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Der Israelit · 1894-07-12 · Heft 55 (12.7.1894) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 55 (12.7.1894)
Date
1894-07-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1024 fahren und mische mich in's Gespräch. Ich wünschte von ihm zu wissen, wen man denn jetzt in München in Aussicht genommen hat. Darüber konnte mir aber mein Freund keinen Bescheid geben. Ich erfuhr nur, daß ein „gemäßigt konservativer" Candtdat starke Aussicht habe, daß man sich aber bis jetzt nicht habe entschließen können auf die drei Bedingungen, die derselbe gestellt hat, einzugehen. Die drei Bedingungen sind: Unabhängigkeit des Rabbiners vom Vorstande in religiösen Fragen, Beseitigung nichtjüdischer Sänger und Sängerinnen aus dem Synagogenchor und Abschaffung des dreijährigen Cyklus. Den letzteren würden die Münchener dem „Gemäßigtkonservativen" schon gern schenken, denn die Einführung eines Solchen sei eines der dümmsten Streiche, den die Reformrabbiner jemals gemacht haben; es sei, wie wenn man von einer Erzählung alle acht Tage den dritten Theil eines Kapitels lese. Dagegen wollen sie ihre Machtbefugniß in religiösen Dingen, sowie ihre Hofopernsängerinnen nicht gerne opfern. Wie sie es unter diesen Umständen fertig bringen, trotzdem einen „orthodoxen" Rabbinen zu erhalten, das wird noch die Sorge so manchen Münchener Vorstandsmitgliedes sein. Und einen Orthodoxen müssen wir diesmal haben, sagen die Münchener; denn Jemand, der uns sagt, was wir nicht halten sollen, den brauchen wir nickt, das wissen wir selber. Wir wollen Jemanden der uns sagt, was zu thun, die jüdische Religion erfordert. Ueberhaupt sei der Rabbiner, wurde jüngst in einer Vorftandssitzung behauptet, nur für die orthodoxen Elemente in der Gemeinde, wir brauchen überhaupt keinen. Das war wenigstens einmal ein offenes Wort. Offen ist auch ein mir gegenüber sitzender Makler aus Norddeutschland, der über alle seine „Freunde" in ungenirtester Weise loszieht. „Sie kennen doch Herrn B." redete er mick an, „fünfzehn Prozesse hat der eben! Bei dem heißt's O'vswvri und der nächste Satz erst rirpn '2, noch ehe er kauft, hat er schon die o'vsvv. Doch ich will nichts weiter verrathen, sonst könnte ich auch einige Preßpiozcsse bekommen und das werden mir die geehrten Leserinnen und Leser des ..Israelit" zum Dank für meine treue Berichterstattung doch wohl kaum wünschen. Paul Hakoton. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzeu Deutschland. F. Z. Rüdesheim, 9. Juli. Eine große „nationale" Kundgebung sollte sie werden und harmlos-stilles Beisammensein ist sie geworden: die „Deutsch-nationale Festfahrt zum Niederwald- Denkmal", zu der mit eminentem Wortschwall von den Antisemiten als zu einer großartigen Parteikundgebung alle „echten Deutschen" (getaufte ausgeschlossen) aufgefordert worden waren. Der „unpolitische" Deutsche Verein-Frankfurt und der Kölner Antisemitenveretn, Förster, Ahlwardt und Hirschel, eine große Anzahl anderer Vereine, wie die von Coblenz, Mülheim a. R., Elberfeld, Parteigenossen, wie Glöß-Dresden, der famose Breitwitsch-Cöln*) rc., sie alle hatten den Aufruf unterz ichnet; ja, sämmtliche am Rheine gelegenen Ortschaften wurden in diesem Aufrufe aufgefordert, sich festlich zu schmücken. Und so kamen denn am Sonntag etwa 200—300 znm Theil kornblumgeschmückte Antisemiten**) nach Rüdesheim, um Herrn Ahlwardt zu hören, der offenbar zu Ehren des Festes diesmal ohne Entgelt sprach; keine Kasse war an den Aufgängen zum Denkmal, wo Herr Ahlwardt, wahrscheinlich auf zarten Wmk, erklärte: Er wolle keine politische Rede halten, und bedaure, daß man am deutschen Denkmal seinen deutschen Gefühlen keinen ungezwungenen Ausdruck geben dürfe, weshalb er das Wort „Jude" nicht gebrauche und auch die Thcilnehmer bat, das Wort nicht zu gebrauchen. So kam man denn um den eigenartigen Genuß, einmal Herrn Ahlwardt frei und ungezügelt zu hören. Die Rüdesheimer Bürgerschaft hielt sich mit verschwindenden Ausnahmen von den antisemitischen Zirkeln völlig fern; die Ausschmückung einzelner Gebäude mitFahnengalt vorzugsweise den Turnern, die gleichfalls hier andiesemTage einFeft feierten und in vielleicht 4—5mal so starker Anzahl vertreten waren als die Antisemiten aus „allen deutschen Gauen". In dem Herrn Beiderlinden gehörigen Hotel zum Rheinstein fand das Diner statt, dessen Thetlnehmer gut die Hälfte des Gartens füllten. Wie wenig die Rheingauer Bevölkerung für die Ahlwardterei empfindlich ist. erhellt wohl auch daraus, daß von sämmtlichen Rheinortschaften von Mainz bis Coblenz, bis dahin wir es festftellen können, nicht einen einzelnen Fahnen- oder sonstigen Schnmck angelegt hatte. Und damit auch der Humor zu seinem Rechte gelange, sei die Wahrnehmung nicht unterdrückt, daß an dem Tage des antisemitischnationalen Festes in Rüdesheim mindestens ebensovtele Staatsbürger jüdischen Glaubens zu finden waren, als der „aus allen deutschen Gauen" herbeigeströmte Haufe von Ah!wardtschwärmern Personen zählte. Köln, 22. Juni. Die ganze Komödienstr. von der Zeughausstraße bis zur Pauluswache prangte am Dienstag in herrlichstem Feftschmuck von Guirlanden, Fahnen und Ballons. Die Bürgerschaft genannter Straße ehrte auf diese Weise die Eheleute Simon Simon, Begründer des Bankhauses Albert Simon und Cie. und Marianne geb. Rothschild, die ihre goldene Hochzeit feierten. Der Ju- *) In unserem jüngsten Artikel: Mainz, 6. Juli, nannten wir diesen Herrn irrthümlich „Beinwisch". Red. d. Jsr. **) Nach einem anderen uns zugegangenen Bericht seien eS kaum 100 Theilnehmer gewesen. Red. d. JSr.

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