Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 55 (12.7.1894)
- Date
- 1894-07-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXV. Jahrgang. Erste Beilage zu JSs 55 -es „Israelit". Feuilleton. Wadepkaudereien. Bad Schwalbach, 4. Tamus. Backofengluth, vermischt mit allerhand sonstigen der Nase nicht gerade angenehmen Düften, strömt durch die Straßen der Großstädte. wai ityi "IHüd nra. „Sie steigen auf und kommen in dein HauS und in dein Schlafzimmer und in dein Bett." Die Gerichts-, Universttäts-, Schul- und sonstigen Ferien nehmen ihren Anfang; was ist da natürlicher, als daß man sich aus der dumpfen Stadtwohnung flüchtet hinauf in's Gebirge, hoch, höher, am höchsten, iddV naiön Vai und wer die größte Meterzahl über dem Meeresspiegel zu zählen versteht, der ist lobenswerth. Glaube indeß nicht, freundlicher Leser, der es dir nicht vergönnt ist, die Mode des Besuch's der Sommerfrische mitzumachen, daß wir hier wie in einem kühlen Keller, umweht von linden Lüften sitzen; auch hier ist es heiß, sehr heiß und wenn abends nach Sonnenuntergang alles aufathmet und begeistert ausruft: „Wie schön kühl ist es doch hier in unserm Bade", so bin ich überzeugt, und zu deinem Tröste sei es gesagt, daß du dir dieselbe Erfrischung verschaffen kannst, wenn du nach deiner Abendmahlzeit einen Rundgang vor die Thore der Stadt unternimmst. Der erste Eindruck, den man hier empfängt, ist gerade kein günstiger. Nachdem man von Wiesbaden mit der Eisenbahn in unendlich langsamem Tempo an den Ort seiner Bestimmung hinaufgeschraubt worden ist, steigt man in einen uralten Polterkasten (die Aufmerksamkeit aller Antiquitätenliebhaber sei hiermit darauf gelenkt), von dem man durch ein großes, stolzes Schild „Omnibus von und nach der Eisenbahn" erst erfährt, was er eigentlich zu bedeuten hat. Für die kurze Strecke, die man dann durch „die Kreisstadt" gefahren wird, zahlt man h Person den „kleinen" Betrag von 30 Reichspfennigen, für einen Koffer die Summe von 25 Pfennigen. Unsere Frankfurter Freundinnen und Freunde, die ja hier in nicht geringer Anzahl vertreten sind und die in ihrer Mutterstadt (pm Ty) die ungefähr dreifach große Strecke vom Hauptbahnhof bis zur Constabler Wache in der „besten aller Trambahnen" für den Preis von 10 Pfennigen zurücklegen, werden den „hohen Werth" dieser hopsenden Spazierfahrt besonders zu schätzen wissen. Doch zu erfreulichem Bildern. Das war ja nur die Einleitung. Und wenn die Einleitung eines Romanes auch langweilig war und dieser selbst ist spannend, so wird man dem Verfasser gewiß nicht grollen. Die eigentliche Geschichte in einem Badeorte, darin wirst du, lieber Leser, mir zustimmen, geht doch mit der Frage an:? iso »d „Wie sind Sie mit dem Essen zufrieden? Wie behagt Ihnen Ihre Wohnung?" Wer, der jemals in einer Sommerfrische gewesen, hätte diese Frage nicht täglich fünfzig oder gar einundfünfzig Mal beantwortet? Hier in Schwalbach kann man dieselben auch von streng jüdischem Gesichtspunkte günstig beantworten. Es sind hier sogar zwei gute jüdische Spetseanstalten, die auf Vertrauen Anspruch machen können. Dieselben gehören auch keineswegs zu denjenigen, die alle jüdischen Merkmale scheu in die hinterste Kammer verbannen. Am Eingang des großen Spetsesaals eines derselben bemerken wir ein täglich sich erneuerndes hebräisches Plakat mit Unterschrift und Amtssiegel. Da es weder eine „Kethuba" noch ein „Chaliza" noch ein „Get" sein kann, treten wir neugierig näher. Es ist ein Attest des wohlbestallten Schochet einer Religionsgesellschaft in einer benachbarten Stadt, daß er heute den so und sovielten für Herrn R. 18 Hühner, 5 Gänse, 3 Enten u. s. w. geschlachtet habe. Die Gesellschaft ist die denkbar bunteste. Zu meiner linken an der tadle ä'dvte sitzt einer meiner Jugendfreunde. Er ist vor 20 Jahren nach Amerika ausgewandert und diesen Sommer das erste Mal, als reicher Mann mit Frau, Kindern und Bedienung in die Heimath zurückgekehrt. Wie es mit seinem Judenthume beschaffen, darüber laß' mich lieber schweigen. Eine rw®i wäre jedenfalls wichtiger für ihn wie eine ppin rwtsi. An einem besonderen Tischchen tafelt eine russische Familie, die durch ihre verschiedenartige Kostüme auffallen. „Wir sind noch sehr fromm", erwiederten sie mir auf eine diesbezügliche Anfrage, „aber unsere Söhne und Töchter, die die russischen Gymnasien besuchen, müssen am Sabbat schreiben. Wir können Nichts dagegen machen! Das Schreiben ist am Ende auch nicht so schlimm!" Ich will dieses traurige Kapitel nicht weiter ausspinnen, zumal viele Bände kaum ausreichen dürften, um diese russisch-jüdischen Zustände eingehend zu behandeln. Unser Nachbar zur Rechten unterhält sich überdies so laut, daß wir aus unseren trübseligen Gedanken aufgescheucht werden. Es ist ein gemüthlicher Bayer. „I soag Ihnen, wir in Münken werden sobald noch ka neu'n Rabbiner net Ham. Dem Frank in Cöln hat man's angetrag'n, der hat sich aber schön bedankt." Ah, denke ich, da kannst Du ja, als Correspondent des „Israelit" etwas Interessantes er-