Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 51 (28.6.1894)
- Date
- 1894-06-28
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448457--38808-2486930- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
953 mit ihm Angeboten hatte unb er als einzige Bedingung gestellt hatte, daß er auch am Sabbat arbeite! Wie fest und ohne lange zu überlegen hatte er Millionen von sich gewiesen! Ja, das Schicksal hatte ihm schwere Prüfungen auferlegt, aber bis jetzt hatte er sie alle bestanden! Die Unterhaltung im Coupö drehte sich jetzt auch noch um das Thema der Sonntagsruhe und sie fand ihre Ankläger und ihre Verthetdiger. „Dies Gesetz wird manches Geschäft ruiniren." sagte einer der Herren und erläuterte seine Behauptung an einem Beispiel. Der junge Mann hörte wieder aufmerksam zu und wollte etwas erwiedern, aber er wurde der Antwort enthoben, denn der Zug fuhr polternd über eine Brücke und näherte sich langsam seinem Ziele. Die Reisenden suchten ihre Gepäckstücke zusammen und als der Zug jetzt anhielt, verließen sie rasch das Conpö. Der junge Mann wartete bis zuletzt, dann rief er einen Gepäckträger herbei, übergab ihm seinen Handkoffer und seinen Gepäckschein und nannte ihm die Adresse, wohin er das Gepäck befördern sollte. Zehn Jahre sind eine schöne Spanne Zeit im Leben des Einzelnen, ein Augenblick im Leben der Völker und Nationen, ein Nichts im Verhältniß zur Ewigkeit. Die Stadt M. hatte sich in den letzten zehn Jahren ganz bedeutend verändert, so daß sich der junge Mann erstaunt nmblickte und nicht wußte, welchen Weg er nehmen mußte, um zum elterlichen Hause zu gelangen. Er fragte hier und dort, bis er ins Herz der Stadt gekommen, war, wo er sich, da dasselbe unverändert geblieben, selbst zurechtfinden konnte. In einem kleinen Hänschen in einer der engsten Straßen der Stadt, wohnte Herr Gottschall Schlesinger, der Vater des jungen Mannes mit seiner Frau und einem alten Dienstmädchen, der einstigen Amme ihres Sohnes. „Rabbi Getsch" — so wurde Herr Schlesinger von Jedem genannt — konnte sich rühmen — wohl der einzige in der Stadt — keinen Feind und keinen Neider zu besitzen und von Jedermann geachtet und geschätzt zu werden. Er lebte von den Zinsen eines selbsterworbenen kleinen Vermögens und widmete seine Zeit drei Dingen: Toroli, awodoii und gemilus chesed, dem Studium der Thora, dem Gottesdienst und der Ausübung frommer Handlungen. Jetzt steht er in festtäglichem Schmucke vor seiner Gattin, die gerade die Sabbatlichter entzünden will und fragt: „Ist der Briefträger schon vorüber gegangen?" „Ja, mein Mann, und er hat uns heute keinen Brief gebracht." „Sonderbar! Zum ersten Male seit zehn Jahren, daß sein Brief ausbleibt." — „Vielleicht kommt er selber," sagte Frau Schlesinger, „Du weißt, ich habe einen Traum gehabt —" „Ach, du glaubst auch alle Chalaumaus, wenn sie angenehm sind," erwiederte lächelnd Reb Getsch. „Lache du mich nur aus", erwiederte die alte Dame, „ich glaube doch daran und Schma jsroel! da ist er!" Und an ihrem erstaunten Manne vorbeieilend riß sie die Thüre zum Flur auf, stürzte zur Hausthüre hinaus und hing an dem Halse des jungen Mannes, der langsam auf das kleine Häuschen zugeschritten kam. „Nun Hab ich meinen Moscheh wieder!" kam es jubelnd aus ihrem Munde, „boruch hatauf wehammetiv, gepriesen sei der Allgütige, der gütig ist und Gutes erweis et." Unter Thränen jauchzend führteste ihren Moscheh gegen das Zimmer, in dessen weit geöffneter Thüre der Vater zitternd stand. Die Freude über das unverhoffte Wiedersehen hatte ihm die Sprache geraubt und nur zagend kamen die Worte scholaum alechem aus seinem Munde. Der Sohn küßte und umarmte seinen Vater und verschwand dann mit seinen Eltern im Innern des Hauses. Am anderen Tage befand sich die jüdische Gemeinde in großer Erregung. Rabbi Getfchs Moscheh war nach zehnjähriger Abwesenheit als Oschir1) in das Elternhaus zurückgekehrt. Ec war oleh latoroh2) gewesen und hatte fünfhundert Mark geschnobert?) Eine veritable Wallfahrt fand am Nachmittag jenes Sabbats nach dem kleinen Häuschen in der engen Gaffe statt, denn jeder wollte Mosche bewillkommnen und sich an der Freude der Eltern erfreuen. Jeder war entzückt von dem liebenswürdigen Wesen, der Frömmigkeit und Bescheidenheit des jungen Mannes und die reichsten und vornehmsten Mitglieder der Gemeinde drängten sich, um ihm Ehre zu erweisen. Gar manches Mutterauge sah wohlgefällig auf seine männliche Erscheinung und dachte, welch' schönes Paar dieser Mann und die eigene Tochter wäre, gar manches schüchterne Mächdenantlitz errötete, wenn es ihn erblickte, und manches junge Herz dachte heimlich, ganz heimlich au ihn und beschäftigte sich mehr mit ihm als recht' war. Moscheh lebte ebenso zurückgezogen wie seine Eltern und widmete seine ganze Zeit denselben. Er nahm nicht eine der vielen Einladungen, womit er überschüttet wurde, an, sondern lehnte alle mit der Bemerkung ab, daß er ein zu großer Egoist sei, um das Zusammensein mit den Eltern, das er so lange entbehrt habe, auch nur um eine Sekunde verkürzen zu wollen. Rabbi Getsch und feine Frau schwelgten in Seligkeit. Sie hatten ihren Moscheh wieder und 1) Reicher. 2) Zur Thora aufgerufen. 3) gkspendet.