Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 52 (2.7.1894)
- Date
- 1894-07-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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958 s ZeitUUg-nachrichte« nub Correspo«de«zen. Deutschland. Mainz, 29. Juli. Die israelitischen Lehrer-- bilduugSanftalten in Bayern, deren wohlbegründeter Ruf sich wett über Deutschland hinaus erstreckt, sind wieder vor einer schwerschwiegenden Neuorganisation gestellt. Als die Kgl. Regierung vor 5 Jahren einen so ausgedehnten Musikunterricht anordnete. wie er mit der Tendenz und dem Lehrpläne jener Anstalten kaum vereinbar erschien, da gehörte die ganze schulmännische Einsicht der Leiter jener Anstalten dazu, um den Schwierigkeiten Herr zu werden. Nun hat das Ministerium wieder für die Präparandenschulen die Einführung eines neuen (vierten) Jahrgangs beantragt und von der Kammer vom Jahre 1895 ab bewilligt erhalten, dessen Durchführung für die israelitischen Präparandenschulen, die den Bedarf aus Eigenem zu decken haben, mit schweren Opfern für jene Anstalten verknüpft ist. Wohlberechtigt und beherzigenswerth erscheint darum der Aufruf, welchen der Leiter der Präparandenschule zu Burgpreppach, Herr D r. Deutsch, an die Freunde und Gönner jener Anstalt et läßt, und welchem wir Folgendes entnehmen: „Es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, daß vor mehr als 18 Jahren am hiesigen Orte ein bedeutender Mann in idealer Selbstaufopferung ein Werk in's Leben gerufen hat, das seitdem die segensreichsten Erfolge für den Bestand und die Ehre unseres Bekenntniffes gezeitigt hat: die israel. Präparandenschule dahier. Das Werk, auS reiner Begeisterung für eine gute Sache hervorgegangen, hat sich seit seinem Entstehen kräftig entwickelt und erweitert. Gemeinden und Private wetteiferten in dem Bemühen, es zu erhalten und zu unterstützen, die königlichen Behörden schenken ihm wohlwollende Fürsorge und Anerkennung, und mannigfach sind die Zeichen der Sympathie, die ihm aus allen Kreisen entgegengebracht wurden. Hierdurch ist es möglich gewesen, die Fundamente der errichteten Anstalt tief und fest zu legen, aber die Zinnen des humanen Werkes sind noch nicht hoch genug geführt: noch sind der Anstalt mannigfache Aufgaben gestellt, denen sie wegen der Geringfügigkeit der ihr zu Gebote stehenden Mittel nicht genügen kann- DaS Wachsen der Schule erforderte eine Vermehrung der Betriebsmittel, was wieder eine Vergrößerung der Ausgaben zur Folge hatte. Um thatkräftige Unterstützung zur Forterhaltung der Schule erlaube ich mir darum Sie und die Mitglieder Ihrer Gemeinde ergebenst zu bitten. Indem Sie meiner Bitte Gehör geben, werden Sie der Sache der Religion, der Humanität und Bildung zugleich einen Dienst erweisen. Sie wissen ja, um was es sich handelt. Werth und Bedeutung unserer Schule sind Ihnen sicher nicht unbekannt. Darum wird es Ihnen nicht schwer fallen, für unsere gute Sache in einer Ihnen am Zweckmäßigsten erscheinenden Weise thätig zu sein- Ihr Appell wird überall das nöthige Verständnis finden und unserem Bemühen thatkräftige Unterstützung verschaffen. Wir bitten darum, denn wir bedürfen ihrer, wenn wir imstande sein sollen, den Samen des Guten auch weiterhin in der bisher geübten Weise auszustreuen. Möge Gott Ihr Bemühen für unsere Sache mit seinem Segen begleiten!" Wir zweifeln nicht daran, daß dieser warmherzige Appell überall das nöthige Verständniß finden und der trefflichen Anstalt zu ihren alten Freunden viele neue zuführen wird, damit sie sich auch fürder in der Fülle ihrer wohlthätigen Wirkungen zu behaupten vermöge. Mainz, 1. Juli. Jene grausige That, die sich heute vor acht Tagen in dem sonst so sonnigen Frankreich abspielte, hat ihre düstern Schatten bis in die meist politischem Getriebe fernstehenden jüdischen Blätter geworfen. So verlangt die in Wien erscheinende „Oesterreichische Wochenschrift" des Reichsraths-Abgeordneten Dr. Bloch in ihrem vorgestrigen ersten Leitartikel gemeinsames Vorgehen gegen die Zwilltngsbrüder Anarchismus und Antisemitismus, da kein Land in Europa existire, das von dieser verheerenden Doppelseuche verschont geblieben. „Internationale Vereinbarung gegen den Anarchismus", schließt das Blatt, indem es einen österreichischen Staatsanwalt citirt, „wäre wirkungslos, wenn sie nicht zugleich seinen Zwillingsbruder, den Antisemitismus, in das Bereich der Bestimmungen einbeztehen würden." Ein anderes in Süddeutschland erscheinendes jüdisches Blatt nennt Carnot einen gerechten Mann, der sich streng an das Gesetz hielt. Er habe wiederholt Juden ins Ministerium berufen, zuletzt David Raynal, als Minister des Innern. Die in Paris erscheinenden „Archives Jsraelites" sind in der Lage, den Wortlaut der Ansprache mitzuthetlen, die der Großrabbiner von Lion, Herr Alfred Levy, im Namen des israelitischen Rhone-Consistoriums an den Staatschef einige Stunden vor seinem entsetzlichen Tode richtete. Dieselbe lautete: „Das israelitische Consistorium zu Lion hat die Ehre, Sie wiederholt seiner tiefsten Ergebenheit zu versichern und Ihnen seine Freude darüber, daß wir Sie heute in unserer Mitte sehen, auszudrücken. Der Jude besitzt vor Allem das Gedächtniß des Herzens. Wir haben nicht vergessen, daß wir bereits vor einem halben Jahrhundert eine Schuld der Dankbarkeit gegen Ihren edlen Vater auf uns geladen, welcher unter denkwürdigen Umständen uns das Gewicht seiner Beredtsamkeit und Sympathie geliehen hat, und wir werden stets sehr glücklich sein, seinen Nachkommen durch unsere ergebungsvolle Anhänglichkeit zu beweisen, daß er keine Undankbaren verbünde«'Hat. „Aus der Tiefe unserer Seele flehen wir zu Gott, daß er auf Sie, Herr Präsident, den würdigen Erben der väterlichen Tradition, auf Sie, das Haupt des von uns Allen so geliebten Vaterlandes, seinen reichsten Segen ausgießen möge." „Ich fühle mich lebhaft gerührt", antwortete hierauf Herr Carnot, „durch diesen Hinweis auf eine Erinnerung, die mir kostbar ist. Ich bin wie mein Vater durchaus liberal und gerecht (imxartial)."