Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-07-09 · Heft 54 (9.7.1894) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 54 (9.7.1894)
Date
1894-07-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448460--38862-2486987
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1003 Stöcker war, bedeutet für diesen die Wiedereinsetzung Wittes eine moralische Niederlage. Das geringe Aufsehen, das die Entscheidung des Oberktrchenraths erregt hat — im Gegensatz zu früheren Ereignissen in der Laufbahn Stöckers — beweist, wie fihr dessen politische Bedeutung sich verringert hat. Er ist besonders durch Ahlwardt in den Hintergrund gedrängt. Chemnitz, 20. Juni. Ein deutsch-amerikanischer Großhändler, der hier zum Einkäufe verweilte, besuchte, wie der „Franks. Ztg." berichtet wird, am Donnerstag Abend in Gesellschaft anderer amerikanischer Einkäufer die Wirthschaft zum „Deutschen Kruge." Am Freitag Abend begab er sich allein in das nämliche Lokal, in der Hoffnung, seine Landsleute und Geschäftskollegen wieder zu finden, traf aber keinen von ihnen. Er setzte sich allein an einen Tisch und forderte ein Glas Bier. Anstatt des Bieres wurde ihm aus einem Teller die bekannte Karte: „Nach Jerusalem hin, aber nicht zurück!" nebst einem antisemitischen Gedicht auf einer Postkarte mit der Aufschrift „Deutscher Krug" überreicht. Der Fremde entfernte sich, ohne ein Wort zu sagen und verließ Ehemnitz am folgenden Morgen. Es ist nothwendig, solche Vorkommnisse in die Oeffentlichkeit zu bringen, damit Kaufleute, wenn sie es vermeiden können, Chemnitz zu besuchen, sich danach zu richten vermögen. Welche Folgen sich daran für die Geschäftswelt knüpfen können, das zu beurtheilen überlaffen wir den Lesern. O e ft e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien, 2. Juli. Die klinischen Vorlesungen an der Universität, ausgenommen die Nothnagels, wurden heute wieder eröffnet- Auf Verfügung des ttnterrtchtsminifters eröffnet Nothnagel seine Vorlesungen übermorgen. Die akademischen Behörden wurden angewiesen, jede Ruhestörung hintanzusetzen. Erneuerte Demonstrationen würden die sofortige Schließung der medizinischen Fakultät zur Folge haben. Der Rektor Professor Tschermak empfing heute eine Abordnung der fortschrittlichen Studenten, welche Verwahrung dagegen einlegre, daß die antisemitischen Studenten sich als Vertreter der ganzen Studentenschaft aufspielten. Tschermak versicherte, er wisse, daß die Demonstrationen gegen Nothnagel nur das Werk eines Theils der Deutschnationalen seien. Er sei fest überzeugt, daß die freisinnige Studentenschaft einem so abscheulichen Vorgehen vollkommen fern stehe. Der Rektor gab seinem Unwillen darüber Ausdruck, daß die Abordnung der deutschnationalen Studenten den Wortlaut der ihm überreichten Denkschrift in antisemitischen Blättern veröffentlichten. Tschermak äußerte: wenn nicht durch die Blätter schon bekannt wäre, daß die Deutschnationalen mir eine Schrift überreicht haben, so würde ich diese in den Papierkorb geworfen und nicht erst dem akademischen Senat vorgelegt haben; da es aber bereits bekannt ist, muß ich dies thun, obwohl ich inzwischen eingesehen habe, daß diese Schrift eine Reihe von thatsächlichen Entstellungen enthält. Die Untersuchung gegen die Anstifter der letzten Demonstration wird, wie der Rektor versicherte, mit aller Strenge geführt. Der polnische Studentenverein erklärt, da die ruthenischen Studenten die Bittschrift gegen Nothnagel mitunterzeichneten, weise er mit Entrüstung jede Gemeinschaft mit den Demonstranten zurück. Brody. Nach der vor Kurzem erfolgten Wahl des Herrn Jsaac Chajes zum Rabbiner unserer Gemeinde begab sich eine Deputation aus der Mitte der hiesigen Honoratioren zu dem Bezirkshauptmann von Brody, k. k. Kämmerer und Statthaltereirath Herrn Grafen Ladislaus Russocki, um ihm den Dank der israelitischen Bevölkerung für seine fürsorgliche Leitung der Wahlangelegenheit und für die warme moralische Unterstützung, die er der guten Sache angedeihen ließ, auszudrücken. Nach Anhörung der Ansprache seitens des Führers der Duputation erwiederte Graf Russocki: „Ich danke Ihnen, meine Herren, für die freundliche Begrüßung und gratulire Ihnen herzlich zu dieser getroffenen Wahl, deren Resultat mich in besonderer Weise befriedigt. Diese Gratulation gilt ebenso dem gewählten Herrn Rabbiner, der ein schweres, verantwortungsvolles Amt übernimmt, wie Ihnen, meine Herren und der ganzen Gemeinde, die eine so glückliche Wahl getroffen und einen ehrenhaften, charaktervollen, loyalen Mann an ihre Spitze gestellt hat, der mir seit so vielen Jahren bekannt ist und der sich die Liebe und Achtung seiner Mitbürger in vollem Maße erworben hat. Sie wissen, meine Herren, daß mein Herz für alle Bürger dieser Stadt, in deren Mitte ich mich seit mehr als vierzehn Jahren befinde, mit gleicher Wärme schlägt, und daß ich in keiner Beziehung einen Unterschied zwischen Juden und Christen kenne. Ich huldige dem Grundsatz, daß die Leitung und Wahrung der religiösen Interessen sowohl der christlichen als auch der jüdischen Bevölkerung in die Hände solcher Männer gelegt werden soll, die den Vorschriften der betreffenden Religion auch treu nachleben Deshalb beglückwünsche ich Sie wiederholt zu dieser Wahl, indem ich Ihnen herzlich für die für mich an den Tag gelegten Sympathien danke." Es ist äußerst wohlthuend, in unserer vom Racenhaß durchwühlten Zeit eine spontane Kundgebung der Toleranz seitens eines so hervorragenden Staatsbeamten wahrzunehmen, und es ist dem Bezirke nur zu gratuliren, dessen politischer Chef von solchen menschenfreundlichen und liberalen Gesinnungen erfüllt ist. Lemberg, 3. Juli. Nach einer Warschauer Meldung der polnischen Blätter hat die russische Regierung die Schließung aller in der Nähe russischer Kirchen gelegenen jüdischen Synagogen angeordnet. In Wachnowka (Gouvernement Kiew) wurden be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.