Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 53 (5.7.1894)
- Date
- 1894-07-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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herabzusetzen. Die jüdische Orthodoxie besitzt Lebenskraft genug, um auch ohne die Sympathien der Antisemiten existiren zu können, und das Reformjudenthum könnte durch alle antisemitische Anerkennung der Welt nicht in seinem Niedergang aufgehalten werden. Wenn aber eine reformjüdische Zeitung trotz des gläsernen Hauses, in dem sie wohnt, dennoch Steine auf uns wirst, wenn sie, um einige Steine mehr auf die Orthodoxie schleudern zu können, sich den Anschein gibt, als glaubte sie an diese Unterscheidung zwischen Orthodoxen und Reformjuden und ist superklug genug sogar die Gründe für diese Unterscheidung angeben zu können, so soll uns nun keine Reserve mehr zurückhalten, unseren Standpunkt recht eindringlich auch ohne besonders vorltegendt Veranlaffung zu vertreten. Unser Blatt vertritt ausgesprochener Maßen die Jntereffen des orthodoxen Judenthums in allen seinen Richtungen. Man wird uns daher gewiß keiner Voreingenommenheit für das Reformjudenthum zeihen. Aber dieses Unterfangen, den Antisemitismus auf das Conto der Reformjuden zu stellen, trägt seine ganze Unwahrhaftigkeit und Unmöglichkeit so offenkundig an der Stirne, daß sie auch das blödeste Auge erkennen muß. Juden und Namenjuden oder Reformjuden mögen hinsichtlich ihrer religiösen Anschauungen betr. der Verbindlichkeit ihrer Satzungen wie Tag und Nacht, wie Sein und Nichtsein sich gegenüberstehen; hinsichtlich dessen, worum es sich hier hier handelt, in der Erfüllung ihrer sozialen Pflichten, ihrer Zugehörigkeit zum großen, gemeinsamen Vaterlande, in ihrer unwandelbaren Treue zu ihrem Landesfürsten, in all diesen Momenten existirt keinerlei Unterschied zwischen dem orthodoxen und dem Reformjuden, ja nicht einmal zwischen Juden und Nichtjuden. Wir bestreiten daher unseren reformjüdischen Brüdern ganz entschieden die Ehre, von den Antisemiten allein üls Hassenswerth hingestellt zu werden. Wir glauben übrigens daß die Antisemiten diese Ausrede selber für nichts anderes als ein Feigenblatt für ihre Blöße ansehen. Wie könnte es auch anders sein! Das, was man heute verschämt „Antisemitismus" und „Antisemiten" nennt, nannte man in früheren Jahren Judenhaß und Judenfeinde 8an8 phrase. Erst als man sich der Flagge, welche die Eontrebande, die sie deckt, gleich auf den ersten Blick verräth, doch zu schämen anfing, machte die Roth erfinderisch und man ersann die harmlosen, weil fremdartiger klingende Bezeichnung. In der That aber hat es Antisemiten gegeben, lange bevor es Reformjuden gab. Reformjuden gibt es erst seit einigen Decennien, aber Judenfeinde schon seit Jahrhunderten, Jahrtausenden. So verlogen nun dieses ganze Gerede auch sein mag, so enthält es doch für unsere reformjüdischen Brüder ein bedeutsames Memento. Wenn dieselben auch hinsichtlich ihres politischen und socialen Verhaltens sich ruhig mit allen Angehörigen aller Confessionen messen dürfen, so liegt doch in diesem kränkenden Vorwurf eine schwerwiegende Mahnung für das Reformjudenthum und seine Wortführer. Diese haben doch die Parole ausgegeben, man müsse eine jüdische Sitte, eine Eigenthümlichkeit des Judenthums nach der anderen zu Gunsten der Gleichstellung und Gleichberechtigung mit den anderen Staatsbürgern preisgeben; wenn erst die religiösen Schranken und Scheidewände von uns abgetragen seien, dann würden sich auch unsere Mitbürger beeilen, die socialen und politischen Mauern und Schlagbäume zu entfernen und wie die Redensarten alle hießen. Und nun nachdem man mehr als ein halbes Jahrhundert in diesem Sinne gelebt und gewirkt hat, nachdem man bereits alles so radical reformirt hat, daß von dem alten Judenthum kaum etwas übrig geblieben ist, zetern jetzt die Judenfeinde: „Nicht die orthodoxen, die Reformjuden sind es, denen unser Kampf gilt." Aus dieser Lüge könnte das Reformjudenthum eine große Wahrheit lernen, die mit allen ihr anhaftenden, trüben Erfahrungen nicht zu theuer bezahlt wäre, wenn sie richtige Würdigung und Beherzigung fände. Dieser Standpunkt, dem wir bereits vor drei Jahren an dieser Stelle Ausdruck gaben, brachte uns damals „Eine Mahnung" der „Allgemeinen Zeitung des Jude nt hu ms" ein, alle inneren religiösen Kämpfe schweigen zu lassen, bis der äußere Feind geschlagen ist. Jetzt kann das osficielle Organ des deutschen Reformjudenthums diese Mahnung an sein Schwester-Orgänchen richten, welches die Orthodoxen mit Koth bewirft, um den Stöcker'schen Haß gegen die Reformjuden zu begründen. Unsere Ansicht über Stöcker und seine Liebenswürdigkeiten für das orthodoxe Judenthum haben wir bereits damals in folgender Weise präcisirt, und empfehlen dieselbe Herrn Dr. Singer und Konsorten zur geneigten Berücksichtigung: „Wir sind der festen unumstößlichen Ansicht, daß alle Stöcker der Welt kein so schweres Unglück für uns sind, als unsere eigenen bundesbrüchigen, jüdischen Brüder, welche öffentlich die Satzungen des Judeuthums mit Füßen treten und sich Reformjuden nennen. „Ob wo und wie Herr Stöcker für das orthodoxe Judenthum eingetreten ist, ist uns nicht be-