Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 50 (25.6.1894)
- Date
- 1894-06-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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918 deine geheimsten Gedanken durchschaut und dir geboten hat mit dttnem Nebenmenschen ebenso wahrhaftig und aufrichtig zu handeln wie in deinem Thun der Gottheit gegenüber (Jeruschalmi Schekalim Perek 3.)«) (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten «ud Correspondeuzeu. Deutschland. Mainz, 18. Juni. Von den verschiedensten Setten erhielten wir in letzter Zeit Anfragen, ob Bilt-Gesuche aus Galizien und namentlich aus Skala, welche oft herzzerreißende Schilderungen von Elend bringen, das in einzelnen Familien ausgebrochen, auf Wahrheit beruhen und ob die betreffenden Petenten der Unterstützung würdig feien. Wir haben unS in Folge dessen an einen hervorragenden Rabbiner in dortiger Gegend gewendet und Lheilt uns derselbe seine Ansicht in Folgendem mit: „Im Allgemeinen sind die Zustände der galizischen Judenhett ganz trostlos. Die Armuth ist sehr bedeutend, die Corruption wächst von Tag zu Tag. Die Reichen thun nichts; der Sinn für Humanität ist fast ganz verschwunden. Die Bettelei wird schamlos betrieben und die verschämten Armen, sowie die redlich sich ernähren Wollenden werden unterdrückt, und zwar nicht nur von der christlichen Bevölkerung, sondern von Strebern aller Art in unserer Mitte, was ich zehn Jahre hindurch in Lemberg und in der Provinz beobachtet habe und selbst an Gut und Blut zu Schaden gekommen bin. DaßauchVorftändeundRabbtnerleider, sei es aus Selbstsucht oder aus Opportunität der Corruption sich verkaufen, ist ein öffentliches Gehetmniß. Selbst die Baron Hirsch'sche Stiftung zur Unterstützung herabgekommener Kaufleute und Handwerker kann den gewünschten Zweck nicht erreichen, weil es überall an organisatorischen Sinn fehlt. Geber und Empfänger verstehen es durchaus nicht, das Richtige zu treffen, und so ist die Krankheit des Pauperismus fast unheilbar. Darum fehlt das Vertrauen zu den Petenten und habe ich selbst dabei die traurigsten Erfahrungen gemacht, und mich überzeugt, daß manche Bittsteller der geleisteten Wohlthat nicht würdig sind, indem selbe entweder gar nicht bedürftig waren, oder die empfangene Unterstützung in unvernünftiger Weise vergeudet haben." Da uns diese Schilderung gar zu pessimistisch gehalten erscheint, so holen wir noch anderweitig Informationen ein und werden nicht verfehlen, solche nach Eintreffen bekannt zu geben. H’ mvb "p"D nman n» nNsft cnnr\ “pa (8 . ('J p~lD D’?pff , Dipon Berlin, 10. Juni. (Eine antisemitische Berichtigung) Im „Posener Tageblatt" vom 21. Februar d. I. befand sich eine Correspondenz aus Birnbaum, in der mitgetheilt wurde, daß 21 der angesehensten, allen politischen Parteien angehörenden Bürger der Stadt Birnbaum einen vom conservativen AmtsrichterJockisch verfaßten Aufruf veröffentlichten, welcher sich gegen die antisemitischen Bestrebungen richtete. In diesem Aufrufe werde gesagt, daß es sogar schon so weit gekommen sei, daß jüdische Frauen und Mädchen des Abends auf der Straße in gröblicher Weise insultirt worden seien. Der Vorsitzende des antisemitischen Vereines in Birnbaum, Cigarrenfabrikant Dumke, hatte hierauf an die Redaction des „Posener Tageblatt" eine Berichtigung eingesendet, die aber nicht ausgenommen wurde, weßhalb gegen den verantwortlichen Redacteur Flammer das Strafverfahren eingeleitet worden ist. Das Schöffengericht hatte den Angeschutdigten freigesprochen; die gegen dieses Urtheil von der Staatsanwaltschaft eingelegte Berufung wurde von der Strafkammer verworfen. In den Erkenntnißgründen heißt es unter Anderm: „Der Antisemitismus ist lediglich eine gewisse moderne geistige Richtung. Das Preßgesetz gesteht aber das Recht auf Berichtigung nur den Behörden und Privatpersonen zu; das Gesetz bewilligt dieses Recht keineswegs den politischen oder gar gewissen geistigen Richtungen. Es würde auch zu völlig unzuträglichen Conscquenzen führen, wenn jedes Mitglied einer politischen Partei, jeder Anhänger einer geistigen Richtung die Zeitungen nöthigen könnte, bezüglich seiner Partei, seiner Geistesrichtung Berichtigungen aufzunehmen." Berlin, 19. Juni. Jüdische Karikaturbilder pflegt der Restaurateur Bodeck in der Friedrichstraße an den Schaufenstern seines Geschäftslokales auszustcllen. Auf eine vom Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ergangene Anzeige war gegen ihn Anklage wegen Uebertretung des § 9 des noch in Geltung befindlichen preußischen Preßgcsetzes erhoben worden, wonach das öffentliche Ausstellen von Plakaten, die einen anderen als rein gewerblichen Inhalt haben, mit Strafe bedroht ist. Der Angeklagte hatte vor dem Schöffengericht behauptet, daß die Ausstellung der Bilder mit seinem Gewerbe Zusammenhänge, da er als Kunstverleger und Schriftenhändler Gewerbesteuer bezahle. Das Schöffengericht hatte den Angeklagten freigesprochen. Die hiergegen eingelegte Berufung des Amtsanwalts ist, der Nordd. Allg. Ztg. zufolge, von der 8. Strafkammer vorgestern verworfen worden. Dürkheim (Rheinpfalz.) Eine hochherzige Stiftung verdanken die isr. Kultusgemeinden von