Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 50 (25.6.1894)
- Date
- 1894-06-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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916 züchtigt man, wenn ich unartig bin, wenn ich Unrecht thue, wenn ich mich zanke; warum? Sind doch auch die Großen oft unartig gegen einander, thun sich Unrecht und zanken und streiten sich herum? Haben die nicht mehr Verstand als ich und sie thun es dennoch, obwohl sie es noch viel besser wissen als ich, was recht ist." Das Kind erkennt eher die Wahrheit als die Großen deßhalb, weil sein Gemüth noch unschuldig, und noch nicht angefreffen ist von Vorurtheilen, von Selbstsucht und Eigennutz. Die Wahrheit spricht aus ihm, wie aus der ganzen Natur, frei und unbefangen, die Großen aber sind geblendet durch Egoismus, durch selbstische Interessen oder durch Irrlehren ihrer Führer und Häupter, die ihre Augen trüben und sie unfähig machen die Wahrheit zu erkennen. Großer Kämpfe bedurfte es immer, um mit ehernem Feger den großen Schutt von Vorurtheilen und falschen Anschauungen vor den Augen der Menge wegzuschaffen und der Wahrheit die Bahn zu ihr zu ebnen, und deßhalb bleibt es immer ein Verdienst für den, der der Wahrheit das Wort redet und wenn diese noch so selbstverständlich ist. Wie mit der Wahrheit, so ergeht es uns auch mit ihrer Lehre, mit na« min, mit der „Lehre der Wahrheit," denn da es nur Eine Wahrheit gibt, so sind beide Eins. Unsere Lehre gilt seit jeher bei allen Völkern als göttliche Wahrheit; Jedermann weiß, daß sie Wahrheit lehrt und ewige Wahrheiten enthält; Jederman weiß, welches Volk der Träger dieser Lehre ist, und dennoch wird es als solches nicht gewürdigt und anerkannt; Jederman weiß, daß der Talmud die Tradition des Judenthums bildet und daß er als solche nur die Fortsetzung der mosaischen geschriebenen Lehre ist, welche also dasselbe in erweitertem Maaße lehrt wie die Bibel und mit derselben keinesfalls in Widerspruch oder Gegensatz kommen darf; diese Wahrheit weiß jeder, auch der grimmigste Judenfeind, und dennoch muß sie immer und immer wieder erst bewiesen werden, weil Egoismus und Haß das Auge der Menge trüben, und die Verblendung ihr die Kraft nimmt der Wahrheit klar ins Antlitz zu schauen. Wir wollen daher den gewiß nicht neuen aber keineswegs überflüssigen Versuch machen, zu erörtern nicht was die Bibel und der Talmud etwa an Lehren der Wahrheit enthalten — sind doch beide ganz Wahrheit nnn rfco — sondern was das jüdische Schriftthum über Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Gewissenhaftigkeit, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit lehrt, sowohl im gesellschaftlichen als im öffentlichen Leben, sowohl dem Glaubensbruder als dem Ntchtisraeliten gegenüber, und wir wollen noch hinzufügen, daß diese Erörterung nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Wie die Allmacht, die Allgegenwart, die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, so sind auch die Wahrheit und die Wahrhaftigkeit Attribute Gottes (Exodus 34, S. 6.) Zu Vorgesetzten des Volkes dürfen nur non Männer der Wahrheit, die frei von jedem Eigenutz sind, gewählt werden (das. 18, S. 21.) „So spricht der Herr Zebaoth: Richtet nach Wahrheit, übet Milde und Barmherzigkeit Einer mit dem Andern" (Secharjah 6, V. 9). Die Lehre Gottes wird die Lehre der Wahrheit genannt (Maleachi K. 2. V. 6.) Ihre Rechte und Satzungen sind wahrhaftig und gerecht (Psalm 19, V. 10.) Denn des Herrn Wege sind Güte und Wahrheit, denen, die seine Gebote und Satzungen wahren, (das. K. 25, V. 10.) Welch herrliches Bild entwirft drr Psalmist von einem Herrscher, der die Förderung der Wahrheit sich zur Lebensaufgabe gemacht hat: „Ich will singen von einem Könige, meine Zange sei ein Griffel eines gewandten Schreibers: du bist der schönste unter den Menschenkindern, holdselig sind deine Lippen, darum segnet dich der Herr ewiglich. Gürte dein Schwert an deine Seite, du Held, und schmücke dich schön. Es müsse dir gelingen in deinem Schmuck, ziehe einher der Wahrheit zum Nutzen, den Demüthigen das Recht zu erhalten, so wird deine rechte Hand Wunder beweisen". (das. 45, V. 2—5.) Ein solcher Weltenkönig ist Gott, dessen Gnade bis zum Himmel reicht und seine Wahrheit so weit die Wolken gehen, (das. 57, V. 11.) Wo die Wahrheit herrscht, dort waltet die Güte und Milde, und Friede und Gerechtigkeit sind mit ihr innig verbunden (Das. 85 V. 11). Die Wahrheit gtebt sich nicht etwa geräuschvoll kund, sie mißachtet jede Gewalt, still und ruhig fast unbemerkt wächst sie gleichsam wie das Saatkörnlein aus der Erde hervor, trotzt wie dieses allen Winterstürmen, die es zu vernichten drohen und bricht mit sanfter Gewalt allmählich alle Fesseln, die sie gebannt hielten, um an das Tageslicht zu gelangen. (Das. V. 12) Denn wie die Gottheit das All erfüllt und durchdrtngt, so ist die Wahrheit allgegenwärtig, ewig bestehend und unzerstörbar. (Das. 89 15.) Sie ist mit dem Allerhöchsten unzertrennlich verbunden, wer Ihn verehrt und anbetet, muß auch ihr huldigen, darum gebietet Gott strenge Wahrheit zu üben (Das. 119, V. 138.) Denn sie ist sein Kleinod, das Er sorgsam behütet und bewacht in aller Ewigkeit (Das. 146 V 6.) Die Wahrhaftigkeit ist das Heil des Frommen, der Schutz des Edlen und Aufrichtigen, sie behütet ihn vor schlechtem Wandel, vor Ränkeschmieden, die sich freuen Böses zu thun und frohlocken in ihrer Schlechtigkeit. (Sprüche 2, V. 7—15.) Nichts