Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 51 (28.6.1894)
- Date
- 1894-06-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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932 „eifrig noch zu bedenklich in unserem Benehmen „zu sein. Beherzigen wir auch hier die Warnung „des Talmud: „Ihr Klugen, seid vorsichtig in „euren Reden!" Vorsichtig aber nicht mißtrauisch „und auch nicht kühl oder feindselig." Die Eiertänze, vermittelst welcher unser Mahner glücklich zu dieser seiner Mahnung gelangt, erforderten eigentlich eine Monographie für sich, wie unS da erzählt wird, rasch denken und sich rasch begeistern, seien keine nationalen Fehler, denn die Juden haben absolut nichts Nationales an sich! Die Antisemiten brauchten nur in einem lichten Momente einmal Vernunft zu predigen, um Rathgeber dieses Schlages für Unvernunft zu begeistern. Der Schreiber jener Mahnung hat sich vor einigen Jahren selber als nationaler Jude erklärt, und jetzt haben die Juden nichts, absolut nichts Nationales an sich! Der gute Mann redet sich und seinen Juden dann ein, daß sie zum Mißtrauen neigen und fiadet das auch gar nicht wunderbar, wenn man schon länger als seit einem Jahrzehnt von Haß umgeben ist. Daß der Judenhaß einige tausend Jährchen älter, daß er genau so alt als die Geschichte des jüdischen Volkes ist, und daß auch demzufolge unser erträumtes Mißtrauen älter sein muß — — das alles wollen wir heute unserem jüdischen Bädeker schenken. Wenn nach dieser Seite Rathschläge zu ertheilen sind, so dürfen es jedenfalls keine so kindischen sein, wie sie hier ausgekramt werden. Wird das Rischus wirklich aufhören, wenn seine Opfer weder zu eiftig noch zu bedenklich sein werden? Wer bei allen Eigenschaften, Neigungen und Gewohnheiten die richtige Mitte einzuhalten weiß; der ist ein v2n, ein Weiser, nach der Definition des d'hö-i. Dann können nur die Weisen Israels dieses Jahr die Sommerfrischen aufsuchen und diese müssen ihre Nasen und ihre ganze Physiognomie zu Hause lassen. Sonst kennen die Vollblutarier die Juden, obwohl letztere absolut nichts Nationales an sich haben, sofort auf 20 Schritte Distanz und fühlen ihr Auge schon beleidigt, bevor sie den jüdischen Störenfried einer Katechese über Mißtrauen und Enthusiasmus, über Eifer und Bedenklichkeit rc. unterzogen haben. Faßt man einmal ruhig das Uebel ins Auge, um dessen Heilung es sich hier handelt, so bedarf es aller dieser Quacksalbereien nicht. — Also, einige Hetzorgane fordern „Judenfreie Sommerfrischen", einige Badeorte sollen sich den Besuch von Juden verbeten haben, in einigen Hotels soll es thatsächlich schon vorgekommen sein, daß man jüdische Gäste beleidigt hat, was ist gegen diese Rohheit zu thun? Mir fällt da ein altes Hausmittel ein, das mir schon seit meinem fünften Lebensjahre bekannt und erprobt ist und das ich meinem Vater verdanke. Wenn mich die Gassenjungen stießen, zerrten, schlugen, um mich recht gründlich ihre Uebermacht fühlen zu lassen und ich kam klagend mit der Bitte, um Geltendmachung der väterlichen Autorität nach Hause, damit die Frevlerbande wie Spreu vor dem Winde zerstieben möge, dann erhielt ich statt der erhofften Hilfe immer nur die bündige stereotype Antwort: „Bleib' von ihnen!" Von der Lebensweisheit, die in diesen drei Worten liegt, hatte ich damals keine Ahnung. Schmollend und grollend saß ich am Fenster und sah wie meine Feinde sich da unten munter tummelten, ohne daß ein rächender Blitz unter sie gefahren wäre. Lange hielt ich's dann in meinem Schmollwinkel auch nicht aus. Ich mischte mich wieder unter die Genossen, erhielt wieder meine Püffe, trug sie wieder nach Haus, und erhielt wieder den Bescheid: „Bleib von ihnen!" Die Nothwendigkeit d eser Mahnung hatte ich lange vor ihrer Weisheit begriffen. Ich kam in die Schule; aber „ich blieb von ihnen." Je mehr ich von ihnen blieb, desto mehr suchten sie mich auf. Ich hatte den jüdischen National-Fehler etwas rascher zu denken, als es das arische Tempo verlangt; dadurch bildete sich etwas semitische Ueberlegenheit heraus, welche meine körperliche Schwäche mehr als ersetzte. Die größten Gassenjungen waren auch die größten Faullenzer; sie drängten sich an mich heran, um sich für ihre Aufgaben Helsen zu lassen, eine Hilfe, die ich ihnen nie versagte. Dadurch kam ich mit ihnen in ein leidliches, mit den besseren Schülern aber sogar in ein befreundetes Verhältniß, das die Schulzeit überdauert und sich bis zum heutigen Tage noch erhalten hat. Sollte das, was bei den kleinen Gassenjungen recht war, bei den großen nicht billig sein? Wenn es wahr ist, daß antisemitische Gassenbüberei Menschen beleidigt, weil ihr Urahn vor 3—4000 nicht Japhet, sondern Sem hieß, wenn es wahr ist, daß sie uns nicht sehen und nicht ausstehen können, sollen wir dann nicht von ihnen bleiben? Oder soll uns bübische Rohheit erst zwingen müssen, dasjenige zu thun, was Anstand und Verstand doch ohne Zweifel in solcher Lage fordern? Es ist ja noch etwas anders, was uns außer Verstand und Anstand diese Zurückhaltung auferlegt; und dieser Umstand allein ist es, der mir lediglich die Feder für diese Angelegenheit in die Hand drückt. Da muß ich nun zunächst sagen, daß ich schon ca. 15—20 Jahre alljährlich Sommerfrischen besuche, aber noch niemals den Schatten einer derar-