Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 53 (5.7.1894)
- Date
- 1894-07-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. Erste Beilage jtt M 53 -es „Israelit". Leitender Artikel. Warm haßt Ktöcker die Uestrwiade«? In einem reformjüdischen Wtnkelblättchen, das mit Ausschluß der Oeffentltchkeit in Norddeutschland ein behagliches, ungestörtes Dasein führt, stellt Herr Dr. Singer in Coblenz diese Frage und beantwortet sie in einer Weise, an welcher Herr Stöcker mehr Freude haben dürfte als die Reformjuden. Es gehört heutzutage ein gewisser Muth dazu für das nach innen und außen discreditirte Reformjudenthum eine Lanze zu brechen oder gar sich offen zu demselben zu bekennen, wie es hier der Rabbiner von Coblenz thut. Aber vor allem gehört ein gewisses Geschick dazu eine verlorene, unhaltbare Sache wenigstens dürftig oder auch nur zum Scheine zu retten. Diesen Muth besitzt Herr Dr. Singer nun allerdings mehr als genügend, ob das andere Erforderniß damit gleichen Schritt hält, mögen unsere geehrten Leser nach folgenden Proben selber ermessen. Der Gedanken- oder richtiger Gedankenlosigkeiten-Gang der ganzen Darstellung läßt sich in Kürze folgendermaßen skizziren: Der Haß und die Liebe Stöckers lassen uns zwar sehr gleichgiltig, wenn wir dennoch auf dessen Gefühlsleben eingehen, so hat er das selber provocirt, weil er in Düsseldorf durch einen orthodoxen Redner in die Enge getrieben, erklärte, sein Kamps gelte nur den Resormjuden, aber nicht den orthodoxen. Herr Dr. Singer überläßt nun den Orthodoxen, so empfänglich sie auch für Beweihräucherung sein mögen, die unangenehme Pflicht mit diesem Lobredner sich auseinander zu setzen. Für den Haß Stöckers gegen die Reformjuden werden zwei Gründe angenommen, ein religiöser und ein wirthschaftlicher. 1) Stöcker kennt die Neigung der Orthodoxen, aus religiösen Gründen ihr Judenthum auch äußerlich zurSchau zu tragen, er weiß, daß sie am wenigsten geeignet sind, wegen der vielfachen störenden Erschwernisse (?) Anschluß an Andersgläubige zu suchen, deshalb sind sie ihm willkommen. Ein Jude mit Stirnlöckchen und sonstiger, äußerer Dekoration wäre ihm willkommen, weil ein solcher sofort als Jude kenntlich Ift.1) ‘) Nicht erkenntlich, wie eS hier heißt. — ES wimmelt da überhaupt von orthographischen Schnitzern: Erschwernisse statt Erschwerungen; eine Religion, die auf solche Observanzen fußt u. a. m. Wer ein so schlechtes orthographisches Sprachgewifsen hat, sollte nicht so muthwillig mit den Orthodoxen anbinden! Die mittelalterliche Gesetzgebung hat die Juden genöthigt sich ausschließlich dem Handel zu widmen, dadurch haben die Juden ein handelsgetstiges (?) Uebergewicht. Die Geschäftszeit der Juden zu verringern, ist das beste Mittel dieses Uebergewicht auszugleichen. Deßhalb hätschelt Stöcker die Orthodoxen, welche ihm seit Einführung der Sonntagsruhe sehr entgegenkommen. Es soll zwar auch unter ihnen welche geben, welche kleine Hinterthürchen, den Sabbat zu umgehen, nicht verschmähen, allein im Großen und Ganzen ist ihre Thätigkeit an diesen Tagen brachgelegt. Diese Freude erlebt Stöcker bei den meisten Reformjuden nicht, deßhalb ihre Ungnade. — Soweit das wesentliche, insofern es uns interesstrt. Man sollte glauben bei einem Manne, der durch sein Wort und seine T h a t so vielen Anlaß zur Zurückweisung gibt, wie dies bei Herrn Stöcker der Fall ist, brauchte man nicht zu solchen Insinuationen zu greifen und „das Gefühlsleben des Exhofpredtgers mit der kritischen Sonde zu untersuchen." Das ist ein sehr undankbares Geschäft und ein wenig reelles, wenn es nicht von Romanschriftstellern betrieben wird, welche uns allerdings in die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Helden einführen. Ob das, was hier in Herrn Stöcker hineinkonjektirt wird, wahr ist oder nicht, ob Herr Stöcker wirklich so beschränkte, einfältige Beweggründe für seinen Haß und seine Liebe hat, das wissen wir nicht und interesstrt uns auch nicht sonderlich. Auch die Seitenhtebe, die unser Don Quixotte bei seinem Stöckerschen Windmühlenkampf auf die Häupter der Orthodoxen fallen läßt, halten wir nicht des Parirens werth. Uns bringt nicht einmal die Bemerkung in den Harnisch: „Bis jetzt ist uns noch keine irgendwelche (keine irgendwelche, ist auch eine schöne Stilblüthe) Kundgebung aus dem orthodoxen Lager gegen diese Liebeswerbung Stöckers zu Gesicht gekommen." Was uns die Feder angesichts dieser Expektorationen in die Hand drückt, ist Folgendes: Unsere Leser wissen, daß wir die Behauptung Stöckers und Consorten, ihr Haß gelte nur den Reformjuden nicht aber den Orthodoxen, wiederholt erwähnt und beleuchtet haben. Wir haben es immer mit einem gewissen Widerwillen und immer dann gethan, wenn wir nicht umhin konnten von dieser Thatsache Notiz zu nehmen. Wir wollen jeden Schein vermeiden, als möchten wir diese verlogene Unterscheidung ausnützen, um die Orthodoxie zu heben und die Bekenner des Reformjudenthums