Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-06-28 · Heft 51 (28.6.1894) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 51 (28.6.1894)
Date
1894-06-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448457--38791-2486913
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

936 Untersuchung entgegen, die auch wir abwarten wollen, bevor wir ein weiteres Wort in dieser Sache sprechen. Wie«, 25. Juni. Antisemitische Studenten bereiteten heute mit Rücksicht auf den Spruch des Schiedsgericht in der Angelegenheit der Rettungsgesellschaft dem Prof. Nothnagel eine stürmische Demonstration, so daß die Vorlesung unterbleiben mußte. Budapest, 19. Juni. Die Landesvertretung der vaterländischen orthodoxen Judenschaft und zahlreiche Rabbiner machten heute Vormittags ihre Aufwartung bet dem an Stelle des Grafen Czacy ernannten Cultus- und Unterrichtsmtnister Baron Lorand Eötvös. Die Deputation, welche aus den Mitgliedern der orthodoxen Durchführungskommisston und zahlreicher orthodoxen Gemeinden, sowie mehreren Rabbinen und schließlich dem Präsidenten der Budapester orthodoxen Gemeinde Perlmutter und den Vorstandsmitgliedern Dr. Schächter und Frankl bestand, hatte den Großwardeiner Advokaten Dr. Samuel Friedländer damit betraut, an den Minister die Begrüßungsansprache zu richten. Derselbe führte auS, daß der Minister, der ja als liberaler Staatsmann von erhabener Denkungsart bekannt ist, falls er in jüdischen Angelegenheiten zu entscheiden haben wird, fich sicherlich stets von dem Prtnzipe der Religions- und Gewissensfreiheit werde leiden lassen. Die Judenschaft hinwieder werde nach wie vor das segensreiche Wirken der Regierung auf dem Gebiete der Volkserziehung und Kultur wirksam und thunltchst unterstützen. — Kultusminister Baron Cötvös erwiederte — wie „Zfido Hirado" meldet — auf diese mit begeisterten Eljenrufen aufgenommene Rede folgendermaßen: „Geehrte Herren! Ich danke Ihnen für Ihr Erscheinen. Ich verspreche Ihnen, der Aufforderung Ihres Redners nachzukommen, wie ich denn überhaupt das Selbstbesttmmungsrecht jeder Konfession, wie dies das Prinzip der Gewissensfreiheit erheischt, in Ehren halte. Ihren Gemeinden und Vereinen verspreche ich, so dieselben sich an mich wenden werden, sie in ihren das allgemeine Wohl bezweckenden Bestrebungen mit der größten Bereitwilligkeit zu unterstützen. Empfangen Sie wiederholt meinen Dank und überbringen Sie Ihren Mandataren meinen Gruß." Der Präsident der Durchführungskomission Ignaz Reich stellte sodann die einzelnen Mitglieder der Deputation vor, womit die Audienz zu Ende war. Budapest, 21. Juni. Das Magnatenhaus hat heute Mittags 12 Uhr den Gesetzentwurf über die Civilehe mit 4 Stimmen Majorität als Grundlage zur Spezialberathung angenommen. Die oppositionellen Mitglieder des Magnatenhauses, welche das Ergebntß der zweiten Abstimmung*) im Vorhinein zu wissen schienen, kämpften mit all' ihnen zu Gebote stehenden Mitteln; so incsenirte der wackere Markgraf Pallavicini-Czaky vor der Abstimmung sogar eine kleine Judenhetze, indem er in seiner Rede, in welcher er seinen consequenten Liberalismus (?) besonders hervorhob, mit patriotischer Begeisterung behauptete, „daß dieser Gesetzentwurf nur den Juden nütze, auf die ungarische Rasse hingegen wirke er nur schädigend". Der edle Graf scheint nicht wissen zu wollen, das die Orthodoxen ein Gesuch an das Abgeordnetenhaus etngereicht, in welchem sie — vom jüdischen Standpunkte aus betrachtet — auf die schädlichen Folgen des Gesetzentwurfes Hinweisen und zugleich ansuchen, daß das Abgeordnetenhaus bet Schaffung des Gesetzes auch die Bestimmung aufstelle, daß diejenigen Ehehälften, welche sich — außer der vor genommenen Civiltrauung — auch vom Rabbiner rituell trauen lassen, im Sch ei dun gs falle früher keine neue Ehe eingehen dürfen sollen, als bis sie auch rituell geschieden worden sind! Graf Pallavicini hat daher mit blindem (!!) Eifer gekämpft. Er sammt seinen Gesinnungsgenossen können indeß die Versicherung entgegennehmen, daß kein einziger der gesetzestreuen Juden Ungarn's ein auf civilem Wege getrautes Ehepaar als ein jüdisches Ehepaar anerkennen werde; der gesetzestreue Jude unterwirft sich den staatlichen Gesetzen, aber er wird auch in der Zukunft nur eine solche Ehe als eine jüdische anerkennen, welche nach der Civilehe auf rituellem Wege geschlossen worden; denn die Ehe gilt dem Juden als eine heilige Institution, sie bildet einen wichtigen Bestandtheil seiner Religion. H. Feuilleton. Esirrlra, Königin von 'Noten. Historische Erzählung von Hugo Freund. 8.) (Nachdruck verboten.) II. Es war an einem Tage des nun voll über das Land herein gebrochenen Frühlings, als am Morgen Rabbi Jehoschua mit seinem Messer ausgegangen war, um bei einem Juden des Orts einen Ochsen zu schächten. Esther war allein zu Hause und sie saß wie gewöhnlich in dem kleinen, nun von grünem Grase *) Anläßlich der ersten Abstimmung fiel der Gesetzentwurf bekanntlich mit 21 Stimmen durch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.