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Der Israelit · 1894-06-21 · Heft 49 (21.6.1894) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 49 (21.6.1894)
Date
1894-06-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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901 Feuilleton. - Eine jüdische Mutter. Bon Berrrard Auerbach. (Schluß.) Von seinen Empfindungen überwältigt, wankte jetzt Jllanowsky mehr denn er ging zur Thüre hinaus, begleitet von den Segnungen und Dankessprüchen der Anwesenden. Diese aber lud der Rabbi mit verständlicher Geberde zum Bleiben ein. Die begreifliche Spannung der Gemüther während der geschilderten Scene hatte sich gelöst — im Kreise der Hörer ward es allmählich stiller — der Rabbi hatte, die Sammtkappe ein wenig nach rückwärts schiebend, so daß sein geistvolles Antlitz und die hohe Denkerstirne noch mehr hervortrat, abermals das Wort ergriffen: „Junge Freunde! Ich habe diese Aufnahme eines reuig Zurückkehrenden in den Bund des alten angestammten Glaubens, deren Zeugen Sie jetzt gewesen, nicht allein nach reiflicher Erwägung, wie es die gegenwärtig bewegte Zeit heischt, sondern auch im Einverständnisse mit dem Sohne Jllanowsky's, der mein Amtskollege in einer Gemeinde Deutschlands ist, vorgenommen." „Ich hielt es für meine Pflicht dem alten Manne die Ruhe seines Gewissens wiederzugeben und einem solchen Sohne, der eine Zierde unseres Berufes bildet und der in seiner Gemeinde der höchsten Achtung und Verehrung sich erfreut, einen Vater zuzuführen, über den er nie mehr zu erröthen Ursache haben soll." „Ich habe also das ruhige Bewußtsein treuer Pflichterfüllung, dennoch bitte ich Sie über das Gesehene und Gehörte Stillschweigen zu beobachten." „Der Zaun der Weisheit ist Schweigen." „Die Briefe, welche ich von dem erwähnten Amtskollegen erhielt, gewährten mir einen tiefen und lehrreichen Einblick in ein herrliches Menschengemüth, das erfüllt ist von Humanität und Poesie, von Begeisterung und Hingebung für den dornigen und nicht rosig umschlungenen Pfad eines wahrhaft jüdischen Seelenhirten." „Zwei Mütter sind es," — so schrieb er mir — „für die er erglüht und denen er sein ganzes Sein und Empfinden widmet — die erste sei unsere alte ehrwürdige, die ganze Menschheit in Liebe umfassende Mutter — das Judenthum — die zweite sei die eigene heldenmüthige Mutter, die ihn der ersten Mutter erhalten, deren Segen den Fluch seines Vaters von ihm abgewendet hätte!" „Noch heute will ich ihm schreiben, daß er auch seinen Vater wieder gefunden habe."- Eine Handbewegung des ehrwürdigen Sprechers zeigte den aufmerksam Zuhörenden an, daß er nunmehr allein zu sein wünsche und die Betstube des Rabbi war bald verlassen; die Meisten der Fortgehenden aber dachten im Geiste noch lange an diesen seltsamen Vorfall. Ein Jahr mochte seither verflossen sein und wir begegnen in der Studirstube des gelehrten „Oberjuristen" Rapoport, denselben bekannten Jüngern der jüdischen Theologie „Rabbinatskandtdaten" genannt, welche wir schon einmal dem Leser vorgestellt haben. Da ist wieder der behäbige Joachim Kopal, an dessen unvertilgbare Korpulenz sich das Auge jenes andern strengen „Oberjuristen" seitdem gewöhnt hat; Schiffer zeigt sein freundlich strahlendes Antlitz, das eine Heiterkeit des Gemüthes verräth, die der „herbste Rambam" nicht erschüttern kann; der würdevolle Weiß und der lebhafte Schwarz lauschen, jener stillestehend und dieser lebhaft gestikulirend, dem scharfsinnigen Vortrage des Meisters. Wir erblicken auch viele neu hinzugekommene „Bachurim", welche in den ruhiger gewordenen Zetten nach dem damals noch als jüdische Alma mater geltenden Prag, zum Zwecke, ihre jüdischen Studien zu vollenden, gelangten. Dagegen vermissen wir zwei Bekannte unter den bemoosten Häuptern der Prager „Jeschiwa" Bernard Alt und Eduard Langfeld. Wir erfahren, daß der Erste von seinen Eltern zur Leitung ihres Holzgeschäftes zurückberufen wurde und die „Thora nicht zum Spaten," sondern den Spaten zur Thora genommen hat. Eduard Langseld erreichte die erste Sprosse auf der kurzen hierarchischen Letter des israelitischen Theologenstandes, indem er ein Rabbinat in einer kleinen Gemeinde Mährens erlangte. Der Vortrag des Rabbi ist in eine fesselnde geistreiche Form gekleidet; er reißt viele der Hörer hin durch Geberden und bekräftigende Zusprüche eine gewisse Beifallssalve zu spenden, hie und da fährt eine Hand wie betheuernd auf den vor Jedem aufgeschlagenen Folianten hin und her — die Debatte oder wie es der Fachmann nennt, der „Ptlpul" scheint in Fluß zu gerathen; ab und zu wird die Thüre geöffnet und ein Dilettant des Talmudfaches aus dem Kreise der Prager „Balbattm" sucht so geräuschlos als möglich ein Plätzchen aufzusuchen. Doch das stört die dem Vortrage mit gespannter Aufmerksamkeit folgenden Zuhörer nicht, fie gewahren auch gar nicht, daß ein fremder Herr von mittlerer Statur in das Zimmer trat. Es lag auch nichts Auffälliges darin, denn es kamen oft Durchreisende oder Besucher aus fernen Ländern während der „Schiurstunde" des weltberühmten gelehrten Rapoport. Der Fremde hat eine frappirende Physiognomie, das lang wallende schwarze Haar, der gepflegte

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