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Der Israelit · 1894-06-28 · Heft 51 (28.6.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 51 (28.6.1894)
Date
1894-06-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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937 bewachsenen Vorhof ihres Häuschens und starrte in die Ferne nach jener Richtung hin, wo sie den Geliebten ihres Herzens wußte. Hatte Elischa gemeint, daß die Unruhe, die sich Esthers bemächtigt hatte, sich bald legen würde, so hatte er sich geirrt. Ob cs nun die Sehnsucht war nach dem fernen Bräutigam, oder ob es die neuen und ungewohnten Verhältnisse in dem fernen Lande waren, die Esther nicht zur Ruhe kommen ließen, es war dem jungen Mädchen unmöglich, sich von einem Gefühl heftiger Bangigkeit zu befreien, das immer und immer wieder sie überkam. Sie batte in den jüngsten Wochen schon mannigfache Zeichen und Mittheilungen von ihrem Bräutigam bekommen, aber sie alle waren auf eine so geheimnißvolle und sonderbare Art geschehen, daß dieselben eher im Stande waren, sie zu ängstigen, als ihr Ruhe zu verschaffen. Elischa hatte niemals geschrieben, denn er fürchtete, geschriebenes aus der Hand zu geben, da die Feinde seines Stammes allenthalben den Boten auflauerten, die von dem Lager der Gruster nach auswärts gingen, und hätte man gewußt, daß einer dieser Männer ein Liebesverhältnis mit Esther unterhalte, so wäre dieselbe ihres Lebens nicht mehr sicher gewesen, da die polnischen Adeligen sie wohl gefangen genommen hätten, um von ihr Näheres über das Lager und Vorhaben der Grusier zu erfahren. Wenn Elischa auch in hebräischer Schrift geschrieben hätte, so wäre daS doch keine Sicherheit gewesen, weil auf allen Schlössern der Adeligen sich Juden aufhielten, die vielleicht, ohne etwas Schlimmes zu ahnen, einen solchen Brief in das Polnische hätten übersetzen können. Wohl aber schickte Elischa hie und da seiner Braut eine Münze, auf der das Bild des Tempels aufgeprägt war, oder ein goldnes Ringlein, das kleine hebräische Schriftzüge trug. Ach! seufzte das junge Mädchen, wann endlich wird auch über ihn Ruhe und Frieden kommen, wann endlich werden wir ein menschenwürdiges Dasein zu führen im Stande sein? Während sie noch so saß und sann, hörte sie aus der Ferne lustige Jagdhörner erschallen, Peitscheknallen, Hundekläffen, und sie sah von Ferne eine Schaar sehr reich gekleideter Retter vorüber ziehen. Von dem Zage lösten sich einige Berittene ab und sprengten nach dem Hause zu, vor welchem Esther saß. „Seht Ihr, Pan," rief der Herr von Roßny „so weit erstreckt sich mein Gebiet, jenes Dörfchen gehört schon nicht mir, sondern dem von uns so vielgeliebten Herrscher Kasimir." „Ihr habt ein schönes, ausgebreitetes Gut, Roßny", entgegnete der Pan, „schade, dies Dörfchen sollte auch noch zu Euch gehören, es würde Euer» Besitz hübsch abrunden." „Seht Ihr nicht dort drüben ein junges Mädchen sitzen?" „Ja, ja", rief Roßny, „es scheint in der That so, und merkwürdig, jemehr ich htnschaue, desto bekannter kommt mir dasselbe vor." Mit diesen Worten waren die beiden Reiter bis nahe an das Häuschen hingeritten, vor welchem Esther die Morgenluft genoß. „Heiliger Gott", rief der Pan von Wola, „daS ist ja jenes Judenmädchen, das vor einigen Wochen in unser Schloß kam, und das uns auf so räthselhafte merkwürdige Art entflohen ist." „Beim Himmel", entgegnete Roßny," sie ist es, wie sie nur hierher kommen mag?" „Wißt Ihr, Pan, daß wir herzlich gelacht haben über die Gespenster, die Ihr seiner Zeit im Trunk gesehen habt." „Ha, Ha! Die Grusier waren damals weit entfernt, und sicher sind die Eurigen nur der Tokayerflasche entstiegen, der Ihr zu stark zugesprochen hattet." „Mag sein", entgegnete der Pan ärgerlich, „die Sache ist mir vollständig unbegreiflich. Soviel ist doch zweifellos sicher, daß das Mädchen mit ihrem Vater damals entflohen ist, und wie hätten sie denn damals entfliehen können durch alle Diener und Wachen, wenn nicht die Gruster Weh und Schrecken verbreitet hätten. War ich es doch damals nicht allein, sondern alle Diener versicherten mich, daß auch sie durch das Toben der Schaaren in Schrecken gesetzt worden." „Eure Leute waren gerade so betrunken wie Ihr, Pan; doch laßt jetzt diese alten Geschichten ruhen. Ich möchte in der That erfahren, wie diese schöne Jüdin hierher gekommen ist." „Nein, nein, lieber Roßny," entgegnete der Pan, „wenn Ihr mir einen großen Lkebes-Dkenst erweisen wollt, so folgt mir nicht weiter; wollt Ihr den prächtigen Schecken zum Geschenk haben, der Euch neulich so wohl gefiel?" „Und dafür soll ich Euch das Mädchen überlassen," lachte der Herr von Roßvy. „Nun denn meinetwegen, für einen guten Freund muß man auf Etwas verzichten können. Ihr mögt mir Euer« Schecken bald zuschicken. Ich kehre in den Wald zurück, zu der Jagdgesellschaft, und mögt Ihr Glück haben bei dem schönen jüdischen Engel, der so nachdenklich vor jenem Häuschen sitzt." Bei diesen Worten warf Roßny sein Pferd herum und ritt dem Walde zu, während der Pan von Wola sich dem jungen Mädchen näherte.

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