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Der Israelit · 1894-07-16 · Heft 56 (16.7.1894) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 56 (16.7.1894)
Date
1894-07-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1039 mit noch 400 Rabbtnen dazu, kann man als wahrhaft ehrlicher Jehudi doch nicht tgnoriren. Lieber, sagte er, wolle er am Hungertuche weiter nagen. Er zog Höchberg in Bayern, wenn es auch nur ein Dorf war, Frankfurt a. M. vor. Dort wirkte er bis zum letzten Augenblicke seiner Kraft. M. Gr. Berlin, 9. Juli. Ein Akt empörendster antisemitischer Rohheit spielte sich gestern Abend um 11 Uhr Unter den Linden, Südseite, Ecke der Friedrichstraße, ab. Schreiber dieses hörte, von dem Victoria-Hotel kommend, an der betreffenden Stelle, welche um diese Zeit außerordentlich belebt war, wiederholt laute Rufe: Judenbande raus! Es stellte sich nun heraus, daß der betreffende Lärmmacher ein Rowdy Namens Joseph Gärtner, seines Zeichens Buchhändler und Eislebenerstraße 17 bet Böhm wohnhaft, war. Der muthige Antisemit hatte sich das billige Vergnügen gemacht, ein altes jüdisches Ehepaar von dem Trottoir auf die Straße herunterzustoßen, wobei er einem um so geringeren Widerstand begegnete, als der Mann sehr krank und schwächlich war. Ein Schutzmann war nirgends zu sehen und so ging es unter wüstem antisemitischen Geschimpfe bis zum Central-Hotel, allwo ein Nachtwächter zur Sistirung des frechen Burschen aufgefordert wurde. Unterwegs beliebte es dem Herrn, seine Gemeinheiten weiter hören zu lasten, und er versetzte einem Herrn, der sich in Begleitung der betreffenden Familie befand, zwei Ohrfeigen, ohne daß es dem Nachtwächter gelang, dies zu verhindern oder den wüsten Patron zum Schweigen zu bringen. Nun riß allerdings dem mosaischen Herrn die Geduld und er versetzte dem Angreifer einen Schlag über den Kopf, so daß letzterer blutüberströmt auf die Wache gelangte. Auch dort bedrohte Herr Joseph Gärtner seinen Gegner und den Schreiber dieser Zeilen mit Schlägen und Prügel und es bedurfte — leider — erst einer scharfen Intervention, um den Herrn Wachthabenden zu veranlaffen. gegen den Sistirten etwas energischer aufzutreten. Die Herren Max Freitag, Lindenstraße 106, II, und Johannes Kayatz, Mulackstraße 23, beide evangelischer Konfession, stellten sich liebenswürdiger Weise in den Dienst der guten Sache. Bezeichnend für den ganzen Vorfall ist der Umstand, daß der Rowdy sich noch auf der Wache auf die Staatsbürgerzeitung berief. Solche Burschen wie Herr Gärtner gehören zu den Leuten, aus deren Holz man Anarchisten schneidet, und es scheint doch wirklich bald an der Zeit, daß die Regierung sich entschließt, der Staatsbürgerzeitung, welche für die Erhaltung der bestehenden Gesellschaftsordnung, an der wir doch alle ein Interesse haben, mindestens ebenso gemeingefährlich ist wie die Organe des Herrn Liebknecht und Konsorten, etwas schärfer auf die Finger zu sehen. Nachdem dieses infame Organ unser Staatswesen mit Herrn Ahlwardt beglückt hat, ist ja nicht abzusehen, welche Früchte diese widerliche Hetze noch zeitigt, und nicht energisch genug können wir unseren Behörden zurufen: „Caveant consules!“ (Kl. Journal.) München In dem „Kropper kirchlichen Anzeiger" lesen wir in einem Artikel aus Rheims in Frankreich: „Ein jüdischer Bursche, Moritz Gutmann, 19 Jahre alt, hat sich für Geld 36mal taufen lassen. DaS brachte ihm 10,000 Francs ein, aber auch 5 I ahre Zuchthaus." Von der Fülle von Gedanken und Betrachtungen, zu welchen diese Zeitungsnotiz anzuregen geeignet ist, möge es gestattet sein, einige in schlichte Worte zu kleiden. Der in Rede stehende 19jährige Schlingel und Wiedertäufer gehört — das werden auch unsere Feinde einräumen — jedenfalls unter den Abschaum der Bekenner des Judenthums. Wenn aber die Verkommensten unter uns so wenig wasserscheu sind, daß sie sich 36mal taufen lassen, so steht man, was es mit dem Vorwurf der Wasserscheu für eine Bewandniß hat, welche unsere Feinde uns so gern anzudichten belieben. Die Notiz ist in der vorliegenden Form jedenfalls ungenau. Daß Jemand durch 36maliges Taufen 10,000 Franken verdienen kann, ist bei der Opulenz unserer Misstonsgesellschaften schon glaublich. Aber mit welchem Recht kann man die 36malige Taufe mit 5 Jahren Zuchthaus bestrafen? Ist die Taufe wirklich etwas, was in Rheims mit Zuchthaus geahndet wird? Man könnte höchstens die 35 letzten Taufen mit Zuchthaus bestrafen, aber die erste sollte doch entweder frei sein, oder überall bestraft werden. Wie dem aber auch sei; ist es nicht merkwürdig, daß die Misstonsgesellschaften etwas mit 10,000 Franken Belohnung honoriren, was von den Gerichten mit 5 Jahren Zuchthaus bestraft wird?! Es wäre jedenfalls von Interesse die Motive dieser Verurthetluug kennen zu lernen, um zu erfahren, wieso etwas, was einmal recht ist, unrecht wird, sobald man es 3«mal thut. Der junge Renegat kann doch die verschiedenen Sekten des Christenthums durchprobirt haben, bis er zum 36. Male die richtige gefunden hat. Jedenfalls wird man für die Zukunft gut thun, wenn die Vereine zur Verbreitung des Christenthums unter den Juden von 36 Uebertritten zum Christenthum sprechen, 35 in Abzug zu bringen. — Derjenige aber, welcher die 10,000 Frcs. angenommen, hat vielleicht ebenso verwerflich, aber jedenfalls nicht so einfältig gehandelt, wie diejenigen, welche ste ge-

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