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Der Israelit · 1894-06-28 · Heft 51 (28.6.1894) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 51 (28.6.1894)
Date
1894-06-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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938 Ligen Belästigung erfahren und gewiß auch so leicht nicht erfahren werde. Das kommt davon her, daß ich koscher lebe. Belästigt werden nur diejenigen, die nicht koscher leben, die sich an die christlichen Table d’höte drängen, bei welchen man sie nun einmal nicht haben will. Und es sind nicht nur Antisemiten undJudenfeinde, es sind durchaus ehrbare, vorurtheilsfreie Christen, welchen diese jüdische Aufdringlichkeit zuwider ist. Ob man es vom rein juridischen Standpunkte aus den Juden versagen darf, für ihr gntes Geld sich an dieselbe Wirthstafel hinzusetzen und mitzutafeln; das ist eine Sache für sich. Um diese handelt es sich hier nicht. Aber es ist und bleibt eine Taktlosigkeit seitens unserer Phystgnomte-Juden, sich einer christlichen Gesellschaft zur gemeinschaftlichen Tafel aufzudrängen, und die christliche Taktlosigkeit, die sich dieser Aufdringlichkeit nach Kräften zu erwehren sucht, ist, schon weil sie provockrt ist, milder zu beurtheilen. Liebe läßt sich nicht erzwingen; am wenigsten durch Aufdringlichkeit. Ich denke mir, wenn christliche Familien sich seit einer Reihe von Jahren kennen und alljährlich im Badeort oder in der Sommerfrische einen neuen Knoten in dem Bande schürzen möchten, das sie in Freundschaft verbindet, sie möchten über Dieses und Jenes, über Familiäres und Politisches, über Religiöses und Soziales gemüthltch sich aussprechen, so ist es gewiß eine Rücksichtslosigkeit, wenn Jemand durch seine Anwesenheit diesen gemüthlichen Gedankenaustausch stört. Das thut aber der Jude, wenn er der Gesellschaft persönlich auch ganz sympathisch wäre, so gewiß wie ble Anwesenheit eines Christen lähmend auf die Gemüthlichkeit einer jüdischen Gesellschaft einwirken kann. Man denke eine christliche Gesellschaft unterhalte sich über das Abendmahl, über den Papst, über Luther, über das durchgefallene preußische Schulgesetz, über die neueste Encyklika u. dgl., werden die Streitenden dann nicht, je schärfer die Geister an einander gerathen, um so lieber auf die Anwesenheit von Juden verzichten? Und umgekehrt. Denken wir uns eine jüdische Gesellschaft dtscutirt darüber, ob die vorjährige Rabbiner-Erklärung nicht besser unterblieben wäre, ob es recht ist, daß der Dozent einer orthodoxen Lehranstalt Mitarbeiter einer allgemeinen Reformjudenthums Zeitung sei u. dgl., würde sie die Anwesenheit von Christen nicht unangenehm empfinden, vielleicht um so unangenehmer, je achtungswerther ihr die christlichen Gäste sind. Es wäscht ja Niemand gern seine schmutzige Wäsche vor Leuten, die er achtet und noch weniger gern vor solchen, die er verachtet. Dazu kommt noch Folgendes. Jeder Christ hat das Gefühl, daß der Jude nicht an seine Tafel gehört. Er weiß nicht was er mit einem Juden, der Schweinefleisch ißt, anfangen soll. DaS Gesicht, die Sprache, die Mimik, die Abstammung, alles kennzeichnet den abtrünnigen Juden als Juden und der Jude möchte diese Thatsache dadurch aus der Welt schaffen, daß er vor aller Oeffentlichkeit recht ostentativ Schinken und Austern consumirt. Diese Brutalität verletzt jeden halbwegs gebildeten Menschen durch diese feige Charakterlofigkett, die ihr zu Grunde liegt und durch die Anmaßung, mit welcher sie sich der Gesellschaft aufdrängt. Die Natur, der Genuß der Natur, die Berge, die Thäler und alles das, weßhalb man eigentlich Sommerfrischen aufsucht, ist international und interconfesstonell. Judenfeindliche Bestrebungen machen sich nur an der allgemeinen Tafel geltend, wohin keine Juden gehören. Kann man da noch fragen, was wir zu thun haben, um diesen Belästigungen aus dem Wege zu gehen? Bleibt von ihnen! Das fordert der Verstand und Anstand, das verlangt unser Gott und sein Gesetz; und wir sollten diesen Anforderungen nicht entsprechen, weil sie mit denjenigen zusamenfallen, was unsere Feinde wünschen? Handelt heute nicht der Jude charakterlos, der in einer Zeit, in welcher unsere Feinde unS die Schechita verbieten wollen, noch öffentlich nsiv — ißt, um einen gelinden Ausdruck zu gebrauchen? —Voriges Jahr war ich in Jnterlaken. Da kommt in das dortige jüdische Restaurant, Herr X $)., der hier im Thiergarten wohnt, seit Jahr und Tag sicher keinen koscheren Bissen im Mund gehabt hat, und setzt sich zur Table d’höte nieder. „Auch Du BrutuS? Speisen Sie nicht im Hotel N. N.?" „Lieber Freund! ES sind mir zu viele Glaubengenossen dort, deßwegen ziehe ich ein jüdisches Hotel vor, in dem man nicht so viel Juden trifft." Als die Gelächtersalve, die auf dieses Bonmot folgte, vorüber war, erfuhren wir den wahren Grund. — Unser Brutus war unfreiwilliger Zeuge eines Gesprächs, welches der Hotelier am Büffet mit einem Fremden führte. Der Fremde fragte, ob die Dame dort eine Jüdin sei oder nicht. Der Wirth sagte, er wisse es selber nicht genau. Aber es werde soeben Schweinebraten servirt und da müsse es sich sofort Herausstellen. Wenn sie eine Jüdin ist, so verlangt sie so laut danach, daß die ganze Tischgesellschaft es hört. Der erfahrene Wirth gab dann noch eine ganze Menge von Erfahrungen zum Besten, die er aus der Naturgeschichte des Austern- und Schinkenjudenthums gesammelt hatte -bis Freund Brutus die Geduld riß, und er vor aller Welt seinen Entschluß mittheilte, von

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