Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 54 (9.7.1894)
- Date
- 1894-07-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1000 übergab, wird diese Uebergabe von dem Segen begleitet : „Die Furcht vor euch und der Schrecken vor euch, sei über alles Thier der Erde und über alles Geflügel des Himmels, von allem, was den Boden betritt, und von allen Fischen des Meeres sei in eure Hand gegeben." (I. B. M. Cap. 9. V. 2.) Seine Körperkraft ist es sicher nicht, die dem Menschen eine so dominirende Stellung über alle Kreaturen einräumt. Es ist ein Strahl der Gottes - Herrlichkeit, es ist ein Funke des Gottesgeistes, der aus dem Antlitz jedes Menschen um so reiner und wirkungsvoller leuchtet, je mehr er sich Gott unterstellt und sein Denken und Handeln von ihm durchdringen läßt. Ist dieser Funke verlöscht, ist dieses Gotteslicht getrübt, ist der Name Gottes im Munde der Menschen entweiht und seine Heiligkeit ertödtet, dann ist das Göttliche im Menschen geschwunden, welches die Thierwelt bis jetzt in ihren Schranken gehalten hat. Dann hat die Thierwelt den Schrecken vor den Menschen verloren; dann dringt das reißende Raubthier in die Welt. 7lb HDÜff 1P ONdO 7IZN iTH „Kein wildes Thier läßt den Menschen seine Ueberlegenheit fühlen, ohne daß er ihm wie ein Vieh vorkäme." Wo die Majestät Gottes durch falschen Eid, oder durch Entweihung des göttlichen Bundeszeichens, als welcher der Sabbat eingesetzt ist, von den Menschen verletzt wird, tritt auch der Segen zurück, mit welchem Gott den Menschen zum Herrn der Thierwelt eingesetzt hat. Das Raubthier verläßt seine abgeschiedenen Stätten und tritt in die Welt des Menschen. So klar dieser Zusammenhang zwischen der Verletzung der Gottesmajestät und der vom Thiere mißachteten Menschen-Majestät auch erscheint, so dürfte doch diese Seite der göttlichen Vergeltung vielfach in ihrer Bedeutsamkeit unterschätzt werden. Ausgerüstet mit Pulver und Blei fürchtet man gar in unserem Klima die reißenden Raubthiere wohl am wenigsten, unter allen Strafverhängnissen, welche unsere Mischna aufzählt. Dieser Umstand mag wohl manche Erklärer unserer Mischna dazu geführt haben in dem reißenden Raubthier den Menschen selber zu finden, der sich durch die Entweihung des Heiligsten auf Erden, zum Thier degradirt hat. Nach dieser Auffassung hätte auch der an und für sich schwierige Ausdruck: nto njn rvn seine zutreffende Begründung. Die reißenden Raubthiere treten ja nicht erst in die Welt durch Meineidige und Sabbatschänder. Vorhanden find sie ja bereits vorher in der Welt, nur den Kreis derjenigen Menschen suchen sie heim, der sich die genannten Verirrungen zu Schulden kommen läßt. Andererseits sind diese Verirrungen vielfach en voque, daß die reißenden Raubthiere viel häufiger sein müßten, als sie thatsächlich auftreten, wenn sie alle falschen Eide, jede Sabbatentweihung und jede Profanistrung des göttlichen Namens sühnen sollten. Wie viel wird im Leben, im täglichen Verkehr aus - nichtigen Veranlassungen vergeblich geschworen! Wie wird selbst vor Gericht, wo der Eid als höchstes Betheuerungsmkttel der Wahrheit gelten sollte, mit dem Eid vielfach umgesprungen! Derselbe ist gerade vor dem Forum des Rechts derart dem Mißbrauch ausgesetzt, daß er in einzelnen Ländern bereits ganz abgeschafft wurde. Ist es doch so wett gekommen, daß selbst, da wo man angeblich nur Gott und sonst nichts fürchtet, diejenige Partei den Prozeß für gewonnen erachtet, welcher der Eid zugewiesen wird! Wenn auch, Gott sei Dank, in jüdischen Kreisen die ehrerbietige Scheu vor der Heiligkeit des Eides auch heute noch in lobenswerther Weise die Geister und Gemüther erfüllt, so kann man doch nicht leugnen, daß das Abweichen von der erprobten Vätersitte sich auch hier in betrübender Weise bemerkbar macht. Die Furcht vor Gott, welche das ganze L^ben erfüllte, mantfestirte sich vor allem in der Furcht vor dem Eide und zwar nicht erst vor einem falschen, sondern selbst vor einem über allen Zweifel erhabenen, wahrhaftigen Eide. Einen Eid zugewiesen zu erhalten, war für diese Anschauung gleichbedeutend mit dem Verlieren des Prozesses. Dennn wegen bloßen Geldes, selbst wegen des rechtsmäßigen Besitzes von Geld und Gut, den Namen Gottes über die Lippen zu bringen, das war bet dieser innigen, aufrichtigen Furcht vor Gott von vornhinein ausgeschlossen. Und trotz dieser den Juden charakterisirenden Scheu nicht nur vor einem falschen, sondern selbst vor einem wahren Eide hat die nichtjüdische Welt es gewagt, einen besonderen Judeneid auszuhecken! Unserer Generation sind diese Thatsachen ganz aus dem Bewußtsein geschwunden und es wäre doch geboten von Zeit zu Zeit wieder daran zu erinnern. Da gab es kein Land, das nicht seinen besonderen Judeneid hatte. Wir lassen hier aus der buntscheckigen Mufterkarte einen solche folgen, der noch nicht der schlimmste, sondern nur der kürzeste ist, und den wir deßhalb aus den anderen herausgegriffen haben: „Ich N. schwöre bei dem Allmächtigen, Lebendigen G., der Himmel und Erde erschaffen hat, und der dem Moses erschienen ist im feurigen Busch, und bei den Zehn Geboten, die Moses gegeben sind, daß meine Aussage recht und wahr sei, oder daß ich wahre Kundschaft wolle sagen und ob ich in solchem Unrecht oder Meineidig wäre, so muß ich verjagt und verstreut