Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 51 (28.6.1894)
- Date
- 1894-06-28
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448457--38807-2486929- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
952 Welt, in dem größten Geschäfte Grobbrittaniens und habe nicht nöthig gehabt, die Sabbatgesetze zu übertreten. Wenn meine deutschen Glaubensbrüder in dieser Hinsicht nicht mehr so skrupulös sind, so ist das bedauernswerth, denn frivol handeln sie am Gottesgesetze." „Das können Sie nicht sagen", entgegnete einer der Herren, dessen Antlitz auf semitische Abstammung schließen ließ, „der deutsche Jude ist durch das Gesetz der Sonntagsruhe gezwungen, wenn er existiren will, die Heiligung des Sabbat leichter zu nehmen. Welches Geschäft erträgt es heute, daß nur an fünf Tagen regelrecht gearbeitet, an zweien aber gefeiert werde? Jene goldnen Zeiten, da man dieses risktren konnte, sind bei der heutigen Geschäftslage und der scharfen Concurrenz unmöglich — „Unmöglich ist gar nichts", erwiederte der junge Mann in bestimmtem Tone, „where is a will, there is a way*) sagt der Engländer, und an wohlfeilen Ausreven ist für den Treulosen kein Mangel." Der scharfe Ton, den der junge Mann angeschlagen hatte, ließ seine Mitreisenden verstummen und nur ein überlegenes Lächeln, welches über das Antlitz einiger der Herren flog, zeigte, wie man eine solche gesetzestreue Gesinnung beurtheile. Der junge Mann kümmerte sich wctter nicht um seine Reisegefährten. Stille blickte er zum Fenster hinaus, wo in rasender Eile herrliche Rebengelände, sagenumwobene Berge mit alten Ruinen an seinem Auge vorbeiflogen und keuchende Schiffe schwere Lasten und kostbare Kaufmannsgüter auf dem belebten Strome zu Berg und zu Thal trugen. Es kam wie Wehmuth über ihn. Jetzt in der Nähe der Heimath, erfaßte ihn eine unsagbare Sehnsucht nach derselben und vas Heimweh ergriff ihn mit seiner ganzen Gewalt und füllte ihm die Augen mit Thränen. Mag die Fremde uns mit noch so viel Glanz und Glück umgeben, mögen wir eine noch so hohe Stellung in der Fremde einnehmen — nie, nie kann zur Heimath die Fremde uns je werden. Unser Herz wurzelt in der Heimath und selbst jahrelange Trennung von derselben kann die Fasern dieser Wurzeln nicht aus unserem Herzen entfernen. In dem Coups war es stille geworden. Der Zug raste in ungeminderter Eile seinem Ziele entgegen und der junge Mann schloß die Augen, um die letzten zehn Jahre seines Lebens an seinem Geiste vorüberztehen zu lassen. Es war an einem trüben Oktobertage, als er vor dreizehn Jahren Abschied nahm von seinem *) Wo der Wille da ist, findet sich auch ein Weg. Vater, als sein Mütterchen zum letzten Male die Arme um seinen Hals schlang und ihn unter Thränen herzte und küßte, als er selbst schweren Herzens sich von der Heimath trennte, um in der Fremde das Glück aufzusuchen, das ihm die Heimath vorenthalten wollte. Wohl hätte er auch in Dentschland eine lohnende Stelle finden können, denn er war ein tüchtiger und geschickter Mensch, wenn er es über sich vermocht hätte, am Sabbat zu arbeiten, aber um keinen Preis der W:lt hätte er sich dazu entschließen können und so war der Entschluß in ihm gereift, sein Glück in England zu versuchen. Obschon es den alten Eltern schwer fi l, sich von ihrem Kinde zu trennen, billigten sie seinen Entschluß und segneten ihn fchn Abschiede. „Laß es nicht genug sein", sagte sein Vater, als er ihn zum letzten male umarmte und küßte, ,,mit soehaur es jom haschabbos, daß du des Sabbattages gedenkst und an demselben eine Stunde im Gotteshause weilst, nein soehaur es jom haschabbos lekadschau heißt es, denke stets daran, wie du den Sabbat am besten heiligen kannst. Laß all dein Sinnen und Trachten darauf gerichtet sein, den Sabbat zu heiligen, denn er ist die Grundlage, aus welche du dein Glück zu erbauen vermagst." Heute noch tönen ihm die Worte seines Vaters in den Ohren; nie hat er sie vergessen. Wohl hatten anfangs Hunger, Roth und Elend ihn heimgesucht und ihm gebieterisch zugerufen: Laß ab vom Sabbat und du wirst deinen Hunger stillen können, Noth und Elend werden dich verlassen — er war tapfer geblieben und halte den Hunger, die Noth und das Elend besiegt. Dann kam der Ueberfluß. der Stolz, der Reichthum und schmeichelten ihm: Du bist jetzt einer der Unsrigen, wozu dich an die beengenden und unbequemen Sabbatgesctze binden? Laß ab vom Sabvat — auch diese schlimmeren Verführer hatten seine Glaubenstreue nicht zu erschüttern vermocht und so stand er wie ein Fels im Meere inmitten aller Angriffe und Verführungen, sicher und fest blieb er im Glauben seiner Väter, getreu der Lehre Israels, welche befiehlt: Soehaur es jom haschabbos lekadschau. Und er sah sie, die junge edle Dame, deren Herz ihm in Liebe zugethan war und deren Hand und fürstliches Vermögen das seine war, sobald er nur wollte; und er seufzte leise vor sich hin und murmelte die Worte: „Arme, reiche EdithMeinen Sabbat gebe ich nicht um alle Schätze der Welt. Selbst auf deinen Besitz verzichte ich, da ich auch um Deinetwillen me'nen Sabbat nicht verlasse." Wie hatte sie geweint, als ihr Vater ihr das Resultat jener Unterredung mitgetheilt hatte, in der er ihm die Hand seiner Tochter und die Association