Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 54 (9.7.1894)
- Date
- 1894-07-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1008 war selbst in sozialer Beziehung, und daß es besonders von konfessionellem Standpunkte ein verhängnißvoller und in seinen Folgen unberechenbar großer Fehler gewesen wäre, wenn die Orthodoxen ein anderes Verhalten bekundet hätten, als das, welches sie thatsächlich bekundeten. Und obgleich wir, unserem bisherigen Standpunkte getreu, an die Jnartikulirung der Rezeption auch fürderhin keine großen Hoffnungen knüpfen, jetzt, da die Jnartikulirung der Gleichberechtigung der jüdischen Religion nicht nur ohne Schwächung unserer konfessionellen Autonomie erfolgte, sondern in gewisser Beziehung sogar die Befestigung derselben zur Folge hatte: empfangen wir dankbaren Herzens diese Ehrung der jüdischen Religion, welche aber nur darum eine Ehrung involvirt, weil dieselbe in solch edler, feierlicher, ritterlicher und gerechter Weise erfolgt ist. Budapest. Dr. Daniel Veszi. Zeitungsnachrichten und Correspondeuzeu Deutschland. Mainz, den 6. Juli. Man beschäftigt sich nicht gern mit Leuten von dem Schlage Ahlwardt's und überläßt es den Gerichten, sich gelegentlich mit diesem antisemitischen Matador wie mit dessen Adjutanten Schweinhagen, Paasche und Beinwtsch zu befaffen. So traurig es ist, daß solche Jndiv - duen einen Zulauf zu den von ihnen veranstalteten Versammlungen haben, in denen sie gegen Ent'ö: ihre nichtswürdigen Verleumdungen Vorbringen, so gewiß ist es auch, daß allmählich die beschämende Empfindung, derartige Zeitgenossen zu haben, immer weitere Kreise ergreift. Doch mit der Beschämung ist die Sache nicht abgethan; es handelt sich um eine Gefahr, welche mit platonischer Abwehr nicht abzuwenden ist, nachdem wohlwollende Doppeldeutigkeit sie hat anwachsen lassen, und die übel beleumdeten Personen, in denen sie sich verkörpert, sind nebensächlich geworden angesichts des Unheils, das der Antisemitismus anrichtet. Man kann diese Franctireurs der Lüge und des Hasses, die sich mit einem EntrLe zwischen dreißig und fünfzig Pfennigen bezahlt machen, mit dem Worte Fiesco's abthun, der von Mulcy Hassan sagt, daß Gold auch Mohren bleiche; aber man kann die Augen nicht verschließen vor der beklagenswerthen Ernte der Zwietracht und des Scandals, welcher aus dieser unheilvollen Saat aufgegangen ist. Selbst die norddeutsche allgemeine Zeitung, das Organ des deutschen Reichskanzlers, kann nicht mehr umhin, in sehr ernster Weise die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß es nicht weiter statthaft sei, stch mit dem Antisemitismus wie mit einer „Hetz" abzufinden. Es ist freilich aber auch gar nicht spaßhaft, daß in dem von Ablwardt herausgegcbenen Blatte die Loosung ausgegeben wird: „Wenn die Reform versäumt wird, tritt der Umsturz in Kraft!", und daß nicht bloß mehr den Juden, sondern auch den „Fürsten, Junkern und Pfaffen" vorgehalten wird, ihre angebliche Sorge um das Massenwohl sei eitel Heuchelei und Betrug. Das Gift der Judenflinten Broschüren, der Verleumdungen von Ministern und hochgestellten Staatswürdenträgern wähnte man durch weitläufige Gerichtsproceduren unschädlich machen zu können; aber man hat sich über die Hartnäckigkeit und den Umfang der antisemitischen Brunnenvergiftung getäuscht, denn ihre Wirkungen beginnen so empfindlich fühlbar zu werden, daß verspätete moralische Entrüstung über sie nicht mehr hinwegzuhelfin vermag. Man hat den Antisemitismus, so lange er nur das Bürgerthum zersetzte und den Klaffenhaß schürte, demagogisch genannt; jetzt, da er höher hinauf greift und „Fürsten, Junker und Pfaffen" mit seinem Gift- Hauche anbläßt, stellt man ihn in Deutschland sogar dem Anarchismus an die Seite. Und freilich wenn ein antisemitischer Führer in einer Versammlung zu Berlin es wagen darf, die Anarchie von unten durch die Anarchie von oben zu rechtfertigen und die Ermordung des Präsidenten Carnot halb zu entschuldigen, weil er „nicht richtig regiert" habe, so ist wenigstens die Möglichkeit zu begreifen, daß in Deutschland an dem Antisemitismus anarchistische Merkmale entdeckt werden. Doch die Analogie ist trotzdem nicht stichhaltig. Der anarchistische Vernichtungs- Wahnsinn treibt Einzelne zu den grauenhaftesten Verbrechen, welche durch die strafende Hand des Gesetzes gesühnt werden können; der Antisemitismus schleudert mit Bedacht die brennende Fackel des Haffes mitten in das Bürgerthum, er rüttelt an den Ordnungen des Staates und der Gesellschaft, er verdirbt die Jugend, nicht weil fanatische Verblendung ihn treibt, sondern die niedrigste Berechnung. Es ist kein Zufall, daß die Werkzeuge der antifemit schen Agitation nicht selten schon vorher im bürgerlichen Leben stumpf geworden sind und in einer Zuchthauszelle Rostflecke angesetzt haben; für diese Individuen bedeuten das ehrenfeste Bürgcrthum, das sie ausgestoßen, die Ordnung im Staate, der sie gezeichnet hat, natürlich nur Bollwerke, die zerbröckelt und zerklüftet werden müssen. Und weil dazu der Haß und die Verleumdung am tauglichsten sind, deßhalb wird bei den Juden nicht ftillgehalten, sondern Jedem die Ehre abgeschnitten, der im Verdachte steht, das antisemitische Treiben zu mißbilligen, sei er nun Minister, Gesandter oder Profeffor. Er gehört zu der „Plutokratie", zu den „machthabenden Gesellschafts-Elementen", er ist Judenknecht. Man