche ihre Väter sie lehrten. Deshalb spricht der Gott der Heerschaaren, der Gott Israels: siehe, ich werde dieses Volk speisen mit Wermuth und sie mit bitterem Wasser tränken. Ich werde sie zerstreuen unter Völker, welche sie und ihre Väter nicht kannten" u. s. w. (Jeremias Cap. IX. V. 11 ff.) Aus diesen Worten spricht die auch sonst vielfach betonte Wahrheit: Gott hat uns Grund und Boden, hat uns ein Land gegeben, um auf demselben das Gesetz Gottes, die Thora zu verwirklichen. Erfüllen wir die Gesetze der Thora nicht, so hat der Besitz dieses Landes seinen Zweck nicht erreicht und wir büßen es ein. Das Gesetz Gottes, so mannigfach und zahlreich auch seine einzelnen, das ganze Leben regelnden Bestimmungen sind, lassen sich äußerlich betrachtet in drei Kategorien klassificiren: in Pflichten gegen Gott, Pflichten gegen uns selbst und Pflichten gegen unsere Nebenmenschen. Durch Götzendienst ist das ganze Pflichtverhältniß gegen Gott erschüttert und verläugnet, durch geschlechtliche Entartung ist die Rücksicht auf die Selbstachtung mit Füßen getreten, und durch Menschenmord sind alle Pflichten gegen den Nächsten in gröblichster Weise verletzt. Mit diesen drei Kapitalverbrechen ist somit das ganze Gesetz gefährdet und in Wirklichkeit abrogirt. Deshalb werden diese drei Vergehungen auch sonst als die schwersten bezeichnet, deren Begehung nicht einmal gestattet ist, wenn selbst das bedrohte Leben damit zu retten wäre. Die Pflicht im Brachjahr den Boden nicht zu bebauen, ist die laute von der Gesammtheit bekundete Proklamtrung der Thatsache, daß uns der Boden nicht gehört, daß wir auf seinen Segen verzichten müssen, wenn derjenige die Bebauung uns versagt, welchem allein der Boden gehört. Verleugnen wir diese Hörigkeit, verletzen wir die Pflicht des Brachjahrs und geriren uns als die Herren des Landes, so werden wir von dem Boden ver-