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Der Israelit · 1894-07-16 · Heft 56 (16.7.1894) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 56 (16.7.1894)
Date
1894-07-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. M |56. Der Zsraelit. Ein KenLrat-Hrgan für das orlhodore Iudenthum. Begründet von Vr. Lehman« in Mainz. Montag, den 1«. I n l i 5654 (1894). Leitender Artikel. Aus der Masse gefallen! Mainz, 15. Juli. In rührender Einfalt begegnet sich ein wahlverwandtes Trio, bestehend aus den Herren Dr. Rahmer in Magdeburg, dem Herausgeber der „Debora" in Amerika und Herrn Dr. Brüll in Frankfurt a. M. in der Klage über die Außer- Courssetzung ihres Reformjudenthums. Vom Resormjudenthum sprechen sie schon gar nicht mehr. Sie glauben ihren von allen Seiten aufgegebenen Patienten durch ein altes orthodoxes, schon im Talmud empfohlenes Mittel retten zu können, durch: Namenswechsel ntcm w. Vom Reformjudenthum sprechen heute nur noch die Antisemiten. Bei seinen pulsfühlenden, kopfschüttelnden Aerzten heißt eS: „Das freisinnige Judentum." Als Reformjuden möchten auch sie nicht mehr gelten. Der Judenhaß hat, um sich mit einem nothdürftigen Schein von Legalität auszustafsiren, sich als Reformjuden-Haß ausgegeben. Das bringt die erwähnte Dreifaltigkeit aus Rand und Band und sie kann die Thatsache nicht verwinden, daß die Ereignisse, welche ihrem Modereligiönchen den Todesstoß versetzten, der Orthodoxie zu einem ungeahnten Aufschwung verhalfen. Daß die Herren in ihrer Verstimmung dt^- Renegaten, die Religionslosen, die achselzuckendW Indifferenten, deren Contigent heute größer seiMoll als früher, der bösen Orthodoxie aufs Kerbholz setzen — das schenken wir ihnen, nys by di u ms y«. Stärkerer Tabak ift's schon, wenn man mitten in den Lamento's über „die Stagnation und Todtenstille in den neunziger Jahren im Vergleich zu dem regen Leben und Streben innerhall des Judenthums in den vierziger Jahren" in bequemer langjähriger Gedankenlosigkeit dem orth rdoxen Judenthum in demselben Athemzug seine löchstetgene Schwäche vindicirt: „man hört nur von der Größe vergangener Tage und der Nichtigkeit der bösen Gegenwart reden und streiten." Aber auch das wollen wir mit dem feinfühligen Mantel freisinniger Liebe noch verhüllen. Etwas bedenklicher wird man jedoch, wenn man der Phrase begegnet: „Warum ist das so? Weil vom Judenthum selbst längst nicht mehr die Rede ist, nicht mehr war, man hört nur noch vom Talmud, Schulchan-Aruch, Schächten, von Formengebräuchen, ererbten Einrichtungen" u. s. w. Man streckt vorsichtig seine kritischen Fühlhörner aus und macht seiner staunenden Verwunderung durch ein fragendes Hm? Luft. Hm? Vom Talmud ist die Rede, aber nicht vom Judenthum? Gehört der Talmud nicht auch zum Judenthum? Ist vom Chrtstenthum, Islam, Buddhismus, Fetischismus, oder welchem ismus sonst die Rede, wenn vom Talmud und vom Schulchan-Aruch die Rede ist? Und das Schächten, von welchem die Thora und nicht erst der Talmud so und so oft handelt, gehört es nicht zum Judenthum? Und die Formengebräuche? Wie hätte es ohne bestehende Form eine Reform des Judenthums geben können? Und die ererbten Einrichtungen? Wenn ein jüdisches Kind zu sprechen anfängt, lehrt es der Vater die Worte lallen: spy’ r6np nteno ntPD ub ms min „die Thora, zu der uns Moscheh verpflichtet hat, ist eine ererbte Einrichtung der Gemeinde Jakobs." Hat man auch nicht mehr vom Judenthum gesprochen, wenn man von der Thora spricht, weil sie eine ererbte Einrichtung ist? Warum sind die Herren Rahmer, Brüll und Consorten erst jetzt zu der weisen Einsicht gelangt, und gaben ihr jetzt Ausdruck? Darüber werden wir durch folgenden Passus belehrt: „Jeder Versuch, wieder einmal einen, wenn auch nur kleinen Schritt vorwärts zu thun, wird niedergedonnert durch das Geschrei: Das Vaterland ist in Gefahr! Jetzt,

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