Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 55 (12.7.1894)
- Date
- 1894-07-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448461--38882-2487008- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1022 ihres Wegs, während die Diener des Königs diesem folgten. Kasimir wollte den Weg nach seiner Residenz einschlagen, aber ein Etwas, von dem er sich keine Erklärung geben konnte, ließ ihn noch einige Augenblicke auf dem Platze verweilen; mit traurigen, sinnenden Augen sah er den beiden Gefangenen nach, die man auf dem Wege dahin führte. Und plötzlich drückte der König mit den Knieen sein Roß und mit einigen kurzen Sätzen war er an der Seite Esthers. „Esther" redete er sie an, „hast du die schreckliche Thal begangen?" „Mein Herr und König" entgegnete das junge Mädchen mit Festigkeit, „sind wir denn wilde Thiere, daß wir töten, nur um zu morden? Majestät, kennt Ihr nicht die Bibel, die Euch heilig ist, wie uns. Wißt Ihr nicht, daß darin das Blut uns ausdrücklich verboten ist. Wißt Ihr nicht, daß bei uns jedes Thier, ehe wir es verzehren, vollständig vom Blute frei sein muß, daß wir besondere Arten haben, um auch den letzten Rest von Blut dem Fletsche zu entziehen." „Ja, ja", sagte der Herrscher, „ich habe öfters davon reden hören, aber wie kommt es nur, daß immer wieder die Anklage auftaucht von dem durch Juden vergossenen Blut der Christenkinder!" „Majestät" entgegnete das junge Mädchen, „ich bin ein armes und unwissendes Kind und vermag nicht die Worte so zu setzen, daß sie das Herz eines Königs zu rühren vermöchten. Majestät, wiffen ja viel besser die Geschichte der Menschen als ich. Wenn ich aber Euch erinnern darf an die erste Zeit, in der es Christen gab in jener alten Stadt, die sie Roma nannten, das heutige Rom, in dem der Papst wohnt. Damals hat man die sonderbarsten und ungeheuerlichsten Dinge von den ersten Christen erzählt, um dem Volke zu zeigen, wie verderblich diese Religion sei, und damals erfand man auch das Märchen, daß Christen römische Kinder schlachten, um das Blut derselben zu ihrem Osterfeste zu gebrauchen. „Als aber das Christenthum Weltreligion wurde, da haben böse und schlechte Menschen diese Fabel aufgefaßt, um sie wider die Juden zu gebrauchen, und Christen klagten sie derselben Thaten an, gegen die sie sich selbst einst vertheidigen mußten." Voll Staunen batte König Kasimir den Worten Esthers zugehört. „Nein!" rief er aus, „bei so viel Schönheit und Geist ist es unmöglich, daß die Seele einer Mörderin in diesem holden Körper wohnte. Esther, du wirst noch von mir hören, ich werde was in meiner Macht steht thun, um das Recht aufzufinden und der wahren Gerechtigkeit ihren strengsten Lauf zu laffen." Und als der König dies geredet hatte, da wendete er sein Roß um und ritt mit seinen Knechten zurück nach dem Hause Jehoschua's. Die Thüre desselben stand noch offen; er befahl einem seiner Diener hinein zu gehen und zu suchen, ob er eine Fußbekleidung des alten Inden oder dessen Tochter fände. Beides wurde gefunden und der König ließ die Schuhe mit den Fußspuren vergleichen, die in den weichen Boden gedrungen waren. Und nun fand sich, daß sowohl der Fuß Rabbi Jehoschua's,als auch der des Esthers viel kleiner waren als die Eindrücke am Boden es zeigten. Der König befahl die Schuhe aufzuheben und er hob die Hand zum Himmel empor und rief: „Ich will nicht ruhen und nicht rasten, bis ich deine Unschuld dargethan habe, schöne Esther." (Fortsetzung folgt.) Der „ZSraelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montag- und Donnerstag-, jedesmal in mindesten» zwei Bogen. Preis de» Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 ReichS-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. All« Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch de» Buchhandel M d^irhe» drt €. $. Ktrivacker, Fet-stg, Dtßplah 16. — Inserate 25 Pfennig die viergespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterretrhische Banknoten laut CourS. — Direkte Francozufendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für'» Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Wmt ftfttffcMtaiiag »»» ox die Redaktion eingesandte« Mauuscripte« findet nicht statt, «an bittet de-hald sich »»« alle« Einsendungen eine Eopie znrürkznbehalte«. Inhalt (Hauptblatt) r Leitender Artikel: Sprüche der Väter. — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Höchberg. Marburg. Glogau. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. — Italien: Mailind. — Vermischtes. — Feuilleton: Esterka, Königin von Polen. Historische Erzählung von Hugo Freund (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Feuilleton: Badeplaudereien. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: RÜdeSheim. Köln. — Rußland: Petersburg. — Vermischtes. — Sprechsaal. Inhalt der zweite« Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Rußland: Aus Rußland. — Vermischtes. Extra-Beilage«: Spmden-Verzeichniß. — Prospect betr. Allegorisches Gemälde, entworfen und ausgeführt vom Prof. Gerolamo Navarra. verantwortliche Redaction: OSear Lehmann in Mainz. — Expedition des „ZSraelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wtrth'schen Hofbuchdruckerei-Aetien-Gesellschast in Mainz. Hierzu drei Bellagen.