Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 56 (16.7.1894)
- Date
- 1894-07-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1046 Dr. Adolf Ehrlich (St. Petersburg 1894) von Interesse sein. Zur Feier des fünfzigjährigen Bestehens dieser Anstalt hat der Verf. auf Grund von Regierungsakten und Protokollen vorliegende Schrift verfaßt, so daß die schrittweise Entwickelung dieser Schule, die mit manchen Widerwärtigkeiten, besonders finanziellen» zu kämpfen hatte, uns lebendig vor Augen tritt. Die Schule wurde mit 37 Schülern, Knaben, eröffnet und zählt jetzt 410 Schüler und Schülerinnen. — In der Geschichte der Religionsphtlosophie nahmen die Juden keine untergeordnete Stellung ein; das Mittelalter stellt aus ihren Reihen Männer auf, welche sich den angesehensten Denkern der nichtjüdischen Welt ebenbürtig zur Seite stellen dürfen. Wenn die allgemeine Geschichte der Philosophie ihre Namen nicht nennt, wenn man dort selten einem andern jüdischen Philosophen als Maimuni begegnet, so liegt das an der Unbekanntschaft mit den Werken, die, zumeist hebräisch geschrieben, unseren Historikern der Philosophie ungekannt bleiben, thetls auch daran, daß ein großer Theil dieser Schriften bis jetzt noch ein nur handschriftliches Dasein in den Bibliotheken fristen und noch nicht durch die Druckerp reffe zu neuem literarischen Leben erweckt wurden. Wird nun eine solche Schrift, selbst wenn sie inhaltlich nicht sehr bedeutend wäre, aus dem Dunkel der Bibliotheken an das Licht des Tages und der Oeffentltchkeit gezogen, so haben wir uns im Interesse der Wissenschaft zu freuen, und gewiß dann, wenn dem Inhalt Bedeutung nicht abzusprechen ist. So müssen wir dem Rabbiner Dr. Ludwig Venet ianer für die Veröffentlichung des nHpv.-i -ido (Buch der Grade von R. Schemtob b. Joseph Jbn Falaquera. Berlin 1894 S. Calvary u. Co.) dankbar sein. Dieser Philosoph behandelt die verschiedenen Grade der Menschen in Bezug ans die Entwickelung ihrer geistigen Thätigkeit; es sind zwar nicht lauter neue Gedanken, die hier ausgesprochen sind — der Vers, ist wahrheitsliebend und bescheiden genug dies zu bekennen —, doch hat der Vers, es verstanden diese Gedanken systematisch zu gruppiren, so daß wir in dieser Schrift die erste wissenschaftliche Ethik in der Literaturgeschichte der arabisch-jüdischen Philosophie be» fitzen. — Das Königl. Museum in Berlin besitzt einige Schalen aus Bagdad, deren Innenseiten mit hebräischen Charakteren bedeckt sind. Die Entzifferung einiger dieser Inschriften legt Rabb. Dr. Jos. Wo hl st ein in einer kleinen werthvollen Schrift „Dämonenbeschwörungen aus nachtalmudtscher Zeit" (Berlin 1894. Felder) vor. Daß die Schreiber vielleicht mit Ausnahme des Verfassers der zuletzt angeführten Inschrift (Nr. 2417 nach dem Katalog) Juden waren, ist sicher; demnach ist allerdings anzunehmen, daß sie von den wenigen im Talmud vorkommenden Beschwörungsformeln beeinflußt sind, jedoch die eigentliche QuelledieserJnschriften ist der Mandaismus. Die Schriften dürften etwa dem 7. und 8. Jahrhundert angehören, und gerade Bagdad war der Sitz des krassesten Beschwörungsparoxismus, wie ja R. Hai Gaon den dort wuchernden Aberglauben der Beschwörungen und Amulette geißelt, (Taam Schenim S. 56): „In der Schule zu Sura waren diese Dinge sehr häufig, denn dort ist man nahe zu Babel (Bagdad) und dem Hause Nebukadnezars." Wenn man die ungeheuerlichen Beschwörungsformeln, die hier vorliegen, liest, so kann man sich den Zorn und die Ironie des Gaon R. Hai gut erklären. Die Lösung, die an vielen Stellen sehr schwierig war, begleitet der Verf. mit einem ausführlichen Kommentar, der überall das Richtige getroffen zu haben scheint; die zuletzt angeführte Inschrift ist jedoch selbst so unsicher, daß sich hier manche kritische Zweifel erheben dürften. — Schließlich will ich hier noch auf die „Fest- und Gedenkreden" von Dr. Joel Müller (Berlin 1893. Dümmler) aufmerksam machen, die vom Verf. im Betsaale der Auerbach'schen Watsen- Erztehungsanstalten in Berlin gehalten wurden. Sie sind formgewandt und enthalten schöne Gedanken; nur wird man billig darüber erstaunt sein, daß der Verf. es vermieden hat, ein einziges Wörtchen hebräisch den Predigten einzureihen. Wenn ich mich jedoch für die Reden nicht enthustasmtren kann, so liegt es einzig und allein daran, daß Dr. Joel Müller der Verfasser ist, von dem man Besseres und Wissenschaftlicheres gewöhnt ist. Zeitnugsnachrichteu und Corresporrderrzeu. Deutschland. München. (Eine gebildete Frau über den Antisemitismus.) Frau Gräfin Victorine Butler- Haimhausen in München hat sich eine so vorurtheilsfreie Gesinnung bewahrt, wie sie bei dem deutschen Adel leider nicht gerade häufig zu finden ist. Sie versendet einen kleinen Artikel, in dem mit logischer Schärfe an der Hand der Thatsachen die von den Antisemiten gegen die Juden gerichteten Vorwürfe entkräftet werden. So wird zum Beispiele gegen die Methode, die Israeliten als Raffe zu bekämpfen, ausgeführt: AIS Raffe kann überhaupt bei ihnen ebenso wenig von reinem SemitiSmuS die Rede sein, wie bei den heutigen Deutschen vom reinen Germanenthum. Es haben bedeutende Maffenmischungen stattgefunden, längst ehe dieses. Volk in alle Welt zerstreut wurde und erst recht seit dieser Zeit, wie ja z. B. Renan die westeuropäischen Juden zum Theil aus zum Judenthum übergetrenen Galliern entstammen läßt. Daß übrigens der semitische Stamm keine so verächtliche Rolle in der Geschichte spielte, dafür mögen die Thaten der