Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 51 (28.6.1894)
- Date
- 1894-06-28
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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BrchöoöxeMüoeMMNW l'OAA 0 S E Sv.*)- «8. Juni 1894] lRr. 5. I1YW3““ iik-WM- .»"1 WMA ar.myy) mW illMl Das vierte Keöot. Erzählung von H. Berger. Durch die gesegneten Fluren des Rheinganes rast der Courierzug. Die Reisenden, die er mir sich führt, fragen nichts nach den Schönheiten des herrlichsten der deutschen Ströme, sonst würden sie das Dampfboot benutzen, welches dieser auf seinem Rücken trägt und von welchem sie das herrlichste Panorama im deutschen Vaterlande schauen könnten — sie wollen rasch ans Ziel gelangen und der Courierzug durcheilt die Strecke, wozu das Dampsboot zwölf Stunden nöthig hat, in dem vierten Theile der Zeit, Grund genug, daß sie die theuere Fahrt mit der Eisenbahn wählen, denn time is money, Zeit ist Geld. Und für die heutige Zeit ist das Geld die Kraft, die alles treibt, der Herr, dem alles Unter* than ist, der Herrscher, dem gegenüber alle anderen Rücksichten beiseite gesetzt werden. Wohl klagt man einerseits über den Verlust der Ideale der deutschen Volksseele und sucht durch Gesetze dem vollständigen Schwinden derselben Einhalt zu thun, aber andererseits verfolgt und bedrängt man jene deutschen Idealisten, die sich im Kampfe ums Dasein noch den höchsten Schatz des Lebens, die Religion erhalten haben und deren Gesetze befolgen, trotzdem sie materiellen Schaden dadurch erleiden — die deutschen Juden. Sie sind die Optimisten par excellence und dieser Optimismus ist es, der ihnen die Kraft giebt, auszuharren bis — der liebe Gott hilft. Der Zug ist stark besetzt. In ein Coupö, in welchem fünf Herren schon sitzen, steigt auf einer Zwischenstation ein sechster ein und nimmt mit dem schmalen Plätzchen fürlieb, welches man noch für ihn hat. Es ist ein junger Mann, vielleicht dreißig Jahre alt. Mit seinem Taschentuch wischt er sich den Schweiß von der Stirne und dabei sagte er: „Gottlob, daß ich den Zug erreicht habe." (Alle Rechte Vorbehalten.) Einer der Herren lächelt darüber und sagt: „Wenn Sie nicht gerade einen Anschluß erreichen wollen, hätten Sie auch den nächsten Zug benutzen können. Er ist nur anderthalb Stunden später in M." „Ich reise nur nach M.", entgegnete der junge Mann, „und trotzdem hätte ich, wenn ich diesen Zug verfehlt hätte, mindestens einen Tag verloren." Erstaunt sahen sich die Reisenden, die das Gespräch mit angehört hatten, an, und der Herr, der das Gespräch begonnen hatte, sagte: „Wie ist das möglich? Das müssen Sie uns näher erklären." „Die Erklärung ist leicht gefunden", versetzte der junge Mann. „Heute ist Freitag. Mein Sabbat beginnt heute Abend 8 Uhr 10 Min.; um 7 Uhr 30 Min. sind wir in M. und ich bin rechtzeitig an Ort und Stelle. Der nächste Zug aber erreicht M. erst um 9 Uhr 15 Min. zu einer Zeit, wo der Sabbat schon begonnen hat, und da uns das Fahren am Sabbat verboten ist, hätte ich, wenn ich diesen Zug versäumt hätte, bis morgen Nacht in B. bleiben müssen. Da ich meine Eltern nun nach zehnjähriger Abwesenheit heute zum ersten Male Wiedersehen werde, können Sie sich denken, wie ich mich freue, noch diesen Zug erreicht zu haben." „Gewiß", entgegnete der Herr, „aber wo waren Sie während dieser zehn Jahre? In Deutschland ist man heute nicht mehr so skrupulös unter den Juden; ein großer Theil derselben fährt auch am Sabbat." —„Und Übertritt dadurch das Grundgesetz der ganzen israelitischen Religion. Mein Herr, ich war zehn Jahre in einem der ersten Geschäfte der