Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 50 (25.6.1894)
- Date
- 1894-06-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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:&W X&*V. Ji)cgn,. jß FO Der Israelit. Ein Aentrat-Hrgan für das orthodoxe ZudenIHum. Begründet von Dr. Lehman» in Mainz. Montag» de« SS. Juni 5654 (1894). Da mit dem 1. Juli 1894 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. In der Postzeitungsliste pro 1894 eingetragen unter Nr. 5594. Leitender Artikel. Die Wahrhaftigkeit und die Ethik des Judenthums. Von Rabb. Heinrich Galandauer in Soborten (Böhmen). I. Wahrhaftigkeit in Gesinnung und Sprache. Die Beschäftigung mit der Wahrheit wirkt erhebend, befreiend und erlösend. Sie ruft ein Gefühl der Glückseligkeit hervor, das kein irdischer Genuß zu bieten vermag, streift sanft und milde, wie mit Zauberhand allen Erdenjammer aus dem Menschenherz hinweg und erfüllt das Gemüth mit Licht nnd Eckenntntß, mit dem erleuchtenden, erhabenen Gottesstrahl. Wahrheit! Du Heilige! Du Göttliche! Wie die Gottheit selbst, so durchdringst Du das All. erhältst Du die Welt, bist Du allgegenwärtig; Du „wächst aus der Erde hervor", „leuchtest vom Himmel herab", schwebest in der Luft, warst von jeher gewesen und wirst ewig sein, Jeder sieht Dich, aber nicht Jeder erkennt Dich, und trotz Deiner sichtbaren Allgegenwart und Deiner ewigen Existenz, bliebest Du der großen Menschengesammtheit gänzlich fremd; achtlos ging sie im Laufe der Zeiten vor Dir vorüber und man muß ihr erst beweisen, daß Du Du bist, daß Du Dir ewig gleichgeblieben, daß Du überhaupt noch lebest, bestehst, ruhig und stille fortwaltest, bis endlich Allen die Augen geöffnet werden und sie Dich in Deiner ganzen Gryße und Erhabenheit zu erkennen und zu würdigen wissen. Es widerstrebt jedem Befferdenkenden erst als Anwalt der Wahrheit auftreten zu müffen, die für Jeden als längst erwiesene Wahrheit gilt, und er empfindet es wie eine Anmaßung etwas erst beweisen zu wollen, was Jeder für selbstverständlich hält, und dennoch ist die ganze Menschheitsgeschichte nicht anderes als ewiger Kampf um die selbstverständlichste Wahrhett. Was ist selbstverständlicher, als daß die Menschen alle geschaffen wurden, um friedlich und einträchtig neben einander zu leben? Und dennoch teirb diese Wahrheit nicht beachtet und der Bölkerfrieden wird als Utopie verlacht. Was liegt näher, als daß überall nur das Recht siegen soll und dennoch triumphirt zumeist die Gewalt; was ist selbstverständlicher, als daß der Werth des Menschen in seiner Sittlichkeit und Befähigung besteht, und dennoch wird er geschätzt nach Stand und Klaffe, der er angehört, gibt es Hochadel, Kleinadel, Bürger rc.; wer kann leugnen, daß alle Menschen gleich vor Gott sind, und dennoch muß diese Wahrhett tausendmal wieder bewiesen werden und ste wird immer und immer wieder geleugnet; was ist naheliegender, als daß jeder das Recht hat zu glauben, was seine innerste Ueberzeugung ist. und dennoch befehden stch die Meuschen wegen Religion, Nationalität und Sprache. Die primitivsten Begriffe über Recht und Unrecht, über Wahrheit und Lüge, welche jedes Kind für so ganz selbstverständlich hält; um dieselben nur einigermaßen zur Geltung zu bringen, muß die Menschheit seit ewigen Zetten mit allen Kräften ringen und kämpfen. Das Kind öffnet die Augen und staunt über diese sonderbaren „Größen", um was diese Erwachsenen stch in dieser Welt alles herumschlagen, und es fragt betroffen: „Warum find die Menschen nicht so, wie es die Religion so schön lehrt und wie es der liebe Gott haben will? Das wäre doch viel schöner. Mich