Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 51 (28.6.1894)
- Date
- 1894-06-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^prw- XXXV Jahrgang. J(s 81 Der Israelit. Ein Kenlrak-Hrgan für das orthodoXe Zudenthum. Begründet von Dr. Lehmann tn Mainz. Donnerstag, den 28. Juni 5654 (1894). Da mit dem 1. Juli 1894 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. In der Postzeitungsliste pro 1894 eingetragen unter Nr. 3304. Leitender Artikel. Wanderers Fast und Leid. Berlin, 27. Juni. In wenigen Tagen beginnt die moderne, alljährlich wiederkehrende Völkerwanderung, die uns aus dem aufregenden Leben und Treiben des TageS in die Stille des Landlebens und in die Ruhe der Sommerfrische zieht. Was dieses Jahr an dieser friedlichen Bewegung ungewöhnlich erscheint, ist der Umstand, daß sich ihrer mehrere Zeitungen bereits bemächtigt haben, um daran eine ganz besondere Art von Betrachtungen und Mahnungen für ihre reisenden Leser zu knüpfen. Die Einmüthigkeit, mit welcher dies von den Blättern der verschiedensten Richtungen geschieht, spricht dafür, daß es nicht ausschließlich die Stoffarmuth der Sauregurkenzeit ist, welche diese Rathschläge dtktirt. Schon lange habe ich nichts Unverschämteres gelesen, als was die Staatsbürgerzeitung nach dieser Seite hin unter der Spitzmarke „I u d e nreine Sommerfrischen" zum Besten gibt, und ebenso nichts Faderes und Abgeschmackteres, als was eine hiesige jüdische Zeitung unter dem Titel „Zur Reisezeit" in diesem Genre leistet. Aber in der Unverschämtheit des Antisemiten- Blattes liegt wenigstens System. — Sie glaubt, oder gibt zu glauben vor. durch das Abonnement auf eine antisemitische Zeitung könnte man die Frequnz jüdischer Gäste fernhalten und macht nun aus der Juden-Calamttät in den Sommerfrischen eine Werbetrommel für ein Zeitungs-Abonnement. — Arier dürfen ja aus dem allgemeinen Nothstand ein „Geschäftchen" machen, ohne deßhalb semitisch gehandelt zu haben. „Mein Vorschlag geht also dahin," deklamirt das Antisemitenblatt, „daß jeder Gesinnungsgenosse, der alljährlich eine bestimmte Sommerfrische aufsucht, oder der einen braven deutschen Hotelwirt kennt, der sich gern der jüdischen Störenfriede erwehren möchte, aber nicht recht weiß, wie er es anfangen soll, daß jeder von diesen an seinen Wirth, etwa unter Einsendung diese« Aufsatzes schreibt, er möchte in diesem Sommer nicht die übliche Judenzeitung, sondern versuchsweise einmal ein wirklich unparteiisches oder womöglich antisemitisches Blatt für seine Gäste halten. Auf diese Art würde er die unerwünschte jüdische Kundschaft am sichersten los. Vielleicht konnte der Wirth einwenden, daß er dadurch diejenigen unter seinen deutschen Gästen verstimmen würde, die nicht Antisemiten sind. Aber darin kann er ganz unbesorgt sein. Wenn er ihnen auf ihre Frage antwortet, daß er seinerseits die antisemitische Zeitung nur als „Wanzenmittel" betrachte, so wird auch der eingefleischteste Fortschrittsmann lachend dazu nicken und sich die antisemitische Lectüre gern vier Wochen lang gefallen lassen — vielleicht auch länger. Es ist gerade jetzt die Zeit, wo von den Hotels und Restaurants der Bäder und Sommerfrischen die Zeitungen für die Sommermonate (Juli rc.) bestellt werden, darum sollte jeder, dem mein Vorschlag einleuchtet, so bald wie möglich das erforderliche veranlassen." Wie man die Sommerfrischen von Juden rein hält, das wtffen wir jetzt. Wie man aber sie und sich von Rischus frei hält, dafür werden uns nun „Zur Reisezeit" von einem jüdischen Blatt „einige wohlgemeinte Mahnungen mit auf die Reise gegeben." Diese Mahnungen schrumpfen dann nach einigen Lamentos über die Thatsache, daß es unsere Zeit zu antisemitischen Bädern gebracht hat, zu einer einzigen Mahnung zusammen, die jedenfalls mehr wohlgemeint als wohlüberlegt ist: „Unsere Mahnung geht also dahin, weder „zu enthusiastisch noch zu mißtrauisch, weder zu