Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-07-09 · Heft 54 (9.7.1894) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 54 (9.7.1894)
Date
1894-07-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448460--38868-2486993
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1009 braucht auf Treitschke's Geschichtswerk nicht zu exem- Vlificiren, welches den ehrsamen süddeutschen Brauer Denneger durchaus aurn Juden stempelte und durch den Taufschein rcctificirt wurde. Diese naive Phase des Antisemitismus ist längst überwunden; der Fürst, der Junker, der Pfaff sind an die Reihe gekommen, Präsident Carnot ist nach antisemitischen Anschauungen „nicht unschuldig" ermordet worden, und die Apostel dieser Anschauung heißen Ahlwardt, Plack, Schweinhagen, Beinwifch. Daß in einer Zeit, in welcher das anarchistische Attentat erschreckend durch die Gassen schreitet, das einzige verläßliche Bollwerk gegen den Wahnsinn der Vernichtung von dem Antisemitismus unterwühlt wird, daran liegt es, daß der Jdeengang in Deutsche lang unwillkürlich vom Anarchismus zum Antisemitismus führt. Was würde es nützen, wenn die Staaten zur gemeinsamen Abwehr des Anarchismus sich zusammenschlössen, da die beste Waffe gegen denselben, die Einigkeit und der Zusammenüalt des Bürgerthums, durch Haß und Neid und Zwietracht gestumpt wird? Der antisemitische Abgeordnete, der in einer Berliner Versammlung die „Plutokratie" für die Ermordung Carnot's verantwortlich macht, ist kein Anarchist, aber er ist ein Feind des Bürgerthums, dessen Wehrlosigkeit er mit seinesgleichen földert, und deßhalb verrichtet er, ohne es zu wollen, anarchistische Arbeit. Der Antisemitismus demoralisirt das Volk, denn sein Zweck ist, mit verwerflichen Mitteln die Klassen gegeneinander zu Hetzen, die bürgerliche Rechtsordnung zu beugen, die verfassungsmäßigen Gewährleistungen zunichte zu machen. Er arbeitet mit Verleumdung, mit Meineid, mit allen bösen Justin cten, weil das, was er anstrebt, auf andere Weise nicht zu erringen ist. Während in Berlin eine der ungeheuerlichsten und entsetzlichsten Mordthaten, der ein edles und makelloses bürgerliches Staatsoberhaupt zum Opfer gefallen, mit der „Plutokratie" in Zusammenhang gebracht wird, erweist es sich im Wiener Gerichtssaale, daß ein antisemitischer Abgeordneter aus trübster Quelle eine entehrende Anschuldigung gegen ein geachtetes Versicherungs-Institut geschöpft hat, die er auf der Tribüne des Parlaments vorbrachte. Wer sieht nicht, daß der Antisemitismus eine moralische Verwilderung ist, welche die Gesellschaft systematisch unterminirt, indem sie die Ehre zum Spielball des Hasses macht! Das ist nicht mehr der ursprüngliche Antisemitismus, welcher sich den Juden zur Zielscheibe nahm, das ist bereits der abgeleitete Antisemitismus, welcher das gesummte Erwerbsleben, den Handel und Wandel, welcher das arbeitende und besitzende Bürgerthum ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses auss Korn nimmt. Und doch war niemals dieses Bürgerthum mehr aus den festen inneren Zusammenhalt angewiesen als jetzt. Es nützt nichts, erst dann nach dem Staate und nach der Polizei zu rufen, wenn in einem Theater oder in einem Restaurant eine explodirende Bombe unschuldige Menschenleben vernichtet oder wenn der Dolch eines anarchistischen Meuchlers einen Minister bedroht, ein Staatsoberhaupt tödtlich getroffen hat. Der anarchistische Wahnsinn kann nur am Einzelnen gesühnt werden. Aber die verderblichen Keime dieses Wahnsinns entschlossen zu zerstören, noch bevor sie aufgegangen sind, sich mit seiner ganzen Kraft gegen ihn zu kehren und das Bestehende vor ihm zu schützen, das vermag allein das Bürgerthum, wenn es in sich selbst stark und einig ist. Es ist aber nicht stark und einig, so lange das antisemitische Gift ihm verheerend in den Eingeweide» wüthet. An diese ungeheure Schuld des Antisemitismus reicht kein Wort der Verdammung hinan; sie wird in alle kommenden Zeiten hinaus als das Schandmal des ausgehenden Jahrhunderts gelten. > Vermischtes. -4- Nachdem das Kinder-Krankenhaus im Norden Berlins bereits im Testamente des jüngst verstorbenen Stadtverordneten Louis Liebermann erheblich bedacht worden, haben die Erben des Verstorbenen dem gemeinnützigen Institut noch 30,000 Mark überwiesen. Es besteht die Absicht, für diesen Betrag eine Baracke zu bauen, welche den Namen des Heimgegangenen verewigen soll. Ein Mädchenheim wird in Pankow errichtet. Justizrath Makower hat daselbst Mühlen-Straße 86 ein Haus erworben, in welchem arme Mädchen jüdischen Glaubens zu „dienenden Stellungen" erzogen werden sollen. London, 20. Juni. Der Erfinder der atmosphärischen Eisenbahnen, d. h. derjenigen, bei denen der Druck der Luft die bewegende Kraft bitdet, war ein Jude, der Maschinist Jakob Samuda, was gewiß nur Wenigen bekannt isi. Derselbe w^rde am 24. August 1811 geboren und starb in jungen Jahren am 13. November 1844. Er versuchte zuerst 1839 in der Nähe von London bei Wormwood-ScrubS nach eigener Erfindung eine Eisenbahn, welche durch atmosphärische Luft getrieben wurde; dann baute er 1844 die Linie zwischen Kingstown und Dotkey, etwa 3 Kilometer lang. Dieser Versuch übertraf alle Erwartungen so sehr, daß er bald darauf in England und Frankreich nachgeahmt wurde. Leider starb der begabte Techniker im selben Jahre durch eine zweite Erfindung, eine Maschinerie in einem eisernen Dampfboot, die ihm und sechs andere das Leben kostete, indem beim ersten Versuche die Unvorsichtigkeit eines Arbeiters das Ausströmen des Dampfes in den Raum, wo sie standen, herbei führte, so daß sie erstickten. Der berühmte Leibarzt des Sultans, Elias Pascha in Konstantinopcl, hat den höchsten türkischen Orden, den Grotzorden des Medschidjeordens, erhalten. Ein anderer jüdischer Arzt, Dr. A. de Castro Beh, hat den Osmanje-Oroen II. Klaffe erhalten. Der Director der politischen Abtheilung der Regierung von Salonichi Juffuf Effendi Krieger, ist in gleicher Eigenschaft in die Provinz des Archipels versetzt worden. An seine Stelle in Salonichi ist wieder ein Jude, Viktor Bey, gekommen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.