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Der Israelit · 1894-07-16 · Heft 56 (16.7.1894) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 56 (16.7.1894)
Date
1894-07-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1036 wo unsere gemeinsamen Heiligthümer angegriffen werden, muß jeder innere Zwist schweigen. Und bereitwillig hat das freisinnige Judenthum über Talmud und sogar Schulchan-Aruch, sowie neuerlich anch über die Schechita den Schild mitgehalten. Aber es wäre sehr verhängnißvoll, damit den Wahn sich befestigen laffen, als hätte es auf seine Forderungen verzichtet, seine Ideale preisgegeben und erkenne willig an, daß das Heil allein ausgehe von „Berlin 0 GypSstraße" und das Wort Gottes von „Mainz"." Bevor wir diese interessanten Bekenntnisse ein wenig festnageln, gestatten wir uns zuerst an die Zeit zu erinnern, in welcher den Herren Dr. Rahmer und Consorten der Talmud u. s. w. noch zum Judenthum gehörte. Das ist eine Zeit, die allerdings schon fast anderthalb Jahre hinter uns liegt; eine Dauer, für welche das Gedächtniß unserer raschlebigen, vergeßlichen Zeit nicht auszureichen scheint. Damals gaben einige hundert Rabbiner, unter welchen auch Herr Dr. Rahmer figurtrte, „Im Vertrauen auf den Beistand Gottes zur Steuer der Wahrheit" folgende Erklärung ab: „Im Vertrauen auf den Beistand Gottes, erklären „wir, daß die Unterzeichneten Rabbiner jüdischer Ge- „meinden Deutschlands, zur Steuer der Wahrheit, gegen- „über falschen Vorstellungen, die über das Schristthum „und die Sittenlehre des Judenthums verbreitet werden, „was folgt: „Die heilige Schrift, welche Gemeingut der ganzen „gesitteten Welt geworden ist, bildet die Grundlage für „die Lehre des JudenthumS. Außer der heiligen „Schrift, welche die „schriftliche Lehre" heißt, „besitzt das Judenthum noch eine Religions- „quelle, d en „Talmud", der, weil er urfprüng- „lich nicht niedergeschrieben wurde, die „mündliche Lehre" genannt wird.-Der „Talmud baut s einen Lehrinhalt auf Grund „des biblischen Wortes auf und gibt allem „Raum, was den menschlichen Geist und das „menschliche Gemüth beschäftigt.-Seiner ganzen Anlage nach ist daher der Tal- „mudalSdieOuellenschriftfürdieAuffassung „des biblischen Wortes und für die Kenntniß, „die Geschichte und die Begründung desüber- „lieferten Religionsgesetzes zu betrachten. „AlS eine solche Quellenschrift ist der Talmud „zu allen Zeiten von den jüdischen Forschern „behandelt worden," u. s. w. Auch dte Vergeßlichsten werden sich noch des staunenden Kopfschüttelnd erinnern, mit welchem man damals diese Erklärung ausnahm. Jahrzehnte lang hatten Orthodoxe und Reformer, Halbe und Ganze, juste milieu und extreme Juden sich in Parteien geschieden, die sich oft wie Sein und Nichtsein in vollendetem Gegensatz gegenüber standen. Was sie schied war die Frage nach der Verbindlichkeit unseres Religionsgesetzes, wie es in der Thora vorgeschrieben und im Talmud erläutert ist. Und nun waren mit einem Federstriche, alle religiösen Differenzen aus der Welt geschafft! Fromme und Neue, Fanatische und Tolerante, Wilde und Zahme, alle hatten unter Berufung auf den Namen Gottes, im Namen und zur Steuer der Wahrheit erklärt, der Talmud gehört nicht nur zum Judenthum, er ist sogar seine Quelle! Wer die Gffchlchte jener Zangengeburt von Erklärung kannte, mußte damals schon ein wenig mißtrauisch werden. Aber so ungeheuerlich es auch klang, wie da Männer sich selber mit ihrer ganzen Vergangenheit und Wirksamkeit in offenen Widerspruch setzten, sich selber desavouirten, es stand schwarz auf weiß da, die Thatsache war vollzogen. Zu glauben, daß Männer, die geistigen Häupter jüdischer Gemeinden, den Namen Gottes vergeblich und gar zum Falschen anrufen würden, etwas zur Steuer der Wahrheit öffentlich zu erklären fähig wären, was sie im Herzen für eine Unwahrheit hielten, das hätte jeder Zurechnungsfähige als verletzende, ehrenkränkende Unterstellung von vornhinein abgewiesen! Da fallen nun in ihrem Mißmuth die Herren Dr. Rahmer und Consorten plötzlich aus der Rolle und verrathen uns: das freisinnige Judenthum hat über Talmud, Schulchan-Aruch und Schechita den Schild nur mitgehalten! Für diese Mithalterschafl haben sie den Beistand Gottes angerufen, aber dte Schildträger des Talmud und Schulchan Aruch muß man in Berlin in der Gypsstraße und in Mainz suchen! - Eingestandenermaßen zielen somit die Forderungen dieser Herren dahin, den Talmud, den Schulchan Aruch und die Schechita mit Stumpf und Stiel auszurotten, und bezeichnen es als verhängnißvoll aus ihrer Schildbürgerei das Gegentheil zu folgern und den Wahn zu befestigen, als hätten sie auf ihre Forderungen verzichtet und ihre Ideale preisgegeben! Wir waren darüber niemals im Zweifel. — Wir schrieben schon im Februar vorigen Jahres an dieser Stelle: „Wenn die That ihres Lebens mit den Worten ihrer feierlichen, öffentlichen Erklärung nicht in offenem Widerspruch stehen soll, werden sie zu jener Quelle, in welche sie so lange übermüthiger Weise Steine und Sand geworfen haben, jetzt zurückkehren und sie ihren Gemeinden zugänglich machen. Nach der Quellenschrift des Talmud ist die Nachahmung außerjüdischer Culte in unseren Gotteshäusern eine Profanisirung derselben und eine Uebertretung eines biblischen Verbots, sie werden also ihre Orgeltempel mit ihren gemischten Chören aufgeben, sie werden nnopo einrichten und so dem era iid’n steuern, in welchem ihre Gemeinden aufwachsen. Sie werden wieder ein kräftiges Wort haben für die Heilighaltung z. B. des Sabbat, von Zizis und Tefillin, von welchen auf der jüng-

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